Dienstag, 29. Mai 2012

Wer kümmert sich um unsere Schulden bei der Natur?

Spätestens seit Francois Hollande Präsident von Frankreich geworden ist, steht Medienberichten zufolge Frau Merkel, die Eiserne Lady mit ihrer strengen Sparpolitik, in der euro-amerikanischen Gemeinschaft ziemlich isoliert. Da diese Politik bisher keinen Erfolg gezeitigt hat, da, im Gegenteil, die Wirtschaften der EU-Länder weiter an Rezession bzw. Stagnation leiden und da außerdem einige der leidenden Völker Widerstand gegen diese Politik leisten, heißt es nun überall, zur Bewältigung der Krise genüge Sparen nicht. Die Wirtschaft müsse auch wachsen, damit der Staat mehr Steuer einnehmen könne. Sonst könne auch der Haushalt nicht saniert werden. Die Argumente der Gegner der Sparpolitik scheinen zu greifen. Da sie inzwischen auch einige für sie unangenehme Wahlergebnisse verkraften muss, zeigt sich Merkel ein bisschen kompromissbereit. Sie sagt: Wachstum ja, aber nicht auf Pump, denn das führe die EU zurück zu der Situation, in der die gegenwärtige Krise begann. Aber wie soll sonst wieder Wachstum bewirkt werden?.
Eine überzeugende Antwort auf diese Frage, habe ich bis jetzt nicht gehört. Die Wirtschaftspolitiker der Welt sind mit ihrem Latein am Ende. Kann es sein, dass es keine überzeugende Antwort auf diese Frage gibt? Da muss zuerst Klarheit über die Lage geschaffen werden..
Die EZB hat vor einiger Zeit eine riesige Menge neues Geld gedruckt – eine Billion Euro – und dieses ganz billig an europäische Banken geliehen. Diese haben mit dem Geld, wie es in den Medien heißt, zweierlei getan: (a) Sie haben neue Anleihen der Krisenländer gekauft, was von der EZB gewollt war. Wenn alles gut geht, werden die Banken mit diesem Geschäft sehr viel Profit machen. (b) Und sie haben das Geld gebunkert, damit sie bei Verschärfung der Bankenkrise den Bankrott abwenden können. Dieses neu gedruckte Geld ist, allgemein gesprochen, nicht in die Realwirtschaften der Krisenländer geflossen. Das ist das Geheimnis des Ausbleibens einer starken Inflation. Die Verbraucher wagen es nicht, einen Konsumentenkredit zu beantragen. Und Handel und Gewerbe haben Schwierigkeit, neue Kredite zu bekommen; die Banken haben Angst. Und auch das Geld, das die Krisenländer durch den Verkauf ihrer neuen Anleihen bekommen haben, ist nicht im Keynesschen Sinne ausgegeben worden. Die Regierungen haben mit diesem Geld nur die alten Schulden bedient. Wir sehen, trotz dieser riesigen Summe von neu gedrucktem Geld stagniert die Wirtschaft der EU, und eine neue Rezession ist prognostisiert worden. Wo soll also noch mehr Geld herkommen, das die Staaten in noch mehr Infrastrukturprojekte, in Bildung etc. investieren sollen, damit Arbeitsplätze entstehen? Steuererhöhung ist doch als Geldquelle ausgeschlossen!.
Ist es vielleicht so, dass kein Potential mehr für weiteres Wachstum existiert? In Spanien wurde kurz vor der Krise ein Flughafen gebaut, wo keine Maschine abflog. In Irland, Spanien und England wurden Häuser und Wohnungen gebaut, die wegen ihrer zu hohen Kosten keinen Käufer oder Mieter fanden. In der aufstrebenden Wirtschaftsmacht Indien ist wegen zu hohem Preis von Flugkerosin eine große Fluggesellschaft pleite gegangen. Auch um Löcher im Boden zu graben und sie wieder zuzuschütten, muss ein Staat Geld leihen, das er später nicht wird zurückzahlen können. Wie kann dann die Konjunktur wieder angekurbelt werden?.
Was mich sehr erstaunt, ist, dass jetzt auch die deutschen Grünen ins gleiche Horn stoßen wie Hollande und die deutschen Sozialdemokraten. Sie fordern einen Politikwechsel zur Wachstumsförderung. Dabei stand bei der Gründung ihrer Partei Wachstumskritik an der ersten Stelle ihrer Programmatik. Da war die Rede von sparsamem Umgang mit Ressourcen. Alles vergessen. Ökologie vergessen, zukünftige Generationen vergessen, Arme unterentwickelte Länder vergessen. Wachstum ist das neue Mantra der Grünen..
In der grünen Literatur der 1980er Jahre habe ich oft von "unseren Schulden bei der Natur" gelesen. Oft war auch die Rede davon, dass wir auf Kosten der künftigen Generationen leben. Wie sollen unsere Schulden bei der Natur reduziert werden, wenn wir immer mehr in Infrastrukturbau investieren? Solche Schulden steigen doch mit jeder solcher Investition..
Merkel ist keine Grüne, und sie will auch keine sein. Aber ihre Sparpolitik ist ein Stück echt grüne Politik, obwohl sie das nicht weiß. Ich wünsche ihr viel Erfolg dabei. Das Problem der Arbeitslosigkeit kann auch anders gelöst werden als durch Wachstum. Das ist in Deutschland vorexerziert worden. 2009, im schlimmsten Krisenjahr mit einer Rezession von -5%, wurde Kurzarbeit eingeführt, und so mussten viel weniger Arbeiter entlassen werden, als gefürchtet wurde. Dieses Beispiel könnte als eine generelle Arbeitsmarktpolitik adoptiert werden – in einer Zeit, in der die Grenzen des Wachstums spürbar geworden sind. Auch von Hollande könnte Merkel etwas übernehmen. Ihm folgend könnte sie ihr eigenes Gehalt und das ihrer MinisterkollegInnen um 30% kürzen. Das würde ihre Glaubwürdigkeit in Griechenland und Spanien verbessern.

Mittwoch, 21. März 2012

Öl oder Bücher?

Schon seit langem hören wir gelegentlich vom "Fluch des Öls". Was man damit ausdrücken will, ist dreierlei. Erstens will man damit auf die bekannten Konflikte unter Nationalstaaten hinweisen, die unvermeidlich bei der Verfügung über diese wertvolle Ressource entstehen. Man denke an die Machenschaften der USA in den 1950er Jahren, um den damaligen iranischen Premierminister Mosaddeq zu Fall zu bringen. Man denke an den Irak-Krieg und den Konflikt zwischen Großbritannien und Argentinien über die Falklandinseln im Südatlantik. Zweitens will man damit auf die oft bewaffneten Konflikte innerhalb eines Nationalstaates hinweisen, bei denen es um die Verteilung des Einkommens vom Ölreichtum der Nation geht – zum Beispiel in Nigeria und in Sudan, wo es zu einem regelrechten Bürgerkrieg kam.
Die dritte Bedeutung des Ausdrucks ist sehr viel anders als die ersten zwei. Man will sagen, dass Länder, die viel Öl oder andere hochwertige Ressourcen haben, in punkto wirtschaftliche Entwicklung zurück bleiben. Dieser vermutete Zusammenhang wird dadurch erklärt, dass sowohl die führende Klasse als auch das Gros der Bevölkerung dank den üppigen Einnahmen vom Rohstoffexport bequem leben können. Infolgedessen fehlt ihnen der Antrieb zur harten Arbeit für wirtschaftlichen Entwicklung. Es werden Beispiele gegeben, die, oberflächlich gesehen, überzeugen: Die ölreichen Staaten wie Saudi Arabien, Kuwait, Venezuela usw. und das diamantenreiche Botswana sind Beispiele für die These. Wirtschaftlich erfolgreiche Länder wie Japan, die asiatischen Tiger der 80er bis 90er Jahre, Israel usw. haben keinen bzw. wenig Ressourcenreichtum, von dem sie gut leben könnten. Auch die heutigen aufstrebenden Wirtschaftsgiganten China und Indien haben wenig Rohstoffe zu exportieren.
Thomas Friedman, Kolumnist der New York Times, schrieb kürzlich (NYT in SZ, 19.3.2012) über Israel: "Israel hat eine der innovativsten Wirtschaften, und seine Bevölkerung genießt einen Lebensstandard, den die meisten ölreichen Länder der Region nicht anbieten können." Er erklärt dieses Phänomen so: "Taiwan hat seine 23-Millionen-Bevölkerung miniert, ihre Talente, Energie und Intelligenz – Männer und Frauen." Das Land habe kein Öl, kein Eisenerz, keine Wälder, keine Diamanten, kein Gold, nur einige wenige Kohle- und Erdgasvorkommen. Darum hat es "die Gewohnheit und Kultur entwickelt, die Fähigkeiten des Volkes zu schleifen, die eigentlich die wertvollste und die einzige echt erneuerbare Ressource der Welt sind."
So was Ähnliches haben wir sehr viel früher auch in Deutschland gehört. Schon 1989 schrieb ein Autor namens Herman Laistner, Deutschland werde – dank der überlegenen "grauen Hirnzellen" seiner Wissenschaftler, Techniker und Ingenieure – den entscheidenden Markt erobern, nämlich den für "besonders 'intelligente' Produkte" sowie technologisch hochstehende Maschinen und Fertigungserzeugnisse. Den Markt für "Massenwaren" und "minderwertigen Ramsch" möchte er "anderen überlassen".
Solche Gedanken implizieren, als wären das Bildungs- und Ausbildungsniveau, Talent, Intelligenz, Fleiß und Fertigkeiten die einzige Quelle des wirtschaftlichen Erfolgs und Wohlstands einer Nation. Ein solches Denken führte auch dazu, dass man seit einiger Zeit von Wissensgesellschaft und "knowledge-based economy" redet.
Friedman nennt solche Sachen Ressourcen. Das ist aber falsch.
Das sind keine Ressourcen. Ressourcen sind eigentlich fruchtbarer Boden, Süßwasser und die Sonnenstrahlung, Arbeitskraft von Tieren, Energiequellen wie Holz, Kohle, Öl und Gas, Grundstoffe wie Metalle, seltene Erden und andere chemische Substanzen. Ohne diese kann ein noch so intelligentes und hoch ausgebildetes Volk nichts schaffen.
Natürliche Intelligenz und Talente sind unter den Völkern gleichmäßig verteilt, und sie sind tatsächlich erneuerbar, weil sie mit den Genen den Nachfahren weitergegeben werden. Auch Bildung und Ausbildung können überall organisiert werden, wenn genug Ressourcen da sind. Die wirklichen Ressourcen sind aber unter den Völkern sehr ungleichmäßig verteilt. Darum entstand ja die Notwendigkeit von internationalem Handel. Friedman schrieb, Taiwan müsse sogar Sand und Kies für Häuserbau von China importieren.
Zudem sind die für eine Industriegesellschaft wichtigsten der oben genannten Ressourcen, die fossilen Energiestoffe, knapp und nichterneuerbar. Auch die Metalle, erst recht die seltenen, sind schwer recyclebar. Nicholas Georgescu-Roegen nannte sie "die begrenzte Mitgift", die wir einmalig von Mutter Natur bekommen haben.
In der kapitalistischen Weltordnung sind die Völker ungleich situiert. Sie haben sich geschichtlich unterschiedlich entwickelt. Das ist auch der Grund dafür, dass das ressourcenarme Taiwan heute ein wohlhabendes Land ist, während, zum Beispiel, das ölreiche Nigeria an Armut und Chaos leidet. Wenn wir aufhören, die Völker der Welt im einzelnen zu betrachten, und sie stattdessen als eine Menschheit ansehen, dann ergibt sich ein anderes Bild. Alle Völker der Welt können nicht reich werden, weil ja die wertvollen Ressourcen knapp und nichterneuerbar sind. Sie könnten aber miteinander in Frieden leben, wenn die Jagd nach Macht und Reichtum aufhören würde.

Montag, 13. Februar 2012

Eine stagnierende Ökonomie ist eine gute Ökonomie
eine schrumpfende wäre eine bessere

Neulich las ich ein paar interessante Zeitungsartikel über die wirtschaftliche Lage in Japan. Wie meine Leser wohl wissen, gilt Japan in Ökonomenkreisen als der gefallene Riese. Die neunziger Jahre und die danach galten als die "verlorenen Jahrzehnte", Jahre der Stagnation. Auch die heutige Lage ist düster: die Staatsverschuldung beträgt 220 Prozent des BIP. Trotz Zinssätzen von unter einem Prozent braucht der Staat ein Viertel seiner Einnahmen für den Schuldendienst. Es gibt wenig Hoffnung, dass das Land die Misere durch Wirtschaftswachstum überwinden könnte. Seine Bevölkerung schrumpft und altert. Sie wird künftig weniger konsumieren usw. Nach Erdbeben, Tsunami und Fukushima ist die Lage noch schlimmer geworden. 2011, zum ersten Mal in 30 Jahren, verzeichnete das Land eine negative Handelsbilanz. Ein CNN-Kommentator beschrieb Japan als "ein sehr demoralisiertes Land", es sei wirklich zurückgeworfen worden.
Einer der Artikel (New York Times in SZ, 23.1.2012) aber widerspricht dieser Lagebeschreibung. Der Autor Eamonn Fingleton nennt sie "einen Mythos". Er behauptet, in vieler Hinsicht habe die japanische Wirtschaft in den so genannten verlorenen Jahrzehnten sehr gut abgeschnitten, in einiger Hinsicht sogar besser als die USA und Westeuropa.
Fingleton argumentiert unkonventionell. Als Beleg für seine Behauptung verweist er auf einige Errungenschaften, die wenig zu tun haben mit den gewöhnlichen Wirtschaftsindikatoren. Obwohl das BIP pro Kopf in den Jahren seit 1989 durchschnittlich nur um 1 Prozent wuchs, und obwohl weder die Immobilienpreise noch die Aktienkurse zur gleichen Höhe zurückkehrten wie in den Jahren vor dem Crash von 1990, konnte Japan seinen Bürgern, so behauptet Fingleton, einen immer besseren Lebensstil bescheren. Als Errungenschaften nennt er zwar ein paar belanglose Sachen wie die Anzahl von neu gebauten Hochhäusern, die Anzahl von Städten mit schnellstem Internetdienst, den steigenden Wechselkurs des Yen, und den Leistungsbilanzüberschuss. Aber als Errungenschaft nennt er auch die Tatsache, dass zwischen 1989 und 2009 die Lebenserwartung von 78,8 auf 83 Jahre gestiegen ist, was auf bessere Gesundheitsfürsorge zurückzuführen ist. Aber der stärkste Beleg für die Überlegenheit der japanischen Wirtschaft gegenüber denen anderer Industrieländer ist die sehr niedrige Arbeitslosenquote von 4,2 Prozent.
Ich halte die Betonung dieser zwei qualitativen Aspekte der Wirtschaftsentwicklung für einen Lichtblick in der Publizistik. Hinter dem scheinbaren Paradox von einer sehr niedrigen Arbeitslosenquote in einer stagnierenden Wirtschaft liegt eine soziale Errungenschaft. Aus institutionellen/kulturellen Gründen ist es in der japanischen Wirtschaft nicht so leicht bzw. nicht üblich, Beschäftigte bei Rückgang in Produktion oder Umsatz sofort zu entlassen. Es gibt da die Tradition der lebenslangen Beschäftigung bei derselben Firma. Bei großen Konzernen gilt diese Tradition vielleicht nicht mehr, oder nur begrenzt. Aber die Arbeitslosenquote zeigt, dass sie noch immer gilt.
Nach Lektüre dieser positiven Bewertung der Lage in Japan könnten sich Menschen mit der Idee einer Postwachstumsökonomie anfreunden. Man könnte denken, so schlecht kann es also nicht sein, wenn die Wirtschaft nicht mehr wächst. Aber nicht so schnell! Wir dürfen nicht vergessen, dass Japan, und auch Deutschland, wo zurzeit sehr viel über ein Szenario jenseits des Wachstums geredet wird (besonders in Attac-Kreisen), schon eine sehr hohe Stufe der wirtschaftlichen Entwicklung erreicht haben. In unterentwickelten Ländern, selbst in Schwellenländern wie Indien und China, kann man nicht so einfach eine positive Einstellung zu einem wachstumslosen Wirtschaften einnehmen, zumal in solchen Ländern die Bevölkerungszahl stetig steigt, und zudem in manchen solcher Länder etwa 50 Prozent der Bürger unter 30 Jahre alt sind.
Die wirtschaftliche Stagnation in Japan ist nicht gewollt, genau wie die Stagnation im größeren Teil Europas nicht gewollt ist. Aber auch wenn sie nicht gewollt ist, sollten wir sie aus ökologischen und Ressourcen-Gründen begrüßen. Jedoch Stagnation auf hohem Niveau macht noch keine steady-state Ökonomie aus. Dazu gehört ein starkes Zurückfahren des Ressourcenverbrauchs und ein gewollter Rückgang der Bevölkerungszahl.
Werden die Protagonisten einer Postwachstumsökonomie in Europa (besonders Attac-Aktivisten) unmissverständlich für eine Wirtschaftsschrumpfung plädieren? Und werden die Umweltaktivisten in den Dritte-Welt-Ländern für eine Schrumpfung ihrer Bevölkerungszahl eintreten? Das wären zwei gute Anfangsbeiträge zur Transformation der gegenwärtigen Weltwirtschaft zu einer steady-state Weltwirtschaft.
Mit einer steady-state Wirtschaft muss die Gesellschaft nicht zu einer langweiligen, regressiven Gesellschaft werden. Dazu zwei Zitate:
Schon 1931 schrieb Keynes, dass er "…tief davon überzeugt ist, dass das ökonomische Problem … eine schreckliche Verwirrung ist. … . Die westliche Welt [hat] schon die Ressourcen und Technologien, die … in der Lage sind, das ökonomische Problem … zu einem Stellenwert sekundärer Wichtigkeit zu reduzieren." Er hoffte, dass "… die Arena des Herzens und des Kopfes von unseren wirklichen Problemen besetzt, oder wiederbesetzt, werden wird – von den Problemen des Lebens und der Verhältnisse der Menschen untereinander, der Schöpfung, des Verhaltens und der Religion." Man kann hier erkennen, was Keynes für die wirklichen Probleme der Menschheit hielt. Wirtschaftswachstum gehörte nicht zu ihnen.
Noch viel früher, im Jahre 1857, schrieb John Stuart Mill, dass "… ein Zustand konstanten Kapitals und gleich bleibender Bevölkerungszahl nicht mit einem stillstehenden Zustand menschlicher Erfindergabe gleichzusetzen ist. Es gäbe ebensoviel Spielraum für alle Arten geistiger Kultur, für moralischen und sozialen Fortschritt, genau so viele Möglichkeiten, die Lebensführung zu verbessern, und es wäre wahrscheinlicher, dass dies auch geschehen würde."

Sonntag, 22. Januar 2012

Noch einmal über "grüne Energie"

Ich verfolge die Debatte seit den frühen 1990er Jahren und bin immer noch nicht klüger geworden. In meinem Buch "Die nachhaltige Gesellschaft" (2001, Kapitel 4) habe ich gezeigt, wie unterschiedlich die Schätzungen der verschiedenen Forscher über die "Energierücklaufzeit" (auch "energetische Amortisationszeit" genannt) der Fotovoltaik-Technologie in den 1990er Jahren gewesen sind. Die Zahlenangaben stiegen stetig: von 1,2 Jahre (1991) bis 10 Jahre (1995), trotz aller technologischen Entwicklungen. Schwer zu erklären. Das heißt, es ist sehr schwierig, diesen Wert zu errechnen.
1996 schätzte der amerikanische Forscher Howard D. Odum (zitiert in Heinberg, 2004), die EROEI (energy return on energy invested, auf Deutsch: Verhältnis von gewonnener zu investierter Energie) von Windkraftanlagen sei 2. Das heißt für eine Einheit investierter Energie erntet man 2 Einheiten Energie. Das heißt, Nettoenergiegewinn in diesem Fall sei 1 Einheit. Jetzt höre ich von Georg Löser (in Greenhouse Infopool): "Die energetischen Amortisationszeiten [von Windkraftanlagen auf Land] liegen zwischen gut drei und sechs Monaten. Es ergeben sich daraus bei einer kalkulatorisch angesetzten Lebensdauer von 20 Jahren Erntefaktoren [EROEI] von etwa 70 für die große Anlage beziehungsweise 40 für die kleine."
Die Diskrepanzen sind so groß, dass man Zweifel haben muss. Offensichtlich gibt es keine Einigung unter Forschern über die Kalkulationsmethoden. Energiekosten (anders als Geldkosten) einer Energietechnologie von der Wiege bis zur Bahre zu errechnen, ist auch sehr schwierig. Die Kalkulation muss auf zu vielen unsicheren Annahmen beruhen. Die Gefahr ist nicht gering, dass der Forscher solche Annahmen macht, die das gewünschte Ergebnis produzieren. Oder er macht schlicht Fehler.
Einem interessierten Laien wie mir bleibt also nichts anderes übrig, als eine andere logische Denke anzuwenden: Wegen immer schwieriger werdender geographischer und geologischer Verhältnisse steigen die energetischen Extraktionskosten der meisten Rohstoffe – von Öl, Kohle, Gas und Uran, über die bekannten Industriemetalle bis zu den seltenen Erden (das ist einer der wichtigsten Gründe dafür, dass ihre Geldpreise sehr stark gestiegen sind und weiter steigen werden.) Mithilfe eben solcher Rohstoffe werden auch Fotovoltaik-Module und Windkraftanlagen gebaut. Das bedeutet, dass der notwendige Energieinput für deren Bau stetig steigt. Der durchschnittliche Energiegehalt von Sonnenschein und Wind bleibt aber unverändert. Unter diesen Bedingungen kann der Nettoenergiegewinn der genannten erneuerbaren Energietechnologien nicht sprunghaft steigen. Wahrscheinlicher ist, dass er eher sinkt. Es sei denn, dass Wunder geschieht, was eigentlich nie geschieht, obwohl kleine Fortschritte nicht auszuschließen sind.
James Lovelock, Vater der Gaia-Theorie, arbeitete an einem Projekt, das auf die Frage antworten wollte, ob es auf dem Mars Leben gibt. Er dachte: Es ist sehr schwierig, auf dem Mars zu landen und ein paar tausend Bodenproben zu sammeln. So stellte er sich die Frage, wie wäre die Marsatmosphäre, die leichter zu untersuchen ist, chemisch, wenn es da Leben gäbe. In ähnlicher Weise frage ich mich, wie wäre die finanzielle "Atmosphäre" der erneuerbaren Energietechnologien, wenn ihre Erntefaktoren tatsächlich ungefähr 40 bis 70 wären. Sie hätten längst alle konventionellen Energietechnologien vom Markt vertrieben. Denn nach Odum/Heinberg beträgt der Erntefaktor vom Öl aus dem Mittleren Osten nur 8,4, der von Kohle aus Wyoming 10,5, und der von terrestrischem Gas 10,3.
Statt den Markt rapide zu erobern, verlangen die erneuerbaren immer noch Subventionen in verschiedenen Formen. Wie soll man das überhaupt verstehen? Und warum gerät die Fotovoltaikindustrie in Panik, wenn die Regierung die Förderung etwas kürzen will? Und warum sind in den letzten Monaten drei große Solarenergiefirmen trotz aller Subventionen pleite gegangen (zwei in Deutschland, eine in den USA)? Der Fakt, dass die erneuerbaren Subventionen brauchen, ist ein Indiz dafür, dass sie zwar machbar, aber allein nicht lebensfähig sind – in dem Sinne, dass der Nettoenergiegewinn, wenn es den überhaupt gibt, zu gering ist, um damit die zweite Generation der Solar- und Windkraftwerke zu bauen, nachdem die Lebensdauer der ersten Generation ausgelaufen ist. Dann nutzt es nichts, dass sie beim Betrieb kein CO² ausstoßen.
Man muss verstehen, woher die Subventionen kommen. Sie kommen vom Gesamtertrag der ganzen Wirtschaft, die bekanntlich größtenteils von den konventionellen Energien, hauptsächlich von fossilen Brennstoffen, getrieben wird. Wie können erneuerbare Energietechnologien die Energietechnologien ersetzen, von denen sie leben? Sie sind Parasiten, die sterben würden, sobald der Wirt stirbt.
Eine andere Frage, die man aufwerfen muss, ist, warum das sonnen- und windreiche Indien, immer noch neue Kohle- und Atomkraftwerke bauen will. Für indische Ingenieure wäre es doch keine schwierige Aufgabe, jedes Jahr ein paar tausend Windkraftanlagen und kleine und große Solarkraftwerke zu bauen. Und warum exportieren die Chinesen lieber ihre Fotovoltaikmodule nach Europa und Amerika, statt mit ihnen ihren CO²-Ausstoß zu reduzieren?
Zugegeben, das sind alle Indizien, indirekte Argumente, keine Beweise. Aber ich muss diese Denkart anwenden, weil die Zahlen der Forscher unzuverlässig sind. Ich denke, der Disput wird in den nächsten zehn Jahren entschieden sein.

Montag, 16. Januar 2012

Optimismus zum neuen Jahr —
ausnahmsweise

Von jeher wünschen wir uns am Jahresende gegenseitig ein gutes neues Jahr, eines, das schön und erfolgreich sein soll. Bis vor vier Jahren war das ein realistischer Wunsch. Dann kam die große, nicht enden wollende, Angst einflößende Krise. Da gibt es nicht nur die vielseitige Weltwirtschaftskrise. Parallel dazu scheiterte eine UN-Klimakonferenz nach der anderen. Seitdem klingen solche Neujahrswünsche für viele unrealistisch, hohl, wie eben eine traditionelle Formalität. Überall herrscht eine pessimistische Grundstimmung. Sogar Frau Merkel sagte in ihrer diesmaligen Neujahrsansprache, das Jahr 2012 werde für die Deutschen schlechter sein als das vergangene Jahr.
Aber am Vorabend des neuen Jahres las ich in der SZ einen Text, der, was die Stimmung betrifft, total konträr zu der pessimistischen Grundstimmung steht. Er trägt auch den Titel "Optimismus". Das ist ein Gespräch mit dem erfolgreichen britischen Buchautor Matt Ridley, ein promovierter Zoologe, der in den 1980er Jahren der Wissenschaftsredakteur des renommierten britischen Wirtschaftsmagazins "The Economist" war.
Man sollte den Text schon lesen. Denn, wenn Ridley recht hat, dann haben wir Grund, entspannt auf die Zukunft zu blicken. Dabei ist Ridley kein einfacher, charakterlich unverbesserlicher Optimist. Er sagte: "Instinktiv bin ich genauso wenig Optimist wie die meisten. Es sind Zahlen, Daten, Fakten, Trends, die mich überzeugt haben." Es wäre wunderbar, wenn er recht hätte.
Seine Fakten scheinen auf den ersten Blick überzeugend zu sein: Er sagte: "Allein zu meinen Lebzeiten [er ist 53 Jahre alt] ist der Durchschnittserdenbürger … dreimal reicher geworden, dabei hat sich die Bevölkerung verdoppelt." "Der Durchschnitts-Chinese ist zehn Prozent reicher als vor einem Jahr, der Durchschnitts-Inder neun, der Durchschnitts-Afrikaner fünf"
Als ich diese Sätze las, war ich zunächst entsetzt. Wie kann ein ausgebildeter Naturwissenschaftler so was Plattes sagen? Aber man kann da wohl nichts anderes erwarten. Er hat schließlich seine politische Ökonomie bei "The Economist" gelernt, dem Sprachrohr des britischen Kapitals. Solche Leute haben gelernt, man soll das Bruttoinlandprodukt (BIP) und dessen Wachstumsraten anschauen. Basta! Das ist genug für sie.
Meine Kritik an solcher Begründung für Optimismus beruht nicht nur, aber auch auf der fragwürdigen Aussagekraft von Durchschnittszahlen. Der Durchschnitt von einem Millionär und einem armen Slumbewohner ist ein Mittelschichtbürger. Auch Ridley weiß um die Tücken von Durchschnittswerten und Pauschalbegriffen wie "reicher". Er sagte, wohl an die Menschen in reichen Ländern denkend: "Natürlich sehe ich auch, dass die Fettleibigkeit oder das Verkehrschaos oder auch psychische und geistige Erkrankungen schlimmer werden, …". Und er weiß auch, dass die Lage im größten Teil Afrikas sehr schlecht ist. Dennoch bleibt er bei seinem Optimismus: "Weite Teile Afrikas zeigen seit zehn Jahren phantastisches Wachstum. Es gibt keinen Grund zu glauben, dass Afrika nicht schafft, was vierzig, fünfzig Jahre zuvor die asiatischen Schwellenländer geschafft haben. Ich bin überzeugt, dass in vierzig Jahren Durchschnittsafrikaner den Lebensstil haben wie Asiaten heute."
Ridleys Denkfehler Nummer 1: Im ganzen Gespräch ließ er weder das Wort "Ressourcen" noch das Wort "Knappheit" fallen. Reichtum, Wohlstand, Lebensstil – all das haben seinem Verständnis nach nichts zu tun mit Ressourcen. "Das Geheimnis menschlichen Wohlstands" ist seiner Meinung nach, dass "wir füreinander arbeiten", also globalisierter Freihandel. Als ob man überhaupt keine Ressourcen bräuchte. Es ist weit schlimmer als, was Prof. Beckerman – seinerzeit Leiter des Fachbereichs Ökonomik an der berühmten Universität von Oxford – 1995 schrieb. Er sah schon ein, dass für Wohlstandsproduktion Ressourcen notwendig sind. Aber er war überzeugt, dass die Ressourcen, die in der Erdkruste bis zu einer Tiefe von einer Meile vorhanden sind, für kontinuierliches Wirtschaftswachstum für die nächsten 100 Millionen Jahre genügen würden.
Ridleys Denkfehler Nummer 2: Er hat anscheinend bis jetzt keine Kritik an der Messgröße BIP gehört. Dabei haben wir in den letzten Jahren Studien vorgelegt bekommen, die sagen, dass das BIP wenig zu tun hat mit Wohlstand. Eine davon wurde sogar von Sarkozy in Auftrag gegeben. Zu den Autoren gehörten berühmte Ökonomen, darunter Nobelpreisträger Amartya Sen und Joseph Stiglitz.
Ridleys Denkfehler Nummer 3: Er kennt anscheinend nur Kurven, die linear nach oben gehen. In Afrika gab es in den letzten Jahren fünfprozentiges Wirtschaftswachstum. Also werden die Afrikaner in 40 Jahren den gleichen Lebensstandard genießen wie heute die Chinesen und die Inder. Er kennt offensichtlich keine Kurve, die nach einem Höhepunkt nach unten geht.
Und sein letzter Denkfehler: Er hat wohl nichts davon gehört, dass der Wert von Wirtschaftsleistungen, die entstandene Schäden kompensieren oder geleistet werden, um sich vor Schäden zu schützen, nicht zum BIP gehören sollte. Sie sind Kosten, kompensatorische und defensive Kosten. Dem chinesischen nationalen Statistikamt zufolge entsprachen die Kosten der ökologischen Zerstörung in China im Jahr 2004 3% des Bruttoinlandprodukts
Gibt es denn absolut keinen Grund für Optimismus? Wenn überhaupt begründet von Optimismus geredet werden darf, dann nicht in Kategorien von Wachstum des BIP, oder in Kategorien von nachholender Entwicklung, wobei diese faktisch nichts anderes bedeutet als rapides Wirtschaftswachstum im üblichen Sinne. Man kann aber schon ein bißchen optimistisch sein, wenn man sieht, dass heutzutage viele Menschen, wenn sie ihre Zukunftsvision darstellen, in ganz anderen Kategorien reden, in Kategorien von Bruttoinlandglück, solidarische Ökonomie, Gemeinwohlökonomie, Postwachstumsökonomie, gesunde Umwelt usw. Sie reden nicht vom Recht der Schwellenländer auf Entwicklung, wie neulich Sunita Narayan, eine angeblich führende Ökologin Indiens, forderte. Seit einiger Zeit greifen diese Konzeptionen um sich. Solche Gesellschaftsvisionen brauchen für ihre Verwirklichung keine unmögliche Rate von Wirtschaftswachstum. Sie brauchen eher Wirtschaftsschrumpfung, De-development, Decroissance, die sowieso geschieht oder geschehen wird, weil ja die Ressourcen, insbesondere die fossilen Energieressourcen, zur Neige gehen.

Sonntag, 25. Dezember 2011

Melonenpreise oder Gottesstaat? —
Jahresrückblick und einige Schlüsse in Zusammenhang

Im Januar dieses Jahres begann ich mit dieser Serie von Kommentartexten. Vielleicht darf ich jetzt, Ende Dezember, versuchen, summarisch zu zeigen, in welcher Richtung sich die Menschheit in den zwölf Monaten voller mehr oder weniger weltbewegenden Ereignissen entwickelt hat, was klar geworden ist und was für Schlüsse wir daraus für die Zukunft schließen müssen.
Beginnen wir mit einer knappen Skizze der Lage bei der materiellen Basis. Danach gehen wir zum politischen Überbau über. Es ist klar geworden, dass die gegenwärtige Weltwirtschaftskrise keine vorübergehende Sache ist, wie es die früheren Wirtschaftskrisen waren. Sie begann 2007, und noch signalisiert kein Licht das Ende des Tunnels. Die Schuldenkrise in Europa entzieht sich jeder Lösungsidee. Wenn die Staaten eisern sparen, vertieft sich die Rezession, und dann gibt es noch weniger Steuereinnahmen. Wenn sie die Konjunktur ankurbeln wollten, müssten sie noch mehr Geld leihen, das ihnen Investoren nicht geben wollen, oder nur zu viel höheren Zinssätzen als früher. Neue Schulden zu erhöhten Zinssätzen machen, um alte Schulden zu bedienen, vergrößert nur die Schuldenlast, kurbelt die Konjunktur nicht an.
Madame Lagarde, Chefin des IWF, hat uns neulich in dieser Sache reinen Wein eingeschenkt: "Der Ausblick auf die Weltwirtschaft ist im Augenblick … ziemlich düster". Sie fürchte eine neue große Depression wie in den 1930er Jahren (SZ, 17.12.2011). "The Party is Over", lautet der Titel einer geplanten BBC-Sendung über die wirtschaftliche Lage in Europa. Außer in Deutschland steigt fast überall die offizielle Arbeitslosigkeit, oder sie verharrt auf hohem Niveau. In Spanien beträgt sie 23 Prozent, bei jungen Leuten über 40%. Der Jobmarkt wird zunehmend zu einem Prekariatsmarkt. Nach der US-Statistikbehöde können 48% der US-Amerikaner als arm gelten. Das reale Durchschnittseinkommen aller US-Familien ist seit 2007 um 6,7% gesunken (JW. 20.12.11). Die zwei ehemaligen Lokomotiven, die die Weltwirtschaft aus der Krise ziehen sollten, China und Indien, verlieren an Zugkraft.
Die Rohstoffe werden immer knapper. Ihre Preise steigen weiter oder bleiben trotz Stagnation oder gar Rezession in der Weltwirtschaft hoch. Frau Merkel reist höchstpersönlich sogar in die Mongolei auf der Suche nach sicheren Rohstoffquellen für die deutsche Industrie. Und Bergbauingenieure bohren nach vielen Jahrzehnten wieder im Erzgebirge, um minderwertige Zinnerz zu fördern.
Was die Lage der Umwelt betrifft, sehen alle schwarz. Die UN-Klimakonferenz in Durban ist gescheitert, weil kein Staat den erreichten Wohlstand bzw. das Recht auf nachholende Entwicklung aufgeben wollte. Verbindliche Beschlüsse zum Klimaschutz sind bis 2020 aufgeschoben worden. Vattenfall musste wegen Widerstand der Bevölkerung ein Versuchsprojekt, CO² in unterirdischen Hohlräumen zu speichern, fallenlassen. Die Solarmodulindustrie in westlichen Industrieländern leidet gerade unter einer Krise. Obama wird demnächst die Forderung der Republikaner akzeptieren müssen, die Pipeline "Keystone XL" bauen zu lassen, die Öl (einschließlich des Öls aus Ölsand) von Kanada bis zu den Raffinerien am Golf von Mexiko transportieren soll.
Gerade in einer solch schlechten Lage der materiellen Basis begannen die Araber ihre demokratische Revolution. Und in Europa und den USA begannen die Occupy-Bewegung der Empörten und die teils gewalttätigen Protestdemos der Wütenden gegen die Sparpolitik ihrer jeweiligen Regierung.
Der Spruch "zuerst kommt das Fressen, dann die Moral" hat leider immer noch seine Gültigkeit. Die Occupy-Bewegten in den USA und Europa und die gewalttätigen Protestierenden in Athen und London wollen hauptsächlich eines: Sie wollen ihren bis 2007 gewohnten Lebensstandard zurückgewinnen bzw. sich einen höheren Anteil an dem schrumpfenden Kuchen sichern, als den, den die Regierung ihnen geben will. Beim Arabischen Frühling hingegen schien es anfangs anders zu sein. Die Hunderttausende, die in Tunesien und Ägypten gegen die Diktatoren kämpften, forderten scheinbar hauptsächlich Freiheit, Demokratie, Menschenrechte und freie Wahlen.
In beiden Ländern haben inzwischen freie Wahlen stattgefunden. Gewonnen haben aber nicht die Kämpfer der demokratischen Revolution, sondern die Islamisten. Nach dem anfänglichen Schock fanden die enttäuschten jungen Revolutionäre auch Erklärungen. Einer von ihnen sagte: "Wähler haben das Gefühl, dass säkulare Parteien in der Vergangenheit korrumpiert waren und dass sie den Lebensstandard nicht erhöht haben. … Der Preis von Zucker, der Preis von Reis – das ist, was die Wähler interessiert." In einem anderen Bericht liest man: in Ägypten hatte es zwischen 2006 und 2008 viele Streiks und Proteste von Fabrikarbeitern gegeben. Es gab 2008 sogar einen Generalstreik. Als der Aufstand begann, waren die Forderungen grundsätzlich: "Ein Ende der Korruption und der Polizeibrutalität, unabhängige Justiz, bezahlbare Lebensmittel, bessere Krankenversorgung, höhere Löhne."
Bei solchen Forderungen wundert es niemand, dass die Islamisten bei den Wahlen gewonnen haben. Denn, wie ein junger Revolutionär sagte: "Die Leute denken, wenn die Kandidaten gottesfürchtig sind, werden sie kein Schmiergeld annehmen." Und, wie ein amerikanischer Reporter schrieb, "Der erste Schlüssel zum Erfolg der [Muslim-]Bruderschaft: ihre Büros sind Sozialhilfeagenturen: Bürger kamen vorbei, um sich Decken für den Winter zu erbitten, und die Partei teilte sie aus. … Mehrere Leute baten um Hilfe bei Bezahlung einer Arztrechnung. und sie bekamen sie." Eine freiberufliche Akademikerin sagte: "Salafisten sind gut für Frauen, weil sie bedürftigen Frauen helfen." Die Säkularen/Demokraten waren nie so hilfreich.
Das alles erklärt wohl nur den aktuellen Wahlerfolg der Islamisten. Wie ist aber die langfristige Aussicht? Ein junger Revolutionär sagte: "Sie verteilen Fleisch und Kohle. Aber das ist noch kein Programm. Durchs Frommsein allein schaffst du noch keine Arbeitsplätze." Das ist sehr richtig. Er sagte zuversichtlich: "Langfristig werden sich die Demokraten durchsetzen." Da habe ich meinen Zweifel.
In einer Zeit, in der die Party vorbei ist, in der wohl eine lange große Depression beginnt, werden es weder die Säkularen/Demokraten noch die Islamisten schaffen, die steigenden materiellen Ansprüche einer wachsenden Bevölkerung zu erfüllen. Die Islamisten haben aber den Säkularen/Demokraten gegenüber einen großen Vorteil in punkto Glaubwürdigkeit. Ihr eigentliches Ziel, das sie nicht verheimlichen, ist ein "Gottesstaat", nicht Wohlstand für alle. Die Zukunftsvision der säkularen, Laptop und Handy swingenden Facebook-Demokraten ist zu sehr von Wohlstand-für-alle abhängig. Ayatollah Khomeini sagte einmal, als die Euphorie über die islamische Revolution im Iran abflaute: "Wir haben die Revolution nicht gemacht, damit die Wassermelonen billiger werden". Und das Ideal der Salafisten ist es, das Leben nach dem Vorbild des Propheten Mohammed zu gestalten. Eine konkurrenzfähige alternative Vision seitens der säkularen/Demokraten wäre eine bescheidene und egalitäre, ökologische und sozialistische Gesellschaft.
Ich wünsche ihnen fürs neue Jahr den Mut zu dieser Alternative.

Mittwoch, 14. Dezember 2011

In zwei verschiedenen Dampfern —
Dieselben Leute zur selben Zeit

Vor einiger Zeit lernte ich einen schönen idiomatischen Ausdruck: "Sie sitzen in zwei verschiedenen Dampfern". Gemeint war, dass die zwei betreffenden Menschen bei einer wichtigen Frage total entgegengesetzte Grundpositionen vertraten. Politiker sind aber ein besonderer Typ von Menschen. Sie können offensichtlich manchmal gleichzeitig in zwei verschiedenen Dampfern sitzen, die in entgegengesetzten Richtungen fahren. Sonst kann man nicht erklären, dass sie (z.B. neulich in Durban) sich um eine weltweite Klimapolitik bemühen, die die Erderwärmung auf maximal 2° Celsius begrenzen soll, und dass sie gleichzeitig in Brüssel, Washington, Beijing, Delhi usw. eine Politik verfolgen, die unbegrenztes Wirtschaftswachstum bewirken soll.
Bis dato ist das erhoffte goldene Zeitalter der emissionslosen erneuerbaren Energien nicht angebrochen. Der größte Teil der Weltwirtschaft wird immer noch durch die Verbrennung von fossilen Energieträgern getrieben. 2010 stieg die globale Emission von CO² um 6%. Auch Photovoltaik-Module und Windtkraftanlagen werden immer noch mithilfe von konventionellen Energien hergestellt. Was noch enttäuschender ist, sie brauchen immer noch Subventionen, die in der Gesamtwirtschaft erarbeitet werden muss, das heißt eben durch Verbrennung von fossilen Energieträgern. Da inzwischen Kernenergie in Verruf geraten ist, zu gefährlich zu sein, werden wir in Zukunft den Bau von mehr Kohlekraftwerken erleben.
Ich denke nicht, dass Politiker im allgemeinen dumm sind. Sie verstehen ganz bestimmt den Widerspruch zwischen den zwei genannten Teilen ihrer Politik. Aber sie sitzen in einer Zwickmühle. Sie müssen so tun, als versuchten sie, die Erderwärmung auf 2° Celsius zu begrenzen. Denn die Weltöffentlichkeit, insbesondere die Bevölkerungen von kleinen, armen Ländern wie Tuvalu, Malediven und Bangladesh, die ihre Heimat werden verlassen müssen, wenn die Erderwärmung nicht bald gestoppt wird, sitzen ihnen im Nacken. Andererseits müssen sie auch versuchen, die große Wirtschaftskrise zu überwinden. Denn auch Millionen Arme, Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger, aber auch Wirtschaftskapitäne, sitzen ihnen im Nacken. Sie sind alle Wähler und zum Teil Spender von Wahlkampfgeldern. Und die Politiker wollen ja immer wieder gewählt werden.
Sie betreiben also eine große systematische Täuschung, und zwar seit langem. Dabei helfen ihnen auch viele Wissenschaftler, Publizisten und Medienleute. Ehrliche Fans der erneuerbaren Energien hegen nur die vage Hoffnung, dass bis 2050 das Problem gelöst sein wird, weil dann der gesamte Energiebedarf der Welt (zumindest des Vorreiters Deutschland) durch erneuerbare Energien gedeckt werden wird. Aber Politiker und ihre wissenschaftlichen und publizistischen Helfer behaupten schon seit den 1990er Jahren mit großer Selbstsicherheit, in Zukunft würde technologische Entwicklung ermöglichen, dass sowohl der Ressourcenverbrauch sinkt als auch gleichzeitig die Wirtschaft (bzw. der Wohlstand) wächst – um Faktor vier oder Faktor zehn oder gar um doppelten Faktor zehn.
Es gab schon in den 1980er Jahren auch wissenschaftliche Studien, in denen behauptet wurde, dass in den industriell entwickelten Ländern Energieverbrauch pro Einheit Bruttoinlandprodukt stetig sank. Kritiker hatten schon damals auf die trügerische Qualität solcher scheinbar wissenschaftlichen Studien hingewiesen. So schrieben zum Beispiel die Autoren des Brundtland-Berichts (1987): "Doch auch die industriell am fortgeschrittensten Wirtschaften brauchen nach wie vor eine kontinuierliche Versorgung mit Grundfertigwaren. Ob diese im Inland hergestellt oder importiert werden, ihre Produktion wird weiterhin große Mengen Rohstoffe und Energie erfordern … ".
Auch in Bezug auf den CO²-Fußabdruck eines Landes sollte man eine solche kritische Haltung einnehmen, das heißt nicht nur auf die Produktion, sondern auch auf den Konsum der Einwohner des Landes schauen. Dies hat Gabriel Felbermayr, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Universität von München, neulich in einer Studie getan. Er schreibt: "Der CO²-Fußabdruck [eines Landes] … schließt alle Emissionen ein, für die die Konsumenten des betreffenden Landes verantwortlich sind. … Wenn sich ein Land am internationalen Handel beteiligt, dann [ändert sich] sein CO²-Fußabdruck mit dem CO²-Gehalt seines Handels." So gesehen, sei die Behauptung einiger Länder, wie zum Beispiel Deutschlands und Frankreichs, sie hätten seit 1990 ihren CO²-Ausstoß stark reduziert, total falsch. Felbermayr schreibt: "Industrieländer dokumentieren CO²-Ersparnisse. Aber in Wahrheit sind Emissionen nur ins Ausland ausgelagert worden", [indem viele Industrien ausgelagert wurden].
Wenn man diese wissenschaftlich gesehen richtige Sicht der Dinge zu Eigen macht, dann hat man auch etwas Verständnis für den Zorn, mit dem die Chinesen auf den Vorwurf der Westler reagieren, China würde die Umwelt und die Atmosphäre am meisten beschädigen. Ein chinesischer Minister sagte einmal: "Ihr wolltet es doch, dass China die Werkbank der Welt würde . Ihr könnt uns jetzt nicht dafür kritisieren, dass wir die Umwelt beschädigen."
Der Widerspruch zwischen Ökologie und einer industriellen Ökonomie kann nicht bestritten werden. Es geht einfach nicht, dass wir den Kuchen essen und ihn auch intakt behalten wollen. George W. Bush war zumindest ehrlich, als er die USA aus dem Kyoto-Prozess zurückzog – mit der Begründung, dass sonst die Wirtschaft seines Landes schaden nehmen würde. Auch der kanadische Umweltminister sagte die Wahrheit, als er gestern (13.12.2011) den Austritt seines Landes aus dem Kyoto-Protokoll mit dem Satz begründete, Kanada könne seine Verpflichtungen nur erfüllen, wenn es alle Kraftfahrzeuge von den Straßen entferne.
Der Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Umweltdegradation ist unbestreitbar. In der ersten Hälfte der 1990er Jahre, als die Wirtschaften der ehemaligen DDR und der ehemaligen Sowjetunion zusammenbrachen, nahmen auch der CO²-Austoß und die Umweltverschmutzung in den betreffenden Regionen stark ab. Das ist auch ein Teil des Geheimnisses des "Erfolgs" Deutschlands in Punkto CO²-Ausstoß.
Ein geordneter Rückzug vom Wachstumswahn – das heißt kurzfristig, im Klartext, eine gut und gerecht geplante gewollte Wirtschaftsrezession – ist zweifelsohne das beste Rezept für Umweltschutz sowie für Klimaschutz. Eine längerfristige Bevölkerungspolitik im Weltmaßstab, deren Ziel eine Stabilisierung und spätere Schrumpfung der Weltbevölkerung sein muss, ist auch absolut notwendig.