Mittwoch, 20. März 2013

Zwei Diskurse, die aneinander vorbeilaufen

Wenn ein interessierter Mensch die Medienberichte und Kommentare zum zehnten Jahrestag des Beginns der Agenda-2010 liest/hört, könnte er denken, die Deutschen lebten in einem anderen Kontinent als die übrigen Europäer. Während der größere Teil des Kontinents in Trübsinn versunken ist, jubeln die Deutschen schon seit einiger Zeit über ihre geringe offizielle Arbeitslosenquote und mäßige Wachstumsrate. In der Tat, im Vergleich zur Lage in Südeuropa, sogar im Vergleich zu der in Frankreich und Großbritannien, funktioniert die deutsche Wirtschaft glänzend. Auch sieht man hier keine soziale Unruhe, keine Steinewerfer, keine großen Demos gegen die Regierungspolitik. Es gibt zwar Kritik wegen der zunehmenden Kluft zwischen Arm und Reich, aber das gehört seit langem zum Politikalltag. Das alles wird zur Zeit von vielen – regierenden Politikern sowie Fachökonomen und -journalisten – als den Erfolg der Agenda-2010-Reformen verkauft. Und es gibt auch Kritik an dieser Interpretation der Lage. Aber das ist nicht, was mir in die Augen sticht..
Es gibt im Lande gleichzeitig einen anderen Diskurs, den die Teilnehmer am oben genannten Diskurs über die reine wirtschaftliche Lage in Deutschland, anscheinend gar nicht kennen. Ich meine den Diskurs über die sog. Postwachstumsökonomie. Seit einigen Jahren, insbesondere seit dem Ausbruch der jüngsten Finanz- und Staatsschuldenkrise, gibt es Stimmen, die von einer multiplen Krise der Menschheit reden. Gemeint sind – zusätzlich zu den Finanz- und Staatsschuldenkrise, der hohen Arbeitslosigkeit und sinkendem Lebensstandard bzw. steigender Armut – die Klimakrise, die globale Ressourcenkrise (Stichwort Peak-oil), die allgemeine globale Umweltzerstörung und auch die zunehmende Weltbevölkerungszahl. Die aktuelle Wirtschaftskonjunktur in Deutschland spielt dabei keine Rolle. Viele junge Leute, die 1972 noch gar nicht geboren oder noch zu jung waren, haben die Existenz der Grenzen des Wachstums entdeckt. Es sind solche Leute, die den Diskurs über die Postwachstumsökonomie angestoßen haben. Aber etablierte Fachökonomen – genannt seien hier als Beispiel zwei renommierte deutsche, Peter Bofinger und Hans-Werner Sinn – scheinen nicht von den Grenzen des Wachstums gehört zu haben. Sie haben sicher davon gehört. Diese Tatsache spielt aber gar keine Rolle in ihren Diskussionsbeiträgen..
Beide haben schon vor acht bis neun Jahren ihre bekanntesten und wichtigsten Beiträge zu ihrem Diskurs veröffentlicht: Sinn in seinem Buch "Ist Deutschland noch zu retten? (2004), Bofinger in seinem Buch "Wir sind besser, als wir glauben“ (2005). Was stark auffällt, negativ auffällt, ist ihre Kirchturmpolitik, ihre ausschließliche Beschäftigung mit der Lage und Zukunft der deutschen Wirtschaft. Die Teilnehmer an dem Postwachstumsdiskurs hingegen denken über die gesamte Lage nach, in der sich die Menschheit befindet..
Bofinger hat neulich einen Diskussionsbeitrag zur Rolle der Agenda-2010-Reformen veröffentlicht.(1) Er schreibt darin: "Da unsere Wirtschaft schon vor der Agenda nicht fundamental krank gewesen war, gab es auch nichts Fundamentales zu therapieren." Er bescheinigt der deutschen Unternehmenslandschaft, dass sie "von Nachhaltigkeit gekennzeichnet" sei, und er schreibt von einer "langfristig ausgerichteten Unternehmenspolitik" in Deutschland. [Er meint dabei gar nicht langfristige ökologische Nachhaltigkeit!] Er widerspricht dem Jubelchor der Freunde der Agenda-2010, die meinen Deutschland sollte jetzt das Vorbild für alle europäischen Länder sein, die "unter Problemen der Wettbewerbsfähigkeit leiden." Er empfiehlt der Politik: "Vielmehr müssen die politischen Weichen so gestellt werden, dass der Wohlstand wieder in stärkerem Maße bei den Arbeitnehmern ankommt. Nur so ist erneut ein Wachstum möglich, das ohne private und staatliche Verschuldungsexzesse auskommt."..
Im Postwachstumsdiskurs herrscht ein ganz anderer Ton. Nehmen wir als Beispiel Prof. Nico Paech, auch Wirtschaftswissenschaftler. In einem Gespräch mit dem Oldenburger Lokalteil(2) weist er darauf hin, "dass das Zwei-Grad-Klimaschutzziel in Verbindung mit globaler Gerechtigkeit nun mal bedeutet, dass jeder Mensch auf diesem Planeten pro Jahr nur noch 2,7 Tonnen CO2 verursachen darf. Da ist eine jährliche Flugreise nach New York nicht drin." Man müsse sich entscheiden: "Will man Klimaschutz oder will man ihn nicht?" Er sagt, das euro-amerikanische Wohlstandsmodel "in den Untergang führt." Er sieht voraus, dass "dieses Kartenhaus, das wir 'Wohlstand' nennen, zusammenbricht." Die Energiewende in Deutschland hält er für "eine der größten ökologischen Katastrophen." "Wir sind", sagt Paech, "an allen Ausfahrten in Richtung Nachhaltigkeit mit Hochgeschwindigkeit vorbeigerast." Er plädiert für eine schrumpfende Ökonomie, für ein Boden- und Landschaftsmoratorium, es dürfe überhaupt keine Anlage mehr – egal ob Wind, Biogas oder Photovoltaik – gebaut werden. Er plädiert für die Stilllegung von 50 Prozent aller deutschen Autobahnen und 75 Prozent aller Flughäfen. Er betrachtet die gegenwärtige Weltlage als "die letzten Zuckungen eines Körpers, der nicht sterben will;".
Wir müssen uns daran erinnern, das Bofinger der Mann der Gewerkschaften im Rat der fünf Wirtschaftsweisen ist. Und Paech wurde von den Medien beschimpft – als "den größten Miesepeter der Nation", als "eine echte Rampensau". Eine Zeitung fragte: "Spinnt der?" Ich habe bisher nicht gehört, dass Bofinger und Paech zu einem Streitgespräch eingeladen wurden..
Bofinger denkt und operiert systemimmanent. Den Kapitalismus stellt er gar nicht in Frage. Aber auch von Paech (und den meisten seinesgleichen) habe ich nicht gehört, in welchem politischen und polit-ökonomischen Rahmen seine Vorstellungen einer nachhaltigen Ökonomie eine Chance hätten, akzeptiert zu werden. Warum diese Weigerung durchzudenken? Ich meine, das ist nur in einem Ökosozialismus möglich..
1. (http://www.taz.de/!112801/)..
2. (http://www.oldenburgerlokalteil.de/2013/03/12/letzte )

Mittwoch, 6. Februar 2013

Die Verwandlung der Kommunistin Wagenknecht

Nach der Selbstauflösung der DDR und der osteuropäischen "sozialistischen" Regimes gab es viele Wendehälse. Es gab aber glücklicherweise in diesen Ländern auch geläuterte Kommunisten. In der Ex-DDR gab es die Kommunistische Plattform in der PDS. Sahra Wagenknecht war ein führendes Mitglied davon. Obwohl ich schon seit viel früher manche Kritik an der Theorie und Praxis des real existierenden Sozialismus hatte, bewunderte ich die Standhaftigkeit der Altkommunisten. Sie waren keine Opportunisten. Sie gingen nicht schnell zu der Siegerseite über. Sie, eine belächelte kleine Minderheit, die nach Meinung ihrer Kritiker nichts aus der neueren Geschichte gelernt hätten. vertraten immer noch tapfer ihre alten sozialistischen Überzeugungen
Als auch die PDS, später die Partei Die Linke, begann, zu einer zweiten sozialdemokratischen Partei zu werden, leisteten Wagenknecht und ihresgleichen Widerstand. Inzwischen ist sie aufgestiegen, ist gegenwärtig eine stellvertretende Vorsitzende der Bundestagsfraktion ihrer Partei. Und, was in einer Mediendemokratie noch wichtiger ist, sie wird häufig zu Fernseh-Talk-Shows eingeladen und gibt viele Interviews.
Aber gerade diese bewunderte Wagenknecht – "eine politische Enkelin von Rosa Luxemburg" – hat mich jetzt zutiefst enttäuscht. Gerade jetzt, wo sich die Krise des Kapitalismus zugespitzt hat, wo viele Leute in aller Welt nach einer Alternative zum Kapitalismus fragen, ist sie ein Freund des Kapitalismus geworden. Im letzten Jahr las ich eine Rezension ihres jüngsten Buches. Der Rezensent, CSU-Politiker Gauweiler, lobte es sehr. Und vor drei Wochen erläuterte sie in einem Spiegel-Interview (1/2013) ihre neue Liebe zum Kapitalismus.
Es gibt eine ultrakurze Keuner-Geschichte von Brecht: Ein Mann, der Herrn Keuner lange nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten: "Sie haben sich gar nicht verändert." "Oh!", sagte Herr Keuner und erbleichte. Der politische Schriftsteller Brecht meinte – ich interpretiere diesen Text so –, sich im Laufe der Jahre gar nicht zu verändern, ist ein Zeichen von Stagnation. Politische Positionen aufgrund von neuen Erkenntnissen oder Erfahrungen zu ändern, weiterzuentwickeln, zu verfeinern, ist im Prinzip etwas Positives. Aber zurück zum Kapitalismus?
Wagenknecht qualifiziert zwar den Glauben des heutigen Neoliberalismus an den Segen deregulierter Märkte als "stumpfsinnig" ab. Aber den Neoliberalismus der 1950er Jahre – den von Ludwig Erhard – findet sie großartig, weil er, anders als der heutige, eine soziale Marktwirtschaft und Wohlstand für alle versprach. Sie meint, Erhard wäre heute in ihrer Partei "am besten aufgehoben".
Schumpeter folgend, unterscheidet Wagenknecht zwischen "Kapitalisten" und "Unternehmern". Im Gegensatz zum Kapitalisten, für den ein Betrieb nichts als ein Anlageobjekt ist, das eine möglichst hohe Rendite abwerfen soll, ist der Unternehmer "jemand, der eine gute Idee hat, etwas Neues aufbaut und", was für Wagenknecht das Wichtigste zu sein scheint, "so den Wohlstand steigert". "Das Schlimme am heutigen Wirtschaftssystem ist" nach Wagenknecht, "dass es die Kapitalisten fördert und den Unternehmern das Leben schwer macht."
Was hat all das mit sozialistischer Politik zu tun? Unternehmer zu fördern könnte doch auch die CDU oder die SPD! Außerdem, arbeitet ein Schumpeterscher Unternehmer nicht für seinen eigenen Profit? Beutet er seine Arbeiter nicht aus? Ist eine soziale Marktwirtschaft nicht bloß ein Euphemismus für etwas sozialeren Kapitalismus – mit seinen (nach Schumpeter) normalen und nützlichen periodischen Krisen und hohen Arbeitslosenzahlen? Wagenknecht hat ihre grundsätzliche Ablehnung des Kapitalismus aufgegeben. Sie ist also doch auch ein Wendehals geworden.
Für Politiker und politische Parteien ist es legitim, zwischen ihrem kurz- und mittelfristigen Programm und ihrem langfristigen Ziel zu unterscheiden. Aber Wagenknecht sagt: "Mein Ziel ist nicht die Planwirtschaft," sie wolle ja keine "Zwangswirtschaft" (sind die zwei das gleiche?), denn "eine moderne Gesellschaft braucht [angeblich] Märkte". Ihr Ziel sei der "kreative Sozialismus." Klar, ihr Ziel ist soziale Marktwirtschaft mit Privateigentum an Produktionsmitteln und Konkurrenz zwischen den Unternehmen, sprich "sozialer" Kapitalismus. In ihrem kreativen "Sozialismus" werden natürlich kreative Schumpetersche Unternehmer gefördert.
Sie will die Unternehmen nicht enteignen, sondern nur die Beschäftigten daran beteiligen. Wenn der Unternehmer stirbt, wird der Betrieb nicht vererbt, sondern größtenteils den Beschäftigten übergeben.
Der neue Gedankengang von Wagenknecht, dieser ganze Diskurs, ist von vorgestern, kalter Kaffe. All das haben wir schon früher gehabt: "sozialistische" Marktwirtschaft, Ota Siks "Mitarbeitergesellschaft", Betriebe im Besitz der Belegschaft, das Jugoslawische Modell usw. Das alles war kein Sozialismus. In einer "sozialistischen" Marktwirtschaft mit Betrieben im Besitz der Belegschaften werden die Betriebe samt ihren Arbeitern nicht miteinander kooperieren, sondern um Marktanteile und Profit konkurrieren. Es wird reiche und arme Betriebe, reiche und arme Arbeiter geben. Die reichen Betriebe werden die armen ausbeuten (wie damals in Jugoslawien). Es wird das übliche Chaos des Marktes, das konjunkturelle Auf und Ab und Arbeitslosigkeit geben. In den 1960er und 1970er Jahren mussten arbeitslose Jugoslawen ihre marktsozialistische Heimat verlassen und sich bei deutschen Kapitalisten verdingen.
Wagenknecht hat die gegenwärtige Krise des Kapitalismus einfach nicht verstanden. Sie ist immer noch beschäftigt mit der Suche nach dem besten Weg, den Wohlstand der Deutschen zu steigern, und sie erweist sich dabei als eine gute Keynesianerin. Sie sagt: "Je ungleicher die Verteilung, desto langsamer wächst der Kuchen. Weil wir sinkende Renten und … miese Arbeitsverhältnisse haben, können sich die Leute viele Dinge nicht mehr leisten. … Steigen die Einkommen der Mehrheit, wird der Binnenmarkt gestärkt, und dann verbessern sich auch die Chancen, dass der Kuchen wieder größer wird." Das ist durchschnittliches Gewerkschafterniveau. Man sieht da keine Spur von Gedanken über Grenzen des Wachstums. Dem Leser des Interviews kommt vor, als hätte sie nichts von den ökologischen und Ressourcenkrisen gehört. Schade! Sie hätte sich auch zu einer Ökosozialistin entwickeln können.
Es stellt sich nun die Frage, wie diese regressive Veränderung im Denken der Kommunistin Wagenknecht geschehen konnte. Ich habe eine Vermutung: Bei Parteien, die ganz entschlossen den parlamentarischen Weg eingeschlagen haben, und bei ihren durchschnittlichen Mitgliedern und Führern gilt das Primat des Sessels im Parlament. Ohne Sessel in den Parlamenten sind sie weg vom Fenster. Wagenknecht, die jetzt ja eine führende Person in ihrer Partei ist, meint wohl, durch diese Wende könnte sie ihre Partei nach mehreren Wahlniederlagen noch retten.

Mittwoch, 12. Dezember 2012

Wenn Schon Untergang,
Dann Ganz Demokratisch

Neulich las ich im Internet einen Artikel von Jörgen Randers mit dem Titel "Ein guter Diktator. Das ist der Gipfel" (Der Tagesspiegel, Berlin, 17.06.2012). Randers ist ein ziemlich bekannter Mann. Er war Co-Autor des berühmten ersten Berichts an den Club of Rome "Grenzen des Wachstums" (1972). Und vor einiger Zeit hat er den dritten Bericht an den Club of Rome herausgegeben ("2052 – Eine globale Prognose für die nächsten 40 Jahre").
Dieser dritte Bericht mag interessant sein. Aber viel interessanter ist der Artikel im Tagesspiegel, wo Randers ein großes Problem thematisiert, das die Welt seit langem plagt, nämlich, dass es fast unmöglich ist, für wirklich effektiven Klimaschutz, aber auch für effektive Maßnahmen zur Lösung der allgemeinen Ökologiekrise eine Mehrheit zu finden. Bei punktuellen Umweltverbesserungen, zum Beispiel bei Wasser- oder Luftqualität, hat es in den reichen Ländern – etwa in Deutschland oder Japan – schon manche Fortschritte gegeben. Aber bei den globalen Problemen wie der Erderwärmung, Verschmutzung der Ozeane oder bei Biodiversität und Artenschutz ist fast nichts passiert. Die Serie der gescheiterten Weltklimagipfel ist das bekannteste Beispiel für diese Unmöglichkeit. Randers schreibt nun: "Parlamente lösen langfristige Probleme nicht, … . Wir bräuchten Diktatur auf Zeit."
Randers argumentiert, Parlamente, also die Gesetzgeber, könnten schon etwas tun, nämlich durch Gesetzgebung. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass sie das tun, ist gering. Denn die meisten Abgeordneten würden schnell erkennen, dass die Konsequenz daraus wäre, dass vieles teurer würde: Strom, Gas etc. Sie sind also nicht dafür. Denn ihre Wähler würden sie dafür verantwortlich machen, sie würden dann nicht wieder gewählt. Randers meint, es gebe einige Ausnahmen, z.B. das deutsche Parlament, das Wind- und Solarenergie fördert, ein paar Unternehmen, und China, das sehr früh mit der Förderung von Elektroautos angefangen hat.
Randers schlägt also einen "wohlmeinenden Diktator" als Lösung vor, der die notwendigen schnellen Entscheidungen treffen würde und dann, nach getaner Arbeit, nach etwa fünf Jahren zugunsten eines gewählten Parlaments zurücktreten würde. Bezogen auf die gegenwärtige Welt, erwähnt er drei mögliche Kandidaten bzw. Beispiele: die EU-Kommission, die Kommunistische Partei Chinas, und das supranationale IPCC.
Die Kommentare über diese Idee von Randers sind hart und beleidigend. Hier ein paar Kostproben: Einer schreibt: "Randers ist ein ziemlicher Fachidiot. Wer nur was von Klima versteht, versteht auch das nicht richtig." Ein anderer hält Randers für ein "gefährliches Individuum". Und ein dritter schreibt: "Da hetzen selbsternannte 'Anständige' 'gegen rechts'. … Doch die wahren Verfassungsfeinde und Antidemokraten sitzen schon ganz lange woanders. Ökofaschisten und Diktatoren in ihrem Element." Aber kein einziger der Kritiker geht auf das Dilemma ein, das Randers bewegt hat, seine Idee eines wohlmeinenden Diktators zu äußern.
… Ich erinnere mich, dass im Deutschland der 1980er Jahre, besonders bei den Grünen, die Notwendigkeit von Ökodiktatur, die Gefahr des Ökofaschismus und Ähnliches schon Diskussionsthema waren. Auch damals wurde die Meinung geäußert, dass in einer Demokratie eine echt ökologische Transformation der Ökonomie keine Chance hat. Fast dreißig Jahre später sagt Randers dasselbe.
Das Grundproblem ist, dass die künftigen Generationen, die Noch-nicht-Geborenen, nicht an den Wahlen von heute teilnehmen können. Doch die Weichen für die Zukunft werden heute gestellt. Eine Demokratie aber veranstaltet eine Wahl zwischen alternativen Programmen, Politiken und Kandidaten, die im Idealfall versprechen, die Interessen und das Wohl von heute lebenden Menschen und Unternehmen (oder von Teilen von ihnen) zu schützen und zu fördern. Es liegt auf der Hand, dass die Interessen der heute lebenden und die der zukünftigen Generationen nicht gleich sind. Und es gibt auch einen Widerspruch zwischen den Interessen der Gattung Mensch und denen der übrigen Spezies. Je mehr Menschen auf der Erde leben, desto weniger Platz und Ressourcen gibt es für die anderen Spezies.
Bei dieser Sachlage stellt sich die Frage, ob die heute lebenden Menschen in der Lage sein könnten, ihr eigenes Interesse hintanzustellen und den Interessen der übrigen Natur und der zukünftigen Generationen von Menschen Vorrang zu geben. Das ist offensichtlich sehr schwierig. Denn dazu müssten sie auf einen großen Teil ihres heutigen Wohlstands verzichten.
Randers meint es gut, er hat die Beschimpfungen nicht verdient. Aber er ist naiv. Warum sollten die Abgeordneten der Parlamente der EU-Staaten oder der ganzen Welt bereit sein, ihre Macht an einen wohlmeinenden Diktator abzutreten, wenn sie nicht einmal bereit sind, ihre Kämpfe um aussichtsreiche Listenplätze aufzugeben? Und warum sollten sie einen solchen Diktator nicht wieder stürzen, sobald er eine Entscheidung gegen die Interessen ihrer Klientel trifft?
Verhaltensforscher haben festgestellt, dass sowohl Selbstsucht als auch Altruismus in der Erbanlage von Schimpansen (unseren allernächsten Verwandten) sowie in der von Menschen verankert ist. Es ist also zumindest theoretisch möglich, Menschen dazu zu bewegen, ihr eigenes Interesse hintanzustellen – zugunsten der Interessen der ganzen Menschheit, der künftigen Generationen und der übrigen Natur. Ich denke, dazu ist eine starke und breite politische Bewegung notwendig – beruhend auf der ökologischen Wahrheit und bar jeder Illusion. Wenn eine solche Bewegung die intellektuell-kulturelle Hegemonie im Sinne von Gramsci errungen hat, dann, und erst dann, gibt es Hoffnung, auf demokratischem Weg etwas zu erreichen. Dann wäre möglich, dass eine Transformationspolitik in der Richtung einer ökologischen Ökonomie verfolgen würde, egal, welche Personen oder Personengruppe die Wähler beauftragen, die Arbeit durchzuführen. Ansonsten ist der Untergang der Zivilisation garantiert. Der Prozess wird sehr chaotisch sein, obwohl ganz demokratisch.

Dienstag, 6. November 2012

Waning Relevance of Marxism

by Saral Sarkar

Sandip Bandyopadhyay's article "Interest in Marxism Waning?" (Frontier, Autumn Number, 2012) attracted my attention, because I am one of those whose interest in Marxism has waned. It has been waning since the mid 1970s, i.e. since before the CPI(M) started its second and long innings in power in West Bengal and long before socialism was wound up – first in China and then in the Soviet Union and Eastern Europe. It has therefore nothing to do with the betrayal of Marxism or socialism by the CPI(M) or the CPSU(B) or the CPC, nor has it much to do with the cruelties of the Stalinist regime in the Soviet Union or of the CPI(M) cadre in West Bengal. Marxism, the ism, is not the same as the policies and praxis of the above mentioned parties in the countries where they ruled, just as socialism is not the same as the policies of the Socialist Party of France or that of Spain.
In fact, in the second half of the 1960s, Marxism experienced a rejuvenation in Western Europe. The student movements there were largely inspired by Marxism. Young people, particularly students, again became interested in studying Marxist literature, although they were very well informed about and, therefore, very critical of the Soviet model of socialism and the Soviet understanding of Marxism. In Italy and France, where, in those days, big and strong communist parties existed and hence Marxist literature used to be sold and probably also read, young people's interest in Marxism bypassed the established interpretations of Marxism and took the form of an effort to understand the world of their days. It was a different world, very different from the world in which the classics of Marxism were written. This world, they realized, could not be understood or explained adequately by faithfully applying the teachings of Marx and Engels, which originated a century earlier in very different contexts. What actually mattered was to see whether the Marxist tools of analysis were useful for the purpose, and many found them useful.
Bandyopadhyay writes: "There are valid reasons for questioning the relevance of Marxism in the present-day world." He does not state these reasons. What are they?
For about 25 years after the end of the Second World War – from about 1950 to 1974 – Western industrialised countries experienced what has been called an "economic miracle". It was a long period of boom, of rapid economic growth and, along with it, rapid growth in prosperity. Also the working class rapidly prospered. Skilled workers, roughly speaking, rose to the middle class level. Revisionism had already gained the upper hand over revolutionary Marxism and lasted till the end of the 1940s. But until then, the organized working class and their parties, the Social Democratic and communist parties, kept up their critique of capitalism and regarded socialism as their long-term goal. But in the 1950s and thereafter, for all practical purposes, they (except the communist parties) openly accepted capitalism as the best or the most efficient economic system. From then on, the only thing the organised working class struggled for was to get a higher share of the cake. In this situation, the vast majority of this class refused to play the role of the grave-diggers of capitalism. Workers of the highly industrialised countries had no good reason any more to fight against the system, to kill the goose that was laying the golden eggs.
"Pauperization" of the working class proved to be a myth. The assertion of Marx and Engels that "The proletarians have nothing to lose but their chains" did not make any sense anymore. Their call to the proletarians "Working men of all countries, unite" fell on deaf ears. The proletarians of the Western industrialised countries had well-paid jobs and some prosperity to lose. And they profited from the colonial exploitation of the working men of the poor countries of the world. No wonder, interest in Marxism waned. Radical leftists understood the new situation, namely that the working class was no longer the agent of revolution. Some of them thought that perhaps the sub-proletariat, the fringe groups, could be the new agents of revolution.
In India today, as far as I can perceive from this distance (I live in Germany), the material living conditions of workers, particularly of those in the organised sectors of the economy, have improved very much. In the wake of India's integration in the world economy, and against the background of high GDP growth rates, the mood has changed. Not many people are nowadays willing to fight for a great cause or ideal. Instead, there is a rush for making money, making career, and consuming the luxuries offered by the world market. Members of the established communist parties are no exceptions. The only people in India who are today struggling against exploitation, oppression, and injustice are the Adivasi forest dwellers. And their leaders and cadre don't call themselves Marxists.
In this situation, can Marxism again have a relevance for the struggle for a better world? In order to be able to answer this question, we must first be clear about what a better world should mean today.
Two Aspects of a Better World
The book "Limits to Growth" (Meadows et al.) was published in 1972. Ever since, the intensifying global ecological crisis, the dangers arising from global warming, declining biodiversity, exhaustion of all kinds of resources, and continually rising world population are matters of great concern for all those who, for whatever reason, are willing to look beyond their own and their nation's particular interests. One can say, imitating Marx: Capitalists, socialists and communists have till now changed the world in various ways; the point today, however, is to save it. I contend that the work of saving the world from the above mentioned crises and dangers and creating a better world has two aspects. Firstly, the economies of the world must be transformed into ecologically sustainable ones, and they must be based mainly on renewable resources, which we should expend at a rate no higher than the rate at which they are or can be replenished. Secondly, the societies must be transformed into egalitarian ones. Egalitarian societies are not only desirable in themselves. They are also necessary for ensuring peace within a society and peace between different societies. A society having these two qualities can be called an eco-socialist society.*
It has become clear that there is an ineluctable contradiction between ecology and industrial economy we know for the last two hundred years. Marx and Engels were very much aware of the ecological degradations caused by the industrial economies of their days. Marx wrote:
"In modern agriculture, as in the urban industries, the increased productiveness and quantity of the labour set in motion are bought at the cost of laying waste and consuming by disease labour-power itself. Moreover, all progress in capitalistic agriculture is a progress in the art, not only of robbing the labourer, but of robbing the soil; … . The more a country starts its development on the foundation of modern industry, … the more rapid is this process of destruction. Capitalist production … develops technology and the combining together of various processes into a social whole, only by sapping the original sources of all wealth – the soil and the labourer" (Marx 1954: 506-507).
Here Marx is speaking of "soil". In place of "soil", we nowadays should read resources and the environment. And Engels, using the negative environmental effects of deforestation as an example, wrote: "… nature takes its revenge on us"(Marx and Engels 1976, Vol.3: 74-75).
But this awareness did not influence the theory of Marx and Engels. The ecological degradations they described were merely presented as an extra point of criticism against capitalism. They remained growth optimists. So they also saw a way out, a way of avoiding nature's revenge. Engels wrote:
"… all our mastery of [nature] consists in the fact that we have the advantage over all other creatures of being able to learn its laws and apply them correctly.
… with every day that passes we are acquiring a better understanding of these laws and getting to perceive both the more immediate and the more remote consequences of our interference with the traditional course of nature. In particular, after the mighty advances made by the natural sciences in the present century, we are more than ever in a position to realise and hence to control even the more remote natural consequences of at least our day-to-day production activities." (ibid).
In principle, this optimism cannot be flawed, except that Engels forgot to say, firstly, that there are also limits to the possibility of this control – limits that are also inherent in the laws of nature – and, secondly, that this control involves costs and that such costs might be too high for a society to pay. We also know today that some of the negative ecological consequences of our production activities may also become irreversible.
Despite his very fundamental critique of capitalism – namely, capitalism "saps the original sources of all wealth – the soil and the labourer" – Marx assigned this system a world-historic role in preparing the conditions for future human emancipation "The development of the productive forces of social labour is capital's historic mission and justification. For that very reason, it unwittingly creates the material conditions for a higher form of production." (Marx 1981: 368). That means, Marx considered modern industrial production to be a precondition for the future communist society. In the quote further above, however, we see that Marx criticized not only capitalism, i.e. the relations of production capitalism, but also the forces of production, i.e. "modern agriculture", "urban industries" and " modern industry".
Such contradictory positions in Marx's writings allow some Marxologists, such as John Bellamy Foster, to take pains to prove that it is "possible to interpret Marx in a different way, one that conceived ecology as central to his thinking, …" (Foster 2000: vi, emphasis added). After painstaking study, Foster even "came to the conclusion that Marx's world-view was deeply, and indeed systematically, ecological (in all positive senses in which that term is used today), … " (ibid: viii). This is nothing but an effort to defend Marx in an age in which many of his basic positions have become indefensible. But it is not the duty of socialists to defend Marx. It is their duty to strive to create a socialist society, with or without Marx.
Most Marxists, communists, and socialists have failed to take cognizance of the fact that in the years since 1972 a great paradigm shift has taken place in the areas of economic, political, and social thinking. It is a shift from the then prevailing growth paradigm to what I call the limits-to-growth paradigm. One may also call the latter the ecological paradigm. Those who have carried out this paradigm shift in their thinking now see the necessity of a gradual and orderly, in fact planned, retreat from the growth madness of the economies of the world. The socialist societies of the future will either be built in the framework of a hugely contracted world economy, or they will not be built at all. Obviously, that will be a newly conceived socialism, much different from what has been conceived by the great leaders – Marx, Engels, Lenin, Mao up to Castro and Che.
One Marxist, Michael Löwy (2003), who belongs to the Trotskyite stream of Marxism, appears to have partially carried out the paradigm shift mentioned above. He sees the necessity of a convergence of socialism and ecology. He writes: "This convergence is only possible under the condition that Marxists critically analyze their traditional conception of 'productive forces' and ecologists break with their illusion of a true market economy." Löwy wants to "free Marxism from its productivistic slag". But he too wants to save (the rest of) Marxism, i.e. he wants to integrate the rest into his brand of eco-socialism.
Another aspect of the present-day world situation that reduces the relevance of Marxism for a socialist society of the future is the fact that the world, especially the less developed countries, are overpopulated and that the populations of such countries are still growing. Another great flaw in the thoughts of Marx, Engels, Lenin and their followers has been that they totally rejected the views of Malthus. Today, when the absolute availability of important resources in the world is dwindling fast, population growth results first in falling per capita resource availability, and then in conflicts, including war-like conflicts, over resources. No amount of technological development, which itself depends on availability of abundant and cheap resources, will be able to overcome this problem.
Some other aspects of Marxism are however still relevant and will, I think, remain relevant and important: historical materialism, dialectical thinking, stress on class analysis, and thinking in terms of base and superstructure. But the vision of socialism/communism that shines through the works of Marx and Engels and has often been elaborated by their followers is no longer convincing. If they were alive today, Marx and Engels would surely revise their vision and become eco-socialists. And they would not think that the working class would be the main agent of transformation of capitalist society into an eco-socialist one. Marx himself once said: "All I know is that I am not a Marxist" And that was, according to Bettelheim, "no mere witticism" (Bettelheim 1978: 503).
The question as to which kind of people would then lead the transformation must remain undiscussed in this short article.

Notes
* For my detailed argumentation, see: (1) Saral Sarkar (1999 & 2000) and (2) Saral Sarkar and Bruno Kern (2004/2008)
Literature
Bettelheim, Charles (1978) Class Struggles in the USSR – Second Period, 1923-1930. England: Hassocks.
Foster, John Bellamy (2000) Marx's Ecology –Materialism and Nature. New York: Monthly Review Press.
Löwy, Michael (2003) "Überleben statt Profit", in SoZ, January 2003.
Marx, Karl (1954) Capital, Vol. I. Moscow: Foreign Languages Publishing House.
Marx, Karl (1981) Capital, Vol. 3 (Translation by David Fernbach). Harmondsworth: Penguin.
Marx, Karl and Frederick Engels (1976) Selected Works (in 3 Volumes), Vol. 3. Moscow: Progress Publishers.
Saral Sarkar (1999 & 2000) Eco-Socialism or Eco-Capitalism? – A Critical Analysis of Humanity's Fundamental Choices. London: Zed Books & New Delhi: Orient Longman.
Saral Sarkar and Bruno Kern (2004/2008) Eco-Socialism or Barbarism – An Up-to-date Critique of Capitalism. Mainz: Initiative Ökosozialismus & Hyderabad: Chelimi Foundation. (http://www.oekosozialismus.net/en_oekosoz_en_rz.pdf)
Köln, November 5, 2012

Sonntag, 28. Oktober 2012

Apocalypse light

von Jürgen Zenke
T. S. Eliot sagte einmal: Wenn die Welt untergeht, dann nicht mit einem Knall, sondern mit einem Winseln (whimper). Auch die Apokalypse kam in drei Raten, mit nicht genutzter Bedenkzeit dazwischen.
Krisen können den Kapitalismus nicht umbringen, weil Krisen essentiell zu ihm gehören, wie viele politische Theoretiker sagen. Er bleibt weiterhin erfolgreich, weil er keinen neuen Menschen braucht, wie ihn der Sozialismus proklamiert hat. Er arbeitet vielmehr mit dem alten Adam und seinen sieben Hauptsünden, d. h. er lebt von unseren niedrigsten Instinkten. Das macht ihn unschlagbar. Er reformiert sich sehr langsam und nur unter großem Leidensdruck, weil die reichen Länder alle Veränderungen als materiellen Abstieg fürchten müssen.
Er wird auch die ökologische Krise überleben mit Hilfe von green-washing, so wie es seit längerem auch die Grünen und ihre Wähler betreiben, die ihren zerstörerischen Lebensstil beibehalten und sich lieber mit Geld und neuer Technik (E-Autos usw.) freikaufen wollen, – Ablasshandel wie zu Luthers Zeiten. Verantwortung für die kommenden Generationen? „Wieso? Was tun die denn für mich? Außerdem geht es Kindern und Enkeln materiell besser als jemals zuvor!“
Wenn fossile und andere Rohstoffe zu Ende gehen, werden sie langsam (!) für immer mehr Menschen unbezahlbar. Dann beginnt Schritt für Schritt der Entzug: Zunächst bei den Armen, anschließend auch beim Mittelstand, dessen Entzug beschleunigt wird, falls ihm die Armen erhebliche Ausgleichszahlungen abtrotzen. Es ist eben so: Viele wollen zurück zur Natur, aber nicht zu Fuß.
Übrigens scheitern alle technischen Lösungen ohne den energischen Willen zur Änderung unseres Lebensstils auch an dem weithin unbemerkten Rebound-Effekt. Bio-Kerosin ist dann z. B. ein Alibi für noch mehr Fliegerei, mit Ökostrom kann ich noch mehr Einfrieren, Warmduschen, im Internet surfen etc., – glaubt jeder unbewusst. Sparsamkeit ist einfach außerhalb Schwabens unsexy.
Wer ist nun der Schurke in diesem Film?
In meiner Ökobank-Gruppe gibt es immer Protest, wenn ich sage: Umweltschädigung nimmt proportional zum Einkommen zu. Arme Leute leben immer nachhaltig, soweit das Menschen möglich ist. Da Wohlstand in allen Kulturen träge macht, ist von den Mittelschichten wenig zu erwarten. Sie werden ihren komfortablen Lebensstil bis zum bitteren Ende verteidigen. Allerdings wird die Umweltkrise national und global die sozialen Verteilungskämpfe verschärfen, bis hin zu Kriegen. Auch das wird langsam gehen – in den reichen Ländern –, wie man an den erstaunlich ruhigen mediterranen Jugendlichen sehen kann, von denen ca. 40% (!) arbeitslos sind, aber eben dennoch relativ reich.
Am vorläufigen Ende wird alles mit weniger Komfort, Konsumgütern und umweltabhängiger Lebensqualität so weiter gehen wie bisher, und alle werden sich daran gewöhnen und immer noch von Wachstum träumen.
Eine große Unbekannte, die diese traurige und banale Entwicklung stören könnte, sind gravierende Kippphänomene, z. B. Stillstand des Golfstroms, unumkehrbares Abschmelzen der Eismassen Grönlands bzw. der Antarktis mit anschließender Überflutung aller flachen Küsten und ähnliche Ereignisse.

Donnerstag, 20. September 2012

Prinzip Hoffnung

Bei nachholender Lektüre alter Zeitungen fand ich eine interessante Buchbesprechung (SZ, 25.02.2012). Schon der Titel ist sensationell: "Fette Jahre". Bernt Rürup, ehemals Mitglied des Sachverständigenrates und Wirtschaftsjournalist Dirk Hinrich Heilmann veröffentlichten dieses Buch Anfang dieses Jahres, d.h. erst vor ein paar Monaten. Der Titel ist sehr mutig, aber auch gewagt. Wie können sie das nur, zumal Rürup ein weiser Wirtschaftswissenschaftler sein soll? Hören wir doch Menschen allenthalben nur von Krisen reden. Des Rätsels Lösung: die Autoren beschränken ihren Blick auf Deutschland.
Tatsächlich, verglichen mit den anderen Industrieländern Europas, auch im Vergleich zu Japan und den USA, geht es Deutschland insgesamt sehr gut, die Autoren sagen "blendend". Deutschlands Wirtschaft blendet tatsächlich, im doppelten Sinne des Wortes. Einerseits: es gibt keine Rezession, zumindest noch nicht. Die Arbeitslosigkeit, die offizielle, ist niedrig. 2011 betrug die Neuverschuldung des Staates nur ein Prozent. Die Exporte überstiegen eine Billion Euro. Rürup und Heilmann prognostizieren für Deutschland eine glänzende Zukunft und wagen überaus positive Prognosen bis 2030. Andererseits: Millionen arbeitenden Deutschen droht Altersarmut. Für solche Leute, sagt die zuständige Ministerin selbst, ist eine Zusatzrente notwendig. Der Niedriglohnsektor mit Mini- und Teilzeitjobs expandiert seit langem. Es gibt keinen gesetzlichen Mindestlohn. Millionen Arbeitende können nicht von ihrem Lohn leben und beantragen deshalb zusätzlich Hartz IV. Hunderttausende können ihre Stromrechnung nicht bezahlen usw. usf. Diese Fakten sind Rürup und Heilmann sicher nicht unbekannt gewesen, als sie ihr Buch schrieben. Bei solchem Faktenmaterial kann man nicht von fetten Jahren reden. Das Deutschlandbild der Autoren ist schlicht falsch, reines Wunschdenken.
Rürup und Heilmann sind keine seltenen Ausnahmen unter Ökonomen und Wirtschaftspublizisten. Ungefähr zur gleichen Zeit erschien in New York Times (Beilage zur SZ, 20.2.2012) ein Artikel von Chrystia Freeland mit ähnlichem Wunschdenken als Inhalt, diesmal bezogen auf die ganze Menschheit. Sie stellt fest, dass dank der Globalisierung und der technologischen Revolution der letzten Dekaden sowohl im Westen als auch in den aufstrebenden Märkten der ehemaligen Dritten Welt eine neue Klasse von Raubrittern ("robber barons") entstanden ist, die durch Ausbeutung der Billiglohnarbeit der urbanisierenden Bauern von China, Indien, Brasilien usw. superreich geworden sind. Diese Leute "leben im Stil einer plutokratischen Pracht des 21. Jahrhunderts, eine Pracht, die sogar Rockefeller und Carnegie geblendet hätte." Für diese Raubritter seien diese Dekaden das neue goldene Zeitalter ("the new gilded age"). Freeland stellt auch fest, dass dieser von den Raubrittern ermöglichte Übergang zum neuen Zeitalter auch vielen Millionen Menschen – besonders in den BRICS-Ländern – den Aufstieg in die Mittelschicht ermöglicht und Hunderte von Millionen von Armut befreit. Sie erwähnt zwar auch die "Belastungen und Konflikte", die aus diesem Prozess resultieren ("Jede Veränderung ist hart", sagt sie). Aber "schließlich wird die Menschheit prosperieren. … Der Kapitalismus wirkt ", zitiert sie übereinstimmend John van Reenan, den Chef des Center for Economic Performance am London School of Economics. Allerdings, anders als Rürup und Heilmann, denken Freeland und Reenan, dass es mittelfristig, d.h. etwa 30 oder 40 Jahre lang, "große Erschütterungen" geben könnte, bevor die Menschheit prosperiert.
Die großen Erschütterungen, die Freeland und Reenan voraussehen, sind schon längst im Gange. Hier nur einige Beispiele aus den BRICS-Ländern: In China, dem erfolgreichsten unter diesen Ländern, brodelt es seit etlichen Jahren. In der mehrheitlich von den muslimischen Uighuren bewohnten Provinz Xinjiang kommt es immer wieder zu blutigen Aufständen gegen die Dominanz der Han-Chinesen. Gegen dasselbe Übel kämpfen in Tibet buddhistische Mönche mit dem Mittel der Selbstverbrennung. Aber nicht nur die Minderheiten, selbst Han-Chinesen gehen oft auf die Barrikaden. Überall gibt es spontane Protestdemos, nicht immer gewaltlos, gegen verschiedenerlei Missstände, behördliche Willkür, Unterdrückung und Ungerechtigkeiten – fast 500 täglich.
Auch in Indien gibt es ethnische und interreligiöse Konflikte (wie z.B. neulich im Bundesland Assam). Migranten aus unterentwickelten Bundesländern in ein entwickelteres Bundesland werden oft verfolgt (z.B. im Bundesland Maharashtra), weil sie den Einheimischen Jobs wegnehmen.
In der Südafrikanischen Republik, seit einiger Zeit auch ein BRICS-Land, wächst die Wut der schwarzen Unterklasse gegen den herrschenden ANC und deren Führungsschicht. Mitte August dieses Jahres wurden dort 34 streikende schwarze Bergarbeiter eines Platin-Bergwerks von der Polizei erschossen.
Aber nicht nur in den BRICS-Ländern und der übrigen Dritten Welt, sondern auch in den entwickelten Ländern gibt es seit einigen Jahren große Erschütterungen. Die Krise in der EU (insbesondere die in der Eurozone) und die gewalttätigen Demos in Griechenland, England und Spanien sind nur ein paar Beispiele davon. In Bezug auf die nicht enden wollende Krise in den USA redet man schon von einem "Hoffnungsdefizit".
Für Prinzip Hoffnung habe ich viel Verständnis. Ohne Hoffnung ist es sehr schwer zu leben. Aber muss die Hoffnung so eine krude sein, "fette Jahre", glänzende Zukunft, "gilded age" der Raubritter? Wir müssen realistisch sein, um die Hoffnung auf eine bessere Welt halbwegs Wirklichkeit werden zu lassen. In materieller Hinsicht kann die Welt nicht mehr prosperieren, denn da gibt es die Grenzen des Wachstums. Aber in Hinsicht auf zwischenmenschliche Beziehung und Frieden zwischen den Völkern könnte noch viel mehr erreicht werden.

Donnerstag, 16. August 2012

Was ist eine Zeit des Umbruchs?
Und was ist eine Systemkrise?

Richard David Precht ist 47 Jahre jung. Er ist Professor, Autor von mehreren Bestsellern und zur Zeit wahrscheinlich der bekannteste Philosoph in Deutschland. Er wird sehr oft zu den Talkshows im deutschen Fernsehen eingeladen. Er ist auch ein sehr populärer Philosoph. Seine Bücher über lebensphilosophische Themen sind auch Otto Normalbildungsbürger verständlich. Und demnächst wird er noch bekannter werden. Im ZDF wird er nämlich eine neue Gesprächsreihe über (bestimmt) seriöse Themen moderieren.
Neulich las ich ein Gespräch, das ein Journalist des Kölner Stadtanzeigers mit ihm führte (KStA, 13.08.12). Es interessierte mich, weil, erstens, ich mich für populäre Philosophie interessiere und, zweitens, weil Precht ein Image als Weichspüler hat. Philosophen sind im allgemeinen tiefgründig denkende Menschen. Ich wollte wissen, warum ein populärer Philosoph so ein negatives Image hat.
Am Anfang findet man eher mutige Äußerungen, mit denen ich sympathisiere. Precht kritisiert das "Literatursyndikat um Grass, Jens, Walser. Lenz und andere …, das einer ganzen Generation von Autoren den Erfolg blockiert hat.". "Das andächtig-vollmundige Lob auf diese Herren" findet er "kitschig, wirklich kitschig". Die Verehrung für solche alten berühmten Schriftsteller sowie für alte Politiker wie Helmut Schmidt, Richard von Weizsäcker, Heiner Geißler und Hildegard Hamm-Brücher, die er pauschal "Großweise" nennt, findet er eine "in Ehrfurcht erstarrte Haltung". Das ist richtig gut. Vor allem der Großweise Helmut Schmidt, der wegen seines viel zitierten zynischen Spruchs "Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen" immer noch berühmt ist. Den kann ich auch nicht leiden. Und der Großweise Heiner Geißler, der viele Jahre lang Helmut Kohls Politik nicht nur mitgemacht, sondern auch öffentlich verteidigt hatte, begann nach seiner Pensionierung, den Turbokapitalismus zu kritisieren und wurde Mitglied des Attac. Was soll man zu solchen Leuten sagen?
Dann kommt aber die große Enttäuschung. Precht sagt: "Wir leben in einer Zeit des Umbruchs". Das klingt zunächst wunderbar. Aber was für ein Umbruch ist das? Precht sagt, dieser sei nicht aus Not geboren, sondern er sei "Folge einer technischen Erneuerung". "Das Internet und die sozialen Netzwerke züchten Menschen, die ihre Meinung sagen." Schon bei dem Wort "züchten" sollte man alarmiert sein. Internet et cetera züchten Menschen? Drei Tage zuvor hatte ich, ebenfalls in Kölner Stadtanzeiger (10.08.2012), ein Gespräch mit dem Psychiater und Hirnforscher Prof. Manfred Spitzer gelesen, mit dem ein paar Tage später auch der TV-Sender 3Sat ein Gespräch führte. Prof. Spitzer hat neulich ein Buch veröffentlich, dessen Titel "Digitale Demenz" die Alarmglocken läuten lassen. Er sagt, kurz gefasst, zu viel Konsum und Gebrauch von den neuen digitalen Medien Menschen, besonders Schüler und junge Menschen, verblödet. Sie verlernen das Denken, was im Alter früh und leicht zur Demenz führt.
Precht aber wertet diese Entwicklung durchaus positiv. Er sagt, die heutige Erziehung (er redet hier nur über die reichen Länder) bringe "selbstbewusste Kinder hervor, die schon mit zwei Jahren gefragt werden, ob sie lieber Vanille- oder Schokoladenpudding möchten. Diese Möglichkeit zur Selbstbestimmung wollen sie später als Jugendliche und Erwachsene nicht mehr abgeben. Das ist die Grundintuition der Piraten: Wir brauchen keine repräsentative Demokratie, denn was ich zu sagen habe, will ich selber sagen."
Selbstbestimmung und selber sagen wollen, auch das klingt gut. Aber haben die Piraten überhaupt etwas zu sagen? Sie lassen sich in die Parlamente wählen. Aber zu den Problemen des Landes, geschweige denn zu den Problemen der Welt, haben sie und ihre Wähler nichts zu sagen. Das ist leicht zu verstehen. Sie haben ja bisher über nichts nachgedacht. Ihr gemeinsamer Nenner ist ihre Liebe zum Computer und Internet. Und sie sind ständig beschäftigt mit diesen Instrumenten. Ihre Hauptforderung ist das Recht auf kostenloses Herunterladen von allem, was im Internet zu finden ist. Prof. Spitzers These ist bestätigt.
Aber Precht hält diese Entwicklung für einen "Umbruch", in positivem Sinne. Er versteht diese Lage sogar als "im Kern eine Systemkrise". Versteht er überhaupt, was eine Systemkrise ist? Oder will er den Begriff bewusst weichspülen?
Ohne Zweifel gibt es eine Systemkrise – nicht nur in Deutschland und der EU, sondern in der ganzen Welt. Aber das System, das in der Krise ist, ist nicht, wie Precht denkt, die repräsentative Demokratie, sondern der Kapitalismus. Selber sagen wollen ist in den repräsentativen Demokratien überhaupt kein Problem, Das ist schon längst ein Bestandteil solcher Demokratien und ist in deren Verfassungen fest verankert. Auch Selbstbestimmung ist da kein Mangelware. Selbst der Lissabonner Vertrag durfte von dem irischen Volk abgelehnt werden. Und Finanzminister Schäuble schlägt vor, dass das deutsche Volk selbst bestimmen soll, ob Deutschland seine Wirtschafts- und Finanzsouveränität an die EU abgeben sollte.
Die Europäer, die in der heutigen Krise am meisten leiden, sind gerade die jungen Leute, die als zweijährige zwischen Vanille- und Schokoladenpudding wählen durften. In Spanien sind über 40 Prozent der 15- bis 24jährigen ohne Arbeit. In Deutschland ist die Lage sehr viel besser. Dennoch demonstrieren hier Tausende von jungen Leuten gegen den Kapitalismus und entwickeln Visionen einer solidarischen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, die ohne den Profitmotiv und ständiges Wachstum funktionieren kann.
Philosophen sollten eher über diese Lage der gegenwärtigen Welt nachdenken und den Übergang zu einer besseren vorbereiten.