Donnerstag, 19. Juli 2012

Ökonomik oder politische Ökonomie?

In einem früheren Blog-Text (29.04.2012) habe ich kritisch über ein Memorandum von über 100 Wirtschaftswissenschaftlern berichtet, die vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Wirtschfts- und Finanzkrise von einer Krise ihrer Wissenschaft redeten. Inzwischen hat die erstere Krise zu einem großen öffentlichen Streit unter den deutschen Wirtschaftswissenschaftlern geführt. Es geht dabei um die beste Politik für die Rettung des Euro und für die Überwindung der Krise in der Eurozone. Aber da ist guter Rat teuer Einen Streit über die richtige Politik in der Krise gibt es auch in den USA. Aber in Deutschland tobt er zur Zeit am heftigsten. 190 Wirtschaftswissenschaftler haben die jüngsten Entscheidungen der deutschen Bundesregierung bezüglich der Eurokrise heftig kritisiert. Und etliche andere haben ihren Kritiker-Kollegen widersprochen – teils mit scharfen Worten (z.B. "beschämend"). All das macht es notwendig, zum Thema Krise der Wirtschaftswissenschaft noch etwas zu sagen.
Warum haben es die Wirtschaftswissenschaftler so schwer? Die Naturwissenschaftler – zum Beispiel Physiker und Astronomen – sind nie zerstritten. Ihre Streite sind meist nur Wissenschaftsstreite über unterschiedliche Erklärungen für beobachtete Phänomene. Sie werden über kurz oder lang entschieden. Auf der Praxisebene schafften sie es sogar, auf der Grundlage ihres Wissens, Menschen mehrere Mondlandungen zu ermöglichen. Aber die Wirtschaftswissenschaftler haben es immer noch nicht geschafft, die Menschheit von der Plage regelmäßig wiederkehrender Krisen zu befreien. Bundestagspräsident Norbert Lammert stellte neulich fest "Von allen denkbaren Verfahren in der Bewältigung dieser Krise … ist das am wenigsten taugliche die Umsetzung von Expertenempfehlungen gewesen" (SZ, 9.7.12) Woran liegt es? Kann es sein, dass, was die praktische Relevanz betrifft, die Wirtschaftswissenschaft, im Unterschied zur Wirtschaftsstatistik, eigentlich keine allzu ernstzunehmende Wissenschaft ist?
Als ich in Indien Student war, wurde das Fach sowohl "political economy" als auch "economics" genannt. Auf Deutsch hieß es "politische Ökonomie", "Nationalökonomie" oder "Volkswirtschaftslehre". Die Vokabeln "politisch", "national" und "Volk" deuteten klar an, dass das Fach zu den Sozialwissenschaften gehörte, dass es keine exakte, etwa mit Physik vergleichbare Wissenschaft war. Damit waren die Wirtschaftswissenschaftler aber nicht zufrieden. Sie versuchten sehr früh, ihre Wissenschaft in die Nähe der Naturwissenschaften zu bringen und ihr universelle Gültigkeit beizumessen. Schon Prof. Marshall sprach von "hoher und transzendentaler Universalität" der Grundprinzipien der Ökonomik. Er behauptete, diese wären auch in "anderen Welten als der unsrigen" relevant – Welten, in denen es keinen Reichtum im gewöhnlichen Sinne gibt. Und Prof. Samuelson war überzeugt, dass das Model eines rational wirtschaftenden Homo Oeconomicus sogar in einer Kolonie von Bienen seine Gültigkeit hat. (1)
Sie führten neue Bezeichnungen ein: "economics", "Ökonomik" (wie physics, Physik), "Wirtschaftswissenschaft", "economic science". Sie begannen sich anders zu bezeichnen: "economist" (statt "political economist"), "Ökonom" (wie Astronom, statt "Nationalökonom" oder "Volkswirt"). Diese Bezeichnungen erweckten den Eindruck, das Fach sei eine richtige, exakte Wissenschaft wie z.B. Physik, Mathematik, Mechanik oder Astronomie. Die hochgradige Mathematisierung des Faches half dabei kräftig, verlieh ihm die Aura der exakten Naturwissenschaften. Es wurde später auch noch ein "Nobelpreis" dafür geschaffen. So konnten die Ökonomen bis vor dem Ausbruch der gegenwärtigen Krise glauben und uns glauben machen, dass dank ihrer Wissenschaft eine ernsthafte große Wirtschaftskrise nicht mehr möglich sei. Aber schon die Stagflation der zweiten Hälfte der 1970er Jahre, die große Asienkrise von 1997-1998, der Wirtschaftszusammenbruch in Argentinien im Jahre 2001 und einige andere mittelschwere Krisen hatten die Ökonomen blamiert, bevor 2008 ihre Wissenschaft in die gegenwärtige Krise geriet.
Es liegt auf der Hand, dass der genannte Versuch der Wirtschaftswissenschaftler nicht ganz gelingen konnte. Anders als Atome, Moleküle und Himmelskörper, können sich wirtschaftende Menschen unberechenbar verhalten. Menschliche Faktoren wie Erwartung, Optimismus, Pessimismus, Angst, Panik, Herdentrieb, kurz Psychologie, spielen im Wirtschaftsgeschehen sehr wichtige Rollen. Darum ist ja Ökonomik eine Sozial- oder Humanwissenschaft.
Aber sie ist nicht nur das. Sie hat auch sehr viel mit Sachen zu tun, die in den Bereich der Naturwissenschaften fallen. Das Wirtschaften – Produktion, Konsumption und Handel – erfordert Sammeln, Verbrauch und Gebrauch von Rohstoffen bzw. Naturkräften. Es ist diese Tatsache – nicht ihre Mathematisierung und die Einführung von modischen Bezeichnungen –, die es erlaubt, die Ökonomik in die Nähe der Naturwissenschaften zu bringen, nämlich in die Nähe der Geologie, Mineralogie, Geographie, Chemie, Industriechemie, Metallurgie, Ingenieurwissenschaften, Biologie, Agrarwissenschaft, Meteorologie usw. Das Gesetz des abnehmenden Grenzertrags, zum Beispiel, gilt sicher auch für eine Gesellschaft von Bienen.
Vor über zwei hundert Jahren hatte Malthus politische Ökonomie schon mit der Agrarwissenschaft und Demographie in Verbindung gebracht. 1966 beschrieb Kenneth Boulding den Unterschied zwischen der Raumschiffökonomie und der Cowboy-Ökonomie. 1971 erklärte Nicholas Georgescu-Roegen die Relevanz des Entropiegesetzes für den Wirtschaftsprozess. Und 1972 zeigte der Meadows-Bericht, warum es eine natürliche Grenze des Wirtschaftswachstums geben muss. Diese Arbeiten summierten sich zu einer Notwendigkeit eines Paradigmenwechsels in der Ökonomik: von dem Wachstumsparadigma zu dem Grenzen-des-Wachstums-Paradigma (wie ich es nenne). Aber das Gros der Wirtschaftswissenschaftler haben diesen Paradigmenwechsel immer noch nicht vollzogen.
Eigentlich kann man die Ökonomik sehr gut mit einer Naturwissenschaft vergleichen, nämlich mit der Meteorologie. In den beiden Wissenschaften ist es sehr schwierig, zukünftiges Geschehen zu prognostizieren. Im Falle der Meteorologie kann eine plötzliche Eruption auf der Sonnenoberfläche (oder, nach einem berühmten Witz, ein Flügelschlag eines Schmetterlings im Golf von Bengalen) die ganze Wettervorhersage der Meteorologen durcheinander bringen. Im Falle der Ökonomik kann ein irrationaler Panikanfall eines Spekulanten am Wallstreet einen riesigen Börsencrash und die nachfolgende Wirtschaftskrise auslösen.
(1) Für beide Beispiele siehe: Narindar Singh (1976) Economics and the Crisis of Ecology. Bombay usw.: Oxford University Press (S. 113 u. 118).

Freitag, 29. Juni 2012

Wie mächtig ist Indien wirklich?

Indien ist in jeder Hinsicht ein wichtiges Land. Und ich bin Inder, auch was die Staatsangehörigkeit betrifft. Darum bin ich ein bisschen überdurchschnittlich interessiert an Nachrichten und Kommentare aus und über Indien. Aber ich gebe mir Mühe, diese im Kontext des Weltgeschehens zu lesen. Neulich las ich in einem editorischen Kommentar über das magere Ergebnis des Rio+20-Gipfels Folgendes: "Was hatten die Europäer doch schöne Ziele. Eine eigene Umweltbehörde der Vereinten Nationen. Feste Vorgaben für eine nachhaltige Entwicklung. Klare Zuständigkeiten, klare Absprachen – nichts davon haben sie … in Rio erreicht. Die neuen Mächtigen dieser Welt hatten etwas dagegen: Brasilien, Indien, China. … Für Europa ist Rio zur Demonstration der eigenen Ohnmacht geworden." (Süddeutsche Zeitung, 25.06.12).
Als ich dies las, fragte ich mich: soll ich jetzt ein bisschen stolz sein? Ist Indien mächtig geworden? Das ist Unsinn. Eine globale Vereinbarung verhindern zu können, ist kein Beweis von Macht, sondern von Ohnmacht. Wo die Zustimmung aller Länder notwendig ist, kann auch ein kleines, schwaches Land etwas leicht verhindern. Ein Beweis von Macht wäre, wenn Indien etwas Positives hätte durchsetzen können. So gesehen, sind in der Weltumweltpolitik nicht nur die Europäer ohnmächtig, sondern alle, inklusive Indien.
Die angebliche Macht von Indien, China und Brasilien besteht in ihrer rasanten wirtschaftlichen Entwicklung in den letzten Jahrzehnten. Diese Macht aber befähigt sie zu nichts Positivem. Im Gegenteil. Sie sind alle in der Defensive. Denn der neue Wohlstand ihrer jeweiligen Mittelschicht ist und wird auf Kosten der Umwelt erreicht – in viel höherem Grade als in Europa und Nordamerika. Sie werden deswegen auch international massiv kritisiert. Aber sie sind bereit, diese Kosten und auch die Kritik in Kauf zu nehmen, denn sie sehen keinen Weg, auf dem sie ihre Wirtschaft ökologisch nachhaltig entwickeln könnten. Gerade kurz vor der Rio+20-Veranstaltung hat das brasilianische Parlament durch ein neues Gesetz den Schutz der Amazonas-Regenwald gelockert. Es darf demnächst, wenn die Präsidentin ihren milden Widerstand aufgegeben hat, mehr vom Amazonas-Regenwald zerstört werden als bisher.
Anders als Brasilien ist Indien ein schon übervölkertes Land. Die Landfläche Indiens beträgt nur etwa 38% von der Brasiliens, und da leben heute über 1,2 Milliarden Menschen (in Brasilien etwa 190 Millionen). Nach der jüngsten Volkszählung (2011) wuchs die Bevölkerung Indiens im letzten Jahrzehnt jährlich durchschnittlich um 1,7%. Das heißt, gegenwärtig wächst die Bevölkerung jährlich mindestens um 18 Millionen. Premierminister Singh sagte neulich, Indien müsse jedes Jahr 8 bis 10 Millionen neue Jobs schaffen. Wie soll da weitere Entwicklung nachhaltig sein? Wie soll da die 250 bis 300 Millionen starke Mittelschicht ihren Wohlstand aufrecht erhalten, gar mehren, um die euro-amerikanische Mittelschicht einzuholen, ohne fortwährend die Umwelt zu degradieren?.
Das Perverse an dieser Bevölkerungsentwicklung ist, dass, während der Staat ohnmächtig dieser Entwicklung gegenübersteht, sich manche Denker der Mittelschicht und der Wirtschaftselite über diese Entwicklung, die sie eine "demographische Dividende" nennen, freuen. Klar, für sie bedeuten mehr Menschen mehr spottbillige Arbeitskräfte und mehr Konsumenten.
Aber trotz dieser aus ihrer Sicht positiven Entwicklung, ist neulich für die indische Wirtschaft eine schlechte Zeit angebrochen. Nach Medienberichten ist die Zeit der glorreichen Wachstumsraten der letzten Jahre (8 bis 9%) jäh zu Ende gegangen. Im letzten Jahr betrug die Wachstumsrate nur 6.5%. Im ersten Quartal dieses Jahres fiel sie weiter auf 5,3%. Indiens Währung, die Rupie, verliert an Wert gegenüber dem Dollar, Investitionen fallen, Inflationsrate steigt, und allerlei Defizite erodieren die Staatskasse (SZ/NYT., 11.06.12). Ausländische Investoren ziehen ihr Geld zurück. So könnte Indien seinen Status als G-20-Mitglied verlieren(BBC). Auf die Benzinpreiserhöhung im Mai dieses Jahres reagierte die Bevölkerung wütend. Sogar in der Hauptstadt Neu Delhi herrscht akuter Wassermangel. Eine Mafia kontrolliert das Geschäft mit Wasser. Das Bundesland West Bengalen, dessen Hauptstadt Kalkutta ist, hat große Mühe, die Gehälter seiner Angestellten zu zahlen. Es sitzt auf einem großen Schuldenberg und macht immer neue Schulden. Folglich wird West Bengalen das Griechenland Indiens genannt.
Aufgrund dieser wirtschaftlichen Schwäche kann sich Indien keine Wohltaten für die Umwelt leisten. Aber auch China und Brasilien nicht. Auch Chinas Wachstumsrate fällt, ihr Immobiliensektor verzeichnet einen Abschwung, die Exporte stagnieren, die Handelsbilanz verzeichnete zuletzt ein Minus. Auch Brasiliens Wirtschaft kühlt ab. Es ist halt so: entweder Wohlstand oder Umweltschutz. Beides können wir nicht haben.
Indien hat kaum Öl, aber eine große Bevölkerung. Wenn es einmal zum Klimaschutz einen weltweiten Emissionshandel gibt, bei dem alle Bürger der Welt eine gleiche Menge an Emissionszertifikaten zugeteilt bekämen, dann könnte Indien dadurch reich werden, dass es auf dem freien Weltmarkt viele Emissionszertifikate verkauft, wie heute z.B. Nigeria Öl verkauft. Für die große Mehrheit der Inder sehe ich keinen anderen Weg zum Wohlstand.

Freitag, 8. Juni 2012

Die Krise und der grüne europa-patriot Fischer

In meinem letzten Blog-Text "Wer kümmert sich um unsere Schulden bei der Natur" (29.05.12) habe ich darüber geklagt, dass zur Zeit auch die Grünen vehement einen Kurswechsel zur Wachstumspolitik fordern. Inzwischen ist es notwendig geworden, noch einmal etwas zu diesem Thema zu schreiben. Denn Joschka Fischer veröffentlichte am 4.06.12 in der Süddeutschen Zeitung einen Artikel mit dem feurigen Titel "Das europäische Haus steht in Flammen". Auch für seine Kritik an Frau Merkels Austeritätspolitik benutzt Fischer das Bild eines Brandes. Er schreibt, Feuerwehrfrau Merkel lösche mit Kerosin.
Zwei Sachen sind gut an Fischers flammender Kritik. Es schien bis vor einigen Monaten, als wären die meisten Deutschen zufrieden mit dem Krisenmanagement ihrer Regierung. Im Vergleich zu den anderen großen Wirtschaften der EU ging es ja Deutschland glänzend. Durch seine hyperbolische Formulierung heizt Fischer jetzt auch hierzulande die Debatte über die Krise an. Und zweitens, anders als die meisten Deutschen denkt Fischer an ganz Europa, nicht nur an Deutschland.
Doch Fischers Argumente sind falsch. Für seine Kritik bemüht er die Wirtschaftsgeschichte. Er schreibt: Eigentlich sollte die Erkenntnis, "… dass eine solche Sparpolitik in einer großen Finanzkrise diese nur zur Depression verschärft," seit der Großen Depression der 1930er Jahre Allgemeingut sein. Die Sparpolitik von Hoover in den USA und Brüning in Deutschland waren damals tatsächlich ein falsches Rezept gegen die Krise. Woran aber Fischer nicht gedacht hat, ist, dass seit 1932 viel Wasser den Bach hinuntergeflossen ist. In den folgenden 80 Jahren haben Ökonomen viel Krisenforschung gemacht und viel über die Krisendynamik gelernt. Auch ist es Wirtschaftspolitikern – Keynesianern sowie Neoliberalen – bis 2007 immer gelungen, die kleinen und die paar großen Krisen zu überwinden. Aber diesmal gelingt das ihnen nicht, obwohl sie alles Erdenkliche versuchen. Warum?
Die Antwort ist ganz einfach. Vor 80 Jahren gab es noch sehr viel Potential für weiteres Wirtschaftswachstum. Darum gelang es Roosevelt mit seinem New Deal die Lage in den USA zu bessern, bis der Zweite Weltkrieg die Depression endgültig überwand. Darum gelang es auch Hitler, mit seinen Infrastrukturinvestitionen und Kriegsvorbereitungen Deutschland aus der Großen Depression zu führen. Später schaffte es eine Mischung von Kriegskeynesianismus und zivilem Keynesianismus, einen 25 Jahre dauernden "langen Boom" zustande zu bringen.
Dieses Potential scheint jetzt weitgehend erschöpft zu sein. Politiker konnten lange die 1972 vorausgesagten Grenzen des Wachstums ignorieren. Aber jetzt kommen die Warnungen von vielen Seiten wieder. Am 4.06.sagte sogar Martin Faulstich, der Vorsitzende des Sachverständigenrats für Umweltfragen (SRU) klar und deutlich: „In einer begrenzten Welt kann es kein unbegrenztes Wachstum geben“. Und am 5.06. sendete Arte in bester Sendezeit einen Dokumentarfilm, in dem sogar die ganze Fortschrittsidee in Frage gestellt wurde. Es war da von einer Fortschrittsfalle die Rede.
Zwar reden nicht alle Befürworter einer Neuauflage der Wachstumspolitik einfach vom Wachstum. Grüne im allgemeinen, aber auch viele andere, sprechen etwas differenzierter. Seit Anfang der gegenwärtigen Krise reden sie von einem Green New Deal. Grünes Wachstum. nachhaltiges Wachstum, ökologische Ökonomie und grüne Energie sind alte Parolen. Seit Fukushima gibt es auch die Parole Energiewende. Trotzdem stagnieren die Wirtschaften von Europa und den USA. Die Energiewende, die das Herzstück eines Green New Deals in Deutschland sein sollte, kommt nicht gut voran; sie kämpft mit vielen Problemen.
Der eigentliche Grund dafür hat der deutsche Wirtschaftsminister Rösler so formuliert: "Aus meiner Sicht fehlt in der energiepolitischen Debatte ein Stück weit Ehrlichkeit" Er nannte das EEG "ein reines Subventionsgesetz". (Online Focus, 5.06.2012).Woher sollen aber die Subventionen kommen, wenn die Wirtschaft stagniert und gerade die Hauptquelle des Reichtums der Industriegesellschaften, nämlich die fossilen Energien, ersetzt werden sollen durch die teuren erneuerbaren Energien? Inzwischen hört man, dass einige führende Unions- und FDP-Politiker zum Sturmangriff auf das EEG aufrufen. (Die Grünen, in DNR-Fachverteiler, 5.06.2012)
Fischer fordert "uneingeschränkter Kauf der Staatsanleihen der Krisenländer durch die EZB; Europäisierung der nationalen Schulden mittels Euro-Bonds, Wachstumsprogramme, um eine Depression in der Euro-Zone zu verhindern und Wachstum zu generieren." Er stellt sich die "wüste Polemik in Deutschland über ein solches Programm" vor und kontert: "… der Boom der deutschen Exportwirtschaft gründet genau auf solchen Programmen in den Schwellenländern und in den USA. Hätten China und die USA seit 2009 nicht massiv und teils schuldenfinanzierte Steuergelder in ihre Wirtschaften gepumpt, dann hätte es den Exportboom in Deutschland kaum gegeben."
Dieses Argument von Fischer ist unsinnig, auch wenn wir, um der Argumentation willen, annähmen, dass es in der Welt noch Potential für weiteres Wachstum gibt. Wenn die Krisenländer Griechenland, Portugal, Irland und Spanien neue Schulden machen, um ihre neue "Wachstumsprogramme" zu finanzieren (sie hatten doch vor 2008 auf diesem Wege viel Wachstum erzielt!), dann werden sie die Schulden haben, und die deutsche Exportwirtschaft wird boomen. Das wäre sicher gut für die deutsche Wirtschaft Aber wäre das auch gut für die Krisenländer? Das ist kein Europapatriotismus. Europapatriotisch wäre, wenn die Deutschen und die anderen Europäer bewusst bevorzugt Produkte der europäischen Krisenländer kaufen würden. Aber das wäre Planwirtschaft, verboten im neoliberalen globalisierten Kapitalismus.

Dienstag, 29. Mai 2012

Wer kümmert sich um unsere Schulden bei der Natur?

Spätestens seit Francois Hollande Präsident von Frankreich geworden ist, steht Medienberichten zufolge Frau Merkel, die Eiserne Lady mit ihrer strengen Sparpolitik, in der euro-amerikanischen Gemeinschaft ziemlich isoliert. Da diese Politik bisher keinen Erfolg gezeitigt hat, da, im Gegenteil, die Wirtschaften der EU-Länder weiter an Rezession bzw. Stagnation leiden und da außerdem einige der leidenden Völker Widerstand gegen diese Politik leisten, heißt es nun überall, zur Bewältigung der Krise genüge Sparen nicht. Die Wirtschaft müsse auch wachsen, damit der Staat mehr Steuer einnehmen könne. Sonst könne auch der Haushalt nicht saniert werden. Die Argumente der Gegner der Sparpolitik scheinen zu greifen. Da sie inzwischen auch einige für sie unangenehme Wahlergebnisse verkraften muss, zeigt sich Merkel ein bisschen kompromissbereit. Sie sagt: Wachstum ja, aber nicht auf Pump, denn das führe die EU zurück zu der Situation, in der die gegenwärtige Krise begann. Aber wie soll sonst wieder Wachstum bewirkt werden?.
Eine überzeugende Antwort auf diese Frage, habe ich bis jetzt nicht gehört. Die Wirtschaftspolitiker der Welt sind mit ihrem Latein am Ende. Kann es sein, dass es keine überzeugende Antwort auf diese Frage gibt? Da muss zuerst Klarheit über die Lage geschaffen werden..
Die EZB hat vor einiger Zeit eine riesige Menge neues Geld gedruckt – eine Billion Euro – und dieses ganz billig an europäische Banken geliehen. Diese haben mit dem Geld, wie es in den Medien heißt, zweierlei getan: (a) Sie haben neue Anleihen der Krisenländer gekauft, was von der EZB gewollt war. Wenn alles gut geht, werden die Banken mit diesem Geschäft sehr viel Profit machen. (b) Und sie haben das Geld gebunkert, damit sie bei Verschärfung der Bankenkrise den Bankrott abwenden können. Dieses neu gedruckte Geld ist, allgemein gesprochen, nicht in die Realwirtschaften der Krisenländer geflossen. Das ist das Geheimnis des Ausbleibens einer starken Inflation. Die Verbraucher wagen es nicht, einen Konsumentenkredit zu beantragen. Und Handel und Gewerbe haben Schwierigkeit, neue Kredite zu bekommen; die Banken haben Angst. Und auch das Geld, das die Krisenländer durch den Verkauf ihrer neuen Anleihen bekommen haben, ist nicht im Keynesschen Sinne ausgegeben worden. Die Regierungen haben mit diesem Geld nur die alten Schulden bedient. Wir sehen, trotz dieser riesigen Summe von neu gedrucktem Geld stagniert die Wirtschaft der EU, und eine neue Rezession ist prognostisiert worden. Wo soll also noch mehr Geld herkommen, das die Staaten in noch mehr Infrastrukturprojekte, in Bildung etc. investieren sollen, damit Arbeitsplätze entstehen? Steuererhöhung ist doch als Geldquelle ausgeschlossen!.
Ist es vielleicht so, dass kein Potential mehr für weiteres Wachstum existiert? In Spanien wurde kurz vor der Krise ein Flughafen gebaut, wo keine Maschine abflog. In Irland, Spanien und England wurden Häuser und Wohnungen gebaut, die wegen ihrer zu hohen Kosten keinen Käufer oder Mieter fanden. In der aufstrebenden Wirtschaftsmacht Indien ist wegen zu hohem Preis von Flugkerosin eine große Fluggesellschaft pleite gegangen. Auch um Löcher im Boden zu graben und sie wieder zuzuschütten, muss ein Staat Geld leihen, das er später nicht wird zurückzahlen können. Wie kann dann die Konjunktur wieder angekurbelt werden?.
Was mich sehr erstaunt, ist, dass jetzt auch die deutschen Grünen ins gleiche Horn stoßen wie Hollande und die deutschen Sozialdemokraten. Sie fordern einen Politikwechsel zur Wachstumsförderung. Dabei stand bei der Gründung ihrer Partei Wachstumskritik an der ersten Stelle ihrer Programmatik. Da war die Rede von sparsamem Umgang mit Ressourcen. Alles vergessen. Ökologie vergessen, zukünftige Generationen vergessen, Arme unterentwickelte Länder vergessen. Wachstum ist das neue Mantra der Grünen..
In der grünen Literatur der 1980er Jahre habe ich oft von "unseren Schulden bei der Natur" gelesen. Oft war auch die Rede davon, dass wir auf Kosten der künftigen Generationen leben. Wie sollen unsere Schulden bei der Natur reduziert werden, wenn wir immer mehr in Infrastrukturbau investieren? Solche Schulden steigen doch mit jeder solcher Investition..
Merkel ist keine Grüne, und sie will auch keine sein. Aber ihre Sparpolitik ist ein Stück echt grüne Politik, obwohl sie das nicht weiß. Ich wünsche ihr viel Erfolg dabei. Das Problem der Arbeitslosigkeit kann auch anders gelöst werden als durch Wachstum. Das ist in Deutschland vorexerziert worden. 2009, im schlimmsten Krisenjahr mit einer Rezession von -5%, wurde Kurzarbeit eingeführt, und so mussten viel weniger Arbeiter entlassen werden, als gefürchtet wurde. Dieses Beispiel könnte als eine generelle Arbeitsmarktpolitik adoptiert werden – in einer Zeit, in der die Grenzen des Wachstums spürbar geworden sind. Auch von Hollande könnte Merkel etwas übernehmen. Ihm folgend könnte sie ihr eigenes Gehalt und das ihrer MinisterkollegInnen um 30% kürzen. Das würde ihre Glaubwürdigkeit in Griechenland und Spanien verbessern.

Mittwoch, 21. März 2012

Öl oder Bücher?

Schon seit langem hören wir gelegentlich vom "Fluch des Öls". Was man damit ausdrücken will, ist dreierlei. Erstens will man damit auf die bekannten Konflikte unter Nationalstaaten hinweisen, die unvermeidlich bei der Verfügung über diese wertvolle Ressource entstehen. Man denke an die Machenschaften der USA in den 1950er Jahren, um den damaligen iranischen Premierminister Mosaddeq zu Fall zu bringen. Man denke an den Irak-Krieg und den Konflikt zwischen Großbritannien und Argentinien über die Falklandinseln im Südatlantik. Zweitens will man damit auf die oft bewaffneten Konflikte innerhalb eines Nationalstaates hinweisen, bei denen es um die Verteilung des Einkommens vom Ölreichtum der Nation geht – zum Beispiel in Nigeria und in Sudan, wo es zu einem regelrechten Bürgerkrieg kam.
Die dritte Bedeutung des Ausdrucks ist sehr viel anders als die ersten zwei. Man will sagen, dass Länder, die viel Öl oder andere hochwertige Ressourcen haben, in punkto wirtschaftliche Entwicklung zurück bleiben. Dieser vermutete Zusammenhang wird dadurch erklärt, dass sowohl die führende Klasse als auch das Gros der Bevölkerung dank den üppigen Einnahmen vom Rohstoffexport bequem leben können. Infolgedessen fehlt ihnen der Antrieb zur harten Arbeit für wirtschaftlichen Entwicklung. Es werden Beispiele gegeben, die, oberflächlich gesehen, überzeugen: Die ölreichen Staaten wie Saudi Arabien, Kuwait, Venezuela usw. und das diamantenreiche Botswana sind Beispiele für die These. Wirtschaftlich erfolgreiche Länder wie Japan, die asiatischen Tiger der 80er bis 90er Jahre, Israel usw. haben keinen bzw. wenig Ressourcenreichtum, von dem sie gut leben könnten. Auch die heutigen aufstrebenden Wirtschaftsgiganten China und Indien haben wenig Rohstoffe zu exportieren.
Thomas Friedman, Kolumnist der New York Times, schrieb kürzlich (NYT in SZ, 19.3.2012) über Israel: "Israel hat eine der innovativsten Wirtschaften, und seine Bevölkerung genießt einen Lebensstandard, den die meisten ölreichen Länder der Region nicht anbieten können." Er erklärt dieses Phänomen so: "Taiwan hat seine 23-Millionen-Bevölkerung miniert, ihre Talente, Energie und Intelligenz – Männer und Frauen." Das Land habe kein Öl, kein Eisenerz, keine Wälder, keine Diamanten, kein Gold, nur einige wenige Kohle- und Erdgasvorkommen. Darum hat es "die Gewohnheit und Kultur entwickelt, die Fähigkeiten des Volkes zu schleifen, die eigentlich die wertvollste und die einzige echt erneuerbare Ressource der Welt sind."
So was Ähnliches haben wir sehr viel früher auch in Deutschland gehört. Schon 1989 schrieb ein Autor namens Herman Laistner, Deutschland werde – dank der überlegenen "grauen Hirnzellen" seiner Wissenschaftler, Techniker und Ingenieure – den entscheidenden Markt erobern, nämlich den für "besonders 'intelligente' Produkte" sowie technologisch hochstehende Maschinen und Fertigungserzeugnisse. Den Markt für "Massenwaren" und "minderwertigen Ramsch" möchte er "anderen überlassen".
Solche Gedanken implizieren, als wären das Bildungs- und Ausbildungsniveau, Talent, Intelligenz, Fleiß und Fertigkeiten die einzige Quelle des wirtschaftlichen Erfolgs und Wohlstands einer Nation. Ein solches Denken führte auch dazu, dass man seit einiger Zeit von Wissensgesellschaft und "knowledge-based economy" redet.
Friedman nennt solche Sachen Ressourcen. Das ist aber falsch.
Das sind keine Ressourcen. Ressourcen sind eigentlich fruchtbarer Boden, Süßwasser und die Sonnenstrahlung, Arbeitskraft von Tieren, Energiequellen wie Holz, Kohle, Öl und Gas, Grundstoffe wie Metalle, seltene Erden und andere chemische Substanzen. Ohne diese kann ein noch so intelligentes und hoch ausgebildetes Volk nichts schaffen.
Natürliche Intelligenz und Talente sind unter den Völkern gleichmäßig verteilt, und sie sind tatsächlich erneuerbar, weil sie mit den Genen den Nachfahren weitergegeben werden. Auch Bildung und Ausbildung können überall organisiert werden, wenn genug Ressourcen da sind. Die wirklichen Ressourcen sind aber unter den Völkern sehr ungleichmäßig verteilt. Darum entstand ja die Notwendigkeit von internationalem Handel. Friedman schrieb, Taiwan müsse sogar Sand und Kies für Häuserbau von China importieren.
Zudem sind die für eine Industriegesellschaft wichtigsten der oben genannten Ressourcen, die fossilen Energiestoffe, knapp und nichterneuerbar. Auch die Metalle, erst recht die seltenen, sind schwer recyclebar. Nicholas Georgescu-Roegen nannte sie "die begrenzte Mitgift", die wir einmalig von Mutter Natur bekommen haben.
In der kapitalistischen Weltordnung sind die Völker ungleich situiert. Sie haben sich geschichtlich unterschiedlich entwickelt. Das ist auch der Grund dafür, dass das ressourcenarme Taiwan heute ein wohlhabendes Land ist, während, zum Beispiel, das ölreiche Nigeria an Armut und Chaos leidet. Wenn wir aufhören, die Völker der Welt im einzelnen zu betrachten, und sie stattdessen als eine Menschheit ansehen, dann ergibt sich ein anderes Bild. Alle Völker der Welt können nicht reich werden, weil ja die wertvollen Ressourcen knapp und nichterneuerbar sind. Sie könnten aber miteinander in Frieden leben, wenn die Jagd nach Macht und Reichtum aufhören würde.

Montag, 13. Februar 2012

Eine stagnierende Ökonomie ist eine gute Ökonomie
eine schrumpfende wäre eine bessere

Neulich las ich ein paar interessante Zeitungsartikel über die wirtschaftliche Lage in Japan. Wie meine Leser wohl wissen, gilt Japan in Ökonomenkreisen als der gefallene Riese. Die neunziger Jahre und die danach galten als die "verlorenen Jahrzehnte", Jahre der Stagnation. Auch die heutige Lage ist düster: die Staatsverschuldung beträgt 220 Prozent des BIP. Trotz Zinssätzen von unter einem Prozent braucht der Staat ein Viertel seiner Einnahmen für den Schuldendienst. Es gibt wenig Hoffnung, dass das Land die Misere durch Wirtschaftswachstum überwinden könnte. Seine Bevölkerung schrumpft und altert. Sie wird künftig weniger konsumieren usw. Nach Erdbeben, Tsunami und Fukushima ist die Lage noch schlimmer geworden. 2011, zum ersten Mal in 30 Jahren, verzeichnete das Land eine negative Handelsbilanz. Ein CNN-Kommentator beschrieb Japan als "ein sehr demoralisiertes Land", es sei wirklich zurückgeworfen worden.
Einer der Artikel (New York Times in SZ, 23.1.2012) aber widerspricht dieser Lagebeschreibung. Der Autor Eamonn Fingleton nennt sie "einen Mythos". Er behauptet, in vieler Hinsicht habe die japanische Wirtschaft in den so genannten verlorenen Jahrzehnten sehr gut abgeschnitten, in einiger Hinsicht sogar besser als die USA und Westeuropa.
Fingleton argumentiert unkonventionell. Als Beleg für seine Behauptung verweist er auf einige Errungenschaften, die wenig zu tun haben mit den gewöhnlichen Wirtschaftsindikatoren. Obwohl das BIP pro Kopf in den Jahren seit 1989 durchschnittlich nur um 1 Prozent wuchs, und obwohl weder die Immobilienpreise noch die Aktienkurse zur gleichen Höhe zurückkehrten wie in den Jahren vor dem Crash von 1990, konnte Japan seinen Bürgern, so behauptet Fingleton, einen immer besseren Lebensstil bescheren. Als Errungenschaften nennt er zwar ein paar belanglose Sachen wie die Anzahl von neu gebauten Hochhäusern, die Anzahl von Städten mit schnellstem Internetdienst, den steigenden Wechselkurs des Yen, und den Leistungsbilanzüberschuss. Aber als Errungenschaft nennt er auch die Tatsache, dass zwischen 1989 und 2009 die Lebenserwartung von 78,8 auf 83 Jahre gestiegen ist, was auf bessere Gesundheitsfürsorge zurückzuführen ist. Aber der stärkste Beleg für die Überlegenheit der japanischen Wirtschaft gegenüber denen anderer Industrieländer ist die sehr niedrige Arbeitslosenquote von 4,2 Prozent.
Ich halte die Betonung dieser zwei qualitativen Aspekte der Wirtschaftsentwicklung für einen Lichtblick in der Publizistik. Hinter dem scheinbaren Paradox von einer sehr niedrigen Arbeitslosenquote in einer stagnierenden Wirtschaft liegt eine soziale Errungenschaft. Aus institutionellen/kulturellen Gründen ist es in der japanischen Wirtschaft nicht so leicht bzw. nicht üblich, Beschäftigte bei Rückgang in Produktion oder Umsatz sofort zu entlassen. Es gibt da die Tradition der lebenslangen Beschäftigung bei derselben Firma. Bei großen Konzernen gilt diese Tradition vielleicht nicht mehr, oder nur begrenzt. Aber die Arbeitslosenquote zeigt, dass sie noch immer gilt.
Nach Lektüre dieser positiven Bewertung der Lage in Japan könnten sich Menschen mit der Idee einer Postwachstumsökonomie anfreunden. Man könnte denken, so schlecht kann es also nicht sein, wenn die Wirtschaft nicht mehr wächst. Aber nicht so schnell! Wir dürfen nicht vergessen, dass Japan, und auch Deutschland, wo zurzeit sehr viel über ein Szenario jenseits des Wachstums geredet wird (besonders in Attac-Kreisen), schon eine sehr hohe Stufe der wirtschaftlichen Entwicklung erreicht haben. In unterentwickelten Ländern, selbst in Schwellenländern wie Indien und China, kann man nicht so einfach eine positive Einstellung zu einem wachstumslosen Wirtschaften einnehmen, zumal in solchen Ländern die Bevölkerungszahl stetig steigt, und zudem in manchen solcher Länder etwa 50 Prozent der Bürger unter 30 Jahre alt sind.
Die wirtschaftliche Stagnation in Japan ist nicht gewollt, genau wie die Stagnation im größeren Teil Europas nicht gewollt ist. Aber auch wenn sie nicht gewollt ist, sollten wir sie aus ökologischen und Ressourcen-Gründen begrüßen. Jedoch Stagnation auf hohem Niveau macht noch keine steady-state Ökonomie aus. Dazu gehört ein starkes Zurückfahren des Ressourcenverbrauchs und ein gewollter Rückgang der Bevölkerungszahl.
Werden die Protagonisten einer Postwachstumsökonomie in Europa (besonders Attac-Aktivisten) unmissverständlich für eine Wirtschaftsschrumpfung plädieren? Und werden die Umweltaktivisten in den Dritte-Welt-Ländern für eine Schrumpfung ihrer Bevölkerungszahl eintreten? Das wären zwei gute Anfangsbeiträge zur Transformation der gegenwärtigen Weltwirtschaft zu einer steady-state Weltwirtschaft.
Mit einer steady-state Wirtschaft muss die Gesellschaft nicht zu einer langweiligen, regressiven Gesellschaft werden. Dazu zwei Zitate:
Schon 1931 schrieb Keynes, dass er "…tief davon überzeugt ist, dass das ökonomische Problem … eine schreckliche Verwirrung ist. … . Die westliche Welt [hat] schon die Ressourcen und Technologien, die … in der Lage sind, das ökonomische Problem … zu einem Stellenwert sekundärer Wichtigkeit zu reduzieren." Er hoffte, dass "… die Arena des Herzens und des Kopfes von unseren wirklichen Problemen besetzt, oder wiederbesetzt, werden wird – von den Problemen des Lebens und der Verhältnisse der Menschen untereinander, der Schöpfung, des Verhaltens und der Religion." Man kann hier erkennen, was Keynes für die wirklichen Probleme der Menschheit hielt. Wirtschaftswachstum gehörte nicht zu ihnen.
Noch viel früher, im Jahre 1857, schrieb John Stuart Mill, dass "… ein Zustand konstanten Kapitals und gleich bleibender Bevölkerungszahl nicht mit einem stillstehenden Zustand menschlicher Erfindergabe gleichzusetzen ist. Es gäbe ebensoviel Spielraum für alle Arten geistiger Kultur, für moralischen und sozialen Fortschritt, genau so viele Möglichkeiten, die Lebensführung zu verbessern, und es wäre wahrscheinlicher, dass dies auch geschehen würde."

Sonntag, 22. Januar 2012

Noch einmal über "grüne Energie"

Ich verfolge die Debatte seit den frühen 1990er Jahren und bin immer noch nicht klüger geworden. In meinem Buch "Die nachhaltige Gesellschaft" (2001, Kapitel 4) habe ich gezeigt, wie unterschiedlich die Schätzungen der verschiedenen Forscher über die "Energierücklaufzeit" (auch "energetische Amortisationszeit" genannt) der Fotovoltaik-Technologie in den 1990er Jahren gewesen sind. Die Zahlenangaben stiegen stetig: von 1,2 Jahre (1991) bis 10 Jahre (1995), trotz aller technologischen Entwicklungen. Schwer zu erklären. Das heißt, es ist sehr schwierig, diesen Wert zu errechnen.
1996 schätzte der amerikanische Forscher Howard D. Odum (zitiert in Heinberg, 2004), die EROEI (energy return on energy invested, auf Deutsch: Verhältnis von gewonnener zu investierter Energie) von Windkraftanlagen sei 2. Das heißt für eine Einheit investierter Energie erntet man 2 Einheiten Energie. Das heißt, Nettoenergiegewinn in diesem Fall sei 1 Einheit. Jetzt höre ich von Georg Löser (in Greenhouse Infopool): "Die energetischen Amortisationszeiten [von Windkraftanlagen auf Land] liegen zwischen gut drei und sechs Monaten. Es ergeben sich daraus bei einer kalkulatorisch angesetzten Lebensdauer von 20 Jahren Erntefaktoren [EROEI] von etwa 70 für die große Anlage beziehungsweise 40 für die kleine."
Die Diskrepanzen sind so groß, dass man Zweifel haben muss. Offensichtlich gibt es keine Einigung unter Forschern über die Kalkulationsmethoden. Energiekosten (anders als Geldkosten) einer Energietechnologie von der Wiege bis zur Bahre zu errechnen, ist auch sehr schwierig. Die Kalkulation muss auf zu vielen unsicheren Annahmen beruhen. Die Gefahr ist nicht gering, dass der Forscher solche Annahmen macht, die das gewünschte Ergebnis produzieren. Oder er macht schlicht Fehler.
Einem interessierten Laien wie mir bleibt also nichts anderes übrig, als eine andere logische Denke anzuwenden: Wegen immer schwieriger werdender geographischer und geologischer Verhältnisse steigen die energetischen Extraktionskosten der meisten Rohstoffe – von Öl, Kohle, Gas und Uran, über die bekannten Industriemetalle bis zu den seltenen Erden (das ist einer der wichtigsten Gründe dafür, dass ihre Geldpreise sehr stark gestiegen sind und weiter steigen werden.) Mithilfe eben solcher Rohstoffe werden auch Fotovoltaik-Module und Windkraftanlagen gebaut. Das bedeutet, dass der notwendige Energieinput für deren Bau stetig steigt. Der durchschnittliche Energiegehalt von Sonnenschein und Wind bleibt aber unverändert. Unter diesen Bedingungen kann der Nettoenergiegewinn der genannten erneuerbaren Energietechnologien nicht sprunghaft steigen. Wahrscheinlicher ist, dass er eher sinkt. Es sei denn, dass Wunder geschieht, was eigentlich nie geschieht, obwohl kleine Fortschritte nicht auszuschließen sind.
James Lovelock, Vater der Gaia-Theorie, arbeitete an einem Projekt, das auf die Frage antworten wollte, ob es auf dem Mars Leben gibt. Er dachte: Es ist sehr schwierig, auf dem Mars zu landen und ein paar tausend Bodenproben zu sammeln. So stellte er sich die Frage, wie wäre die Marsatmosphäre, die leichter zu untersuchen ist, chemisch, wenn es da Leben gäbe. In ähnlicher Weise frage ich mich, wie wäre die finanzielle "Atmosphäre" der erneuerbaren Energietechnologien, wenn ihre Erntefaktoren tatsächlich ungefähr 40 bis 70 wären. Sie hätten längst alle konventionellen Energietechnologien vom Markt vertrieben. Denn nach Odum/Heinberg beträgt der Erntefaktor vom Öl aus dem Mittleren Osten nur 8,4, der von Kohle aus Wyoming 10,5, und der von terrestrischem Gas 10,3.
Statt den Markt rapide zu erobern, verlangen die erneuerbaren immer noch Subventionen in verschiedenen Formen. Wie soll man das überhaupt verstehen? Und warum gerät die Fotovoltaikindustrie in Panik, wenn die Regierung die Förderung etwas kürzen will? Und warum sind in den letzten Monaten drei große Solarenergiefirmen trotz aller Subventionen pleite gegangen (zwei in Deutschland, eine in den USA)? Der Fakt, dass die erneuerbaren Subventionen brauchen, ist ein Indiz dafür, dass sie zwar machbar, aber allein nicht lebensfähig sind – in dem Sinne, dass der Nettoenergiegewinn, wenn es den überhaupt gibt, zu gering ist, um damit die zweite Generation der Solar- und Windkraftwerke zu bauen, nachdem die Lebensdauer der ersten Generation ausgelaufen ist. Dann nutzt es nichts, dass sie beim Betrieb kein CO² ausstoßen.
Man muss verstehen, woher die Subventionen kommen. Sie kommen vom Gesamtertrag der ganzen Wirtschaft, die bekanntlich größtenteils von den konventionellen Energien, hauptsächlich von fossilen Brennstoffen, getrieben wird. Wie können erneuerbare Energietechnologien die Energietechnologien ersetzen, von denen sie leben? Sie sind Parasiten, die sterben würden, sobald der Wirt stirbt.
Eine andere Frage, die man aufwerfen muss, ist, warum das sonnen- und windreiche Indien, immer noch neue Kohle- und Atomkraftwerke bauen will. Für indische Ingenieure wäre es doch keine schwierige Aufgabe, jedes Jahr ein paar tausend Windkraftanlagen und kleine und große Solarkraftwerke zu bauen. Und warum exportieren die Chinesen lieber ihre Fotovoltaikmodule nach Europa und Amerika, statt mit ihnen ihren CO²-Ausstoß zu reduzieren?
Zugegeben, das sind alle Indizien, indirekte Argumente, keine Beweise. Aber ich muss diese Denkart anwenden, weil die Zahlen der Forscher unzuverlässig sind. Ich denke, der Disput wird in den nächsten zehn Jahren entschieden sein.