Dienstag, 24. Februar 2015

Recht auf Beleidigen oder Prinzip Verantwortung? -- Gedanken zum Charlie-Hebdo-Massaker


Die Mörder der Charlie-Hebdo-Karikaturisten bekamen ihre verdiente Strafe. Nach dem gesunden Volksempfinden ist es schon in Ordnung, dass sie von den Sicherheitskräften getötet wurden. Von ihrem eigenen Standpunkt sowie vom Standpunkt ihrer Geistesgenossen aus gesehen, waren die Mörder höchst erfolgreich. Sie konnten nicht nur die Beleidigung ihres Propheten rächen – für sie eine große Sache – sondern starben auch als Märtyrer, was sie wohl selbst wollten.
    Die ermordeten Karikaturisten aber starben nicht als Märtyrer. Sie wollten nicht sterben. Sie hatten Polizeischutz beantragt und bekommen. Der Chefredakteur hatte zwar einmal gesagt, er würde lieber aufrecht stehend sterben als kniend leben. Aber das bezeugt eher seinen Starrsinn. Denn das, wofür er und seine Kollegen starben – nämlich das Recht, Prophet Mohammed und Millionen Muslime zu beleidigen – ist wahrlich keine große Sache.
    Wie soll man zum Beispiel jemand, der wissentlich und mutwillig auf einem Minenfeld Fußball spielen will, anders charakterisieren als mit dem Wort „Starrkopf“? Fußball spielen kann man doch auch auf einem anderen Feld. Oder ging es ihnen etwa um eine ernsthafte und wichtige politische Sache? Etwa um Kritik an religiösen Aberglauben oder um Kritik an der Stellung der Frau im Islam? Außerdem kann man doch den Islam oder Religion überhaupt auch auf anderen Wegen kritisieren, die nicht geradewegs auf ein Minenfeld führen! Es ist ja spätestens seit 2005 bekannt, als die dänische Zeitung Jyllands Posten ihre Mohammed-Karikaturen veröffentlichte, wie wütend die muslimischen Massen weltweit auf solche Sachen reagieren. Seit jener Zeit wissen alle, dass besonders beleidigende Mohammed-Karikaturen gläubige Muslime zutiefst verletzen und dass einige von ihnen bereit sind, die Beleidigung ihres Propheten auf mörderische und selbstmörderische Weise zu rächen.
    Angesichts dieser Vorgeschichte waren CHs Mohammed-Karikaturen eine reine Provokation, sonst nichts. Denn das Recht auf freie Meinungsäußerung war vor diesem Ereignis keineswegs gefährdet, weder in Frankreich noch im übrigen Europa. Diese schlimmen Mohammed-Karikaturen sind ja auch keine Meinungsäußerung, sondern nur Beleidigung. Den Fall Salman Rushdie (1988), sogar die Karikaturen von Jyllands Posten, hatte man fast vergessen. Durch diese geradezu infantile Provokation haben die CH-Redakteure nicht nur ihren eigenen Tod verursacht, sondern auch den von drei PolizistInnen und vier jüdischen Geiseln. Mittelbar haben sie dadurch auch den schon existierenden tiefen Graben zwischen Christen und Muslimen weiter vertieft.
    In vielen der Medien-Kommentare wurde u.a. darauf gepocht, dass einer, der in Frankreich lebe, müsse die Verfassung und die Gesetze des Landes akzeptieren. Dem stimme ich hundertprozentig zu, obwohl ich nicht genau weiß, ob auch Beleidigung des Islams und der muslimischen Gemeinschaft mittels Mohammed-Karikaturen wirklich durch die Gesetze gedeckt ist. In Deutschland, wohl auch in Frankreich, ist es ein strafbares Delikt, die Meinung zu äußern, dass der Holocaust nicht geschehen ist. In Frankreich darf man nicht die Meinung äußern, dass die Armenier 1915 kein Völkermord erlitten haben, sondern nur, wie es die Türken behaupten, hunderttausendfacher Tod durch Kriegsgeschehen. Ich habe gehört, dass es in Frankreich nicht erlaubt ist, die Trikolore und die Marseillaise zu beleidigen. Und die Polizei verbietet auch manchmal aus Sicherheitsgründen die freie Meinungsäußerung mittels einer Demo. Man könnte nun sagen, so ist halt die Gesetzeslage, Basta, Schluss der Diskussion. Aber ist dann die Diskussion wirklich zu Ende? Angesichts des siebzehnfachen Rachemords in Paris, und der Rachemorde, die in Zukunft geschehen könnten, ist es notwendig, sich eines englischen Spruches zu besinnen: “
When the law is an ass, someone has to kick it” (wenn das Gesetz ein Esel ist, muss ihm jemand einen Tritt verpassen.)

Prinzip Verantwortung

Aber gibt es nicht außer Verfassungen und Gesetzen auch das dem gesunden Menschenverstand entsprechende Gebot, jeder soll vernünftig und verantwortlich handeln? Auf einer Autobahnstrecke ohne Tempolimit darf man beliebig schnell fahren. Aber ist es verantwortliches Handeln, dort Tempo 280 zu fahren? Ganz klar, die Macher von CH haben zwar legal, aber unverantwortlich gehandelt. Ihre Mörder haben quasi gesagt: Ja, wir kennen die Verfassung und die Gesetze des Landes; mit unserer Aktion werden wir gegen diese verstoßen; uns ist klar, dass wir dafür bestraft werden; OK, wir nehmen jede Strafe dafür an, dass wir die Gesetze unserer Religion befolgen und gegen die des Staates verstoßen. Starrköpfe gegen Starrköpfe! In jeder Konstellation führt das zum Verderben. So ist halt die Realität. Die Verfassungen der Welt sind doch nur so viele bloß auf Papier stehende, oft fragwürdige Prinzipien.
    Es gibt ein berühmtes Kant-Zitat, das man hier als Kriterium für richtiges, im Gegensatz zu rechtmäßigem, Handeln anwenden könnte: „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten kann.“ Soweit ich mich erinnere, stammt es aus Kants Aufsatz „Was ist Aufklärung“. Ich erinnere mich aus meiner Studentenzeit auch, dass die Aufklärung u.a. die Werte Vernunft und Toleranz beinhaltete – zwei Werte, die sehr wichtig sind für den sozialen Frieden. In dem Zitat geht es um ein Gebot für richtiges Handeln. Es geht hier nicht um das Recht auf Handeln nach der jeweils aktuellen Gesetzeslage, sondern um das Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung. Was kann ein höheres Prinzip für allgemeine Gesetzgebung sein als das Wahren sozialen Friedens?
    Ich kann hier auch einen modernen Philosophen zitieren. In seinem Buch Das Prinzip Verantwortung schrieb Hans Jonas über unsere Verantwortung für den Frieden mit der Natur. In einem Gespräch mit einem Interviewpartner zeigte er wenig Vertrauen in die Demokratie. Er sagte: "Der Philosoph muss durchaus den Mut haben, zu sagen, Demokratie ist höchst wünschbar, aber kann nicht selber die unabdingbare Bedingung dafür sein, daß ein menschliches Leben auf Erden sich lohnt."1 Im gleichen Sinne können wir auch sagen, dass die demokratische politische Ordnung und die von demokratisch gewählten Parlamenten verabschiedeten Verfassungen und Gesetze nicht selber genug für die Wahrung sozialen Friedens sein können.
    Jonas schrieb in dem genannten Buch:

„'Handle so, daß die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden'; oder negativ ausgedrückt: 'Handle so, daß die Wirkungen deiner Handlung nicht zerstörerisch sind für die künftige Möglichkeit solchen Lebens'; oder einfach: 'Gefährde nicht die Bedingungen für den indefiniten Fortbestand der Menschheit auf Erden'; oder wieder positiv gewendet: 'Schließe in deine gegenwärtige Wahl die zukünftige Integrität des Menschen als Mit-Gegenstand deines Wollens ein.'"2

Jonas schrieb diese Sätze aus Sorge um den Zustand unserer natürlichen Umwelt. Wir wissen, dass das, was die Menschheit zurzeit, schon im Rahmen der Verfassungen und Gesetze, wirtschaftlich alles tut, fortwährend unsere natürliche Umwelt zerstört. Es muss also auch an das Verantwortungsgefühl von allen Wirtschaftsakteuren appelliert werden. In Anlehnung an Jonas sollten wir allen Menschen, vor allem aber den führenden politischen Kräften der Gesellschaften, Intellektuellen, Kulturschaffenden usw. sagen dürfen: Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Zusammenlebens; oder negativ ausgedrückt: Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung nicht zerstörerisch sind für den sozialen Frieden.
    Die CH-Redakteure wussten, dass ihre Mohammed-Karikaturen ihre fünf Millionen muslimischen Mitbürger – viele von denen höchst willkommen geheißen wurden, als sie einst als Gastarbeiter kamen – tief beleidigen und einige von ihnen sogar zum Mord provozieren könnten. Fünf Millionen sind etwa 8 Prozent der französischen Bevölkerung, keine zu vernachlässigende Größe. Trotzdem haben sie ihre Karikaturen veröffentlicht. Was noch schlimmer ist, haben etliche politische Führungspersonen der Welt und eine Million Franzosen durch ihre Demo in Paris die zerstörerischen Wirkungen der genannten Karikaturenpublikation verstärkt. Das ist dadurch belegt, dass etwa fünf Wochen später (am 14. Februar) in Kopenhagen ein Anschlag auf eine Diskussionsveranstaltung verübt wurde, an der der Mensch teilnahm, der 2005 in Jyllands Posten die ersten Muhammed- Karikaturen veröffentlicht hatte (eine davon stellte Muhammed als einen Hund dar.)
    Haben solche Leute nicht Wichtigeres und Dringlicheres zu tun? Ende dieses Jahres müssen die politischen Führungspersonen der Welt in Paris wichtige Maßnahmen beschließen, um weitere Klimakatastrophen abzuwenden. (Bisher gab es in Paris keine Demo für Klimaschutz mit einer Million Teilnehmern.) Die Kriege in Syrien, im Irak, in der Ukraine etc. müssen beendet werden. Auf die Flüchtlingsströme in aller Welt muss eine adäquate Antwort gefunden werden. Der Aufstieg der rechtsradikalen Parteien und fremdenfeindlichen Gruppierungen müssen eingedämmt werden. Und es gibt noch viel mehr solche wichtige und dringliche Aufgaben. Aber die europäischen Staaten sind zurzeit total damit beschäftigt, ihre Anti-Terror-Apparate zu vergrößern und zu verstärken. So eine Kleinigkeit, das Recht auf Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen, hat die genannten großen und schwierigen Aufgaben von der Bühne verdrängt.

Was Tun?

Wir wissen, militante Islamisten haben in der Vergangenheit nicht nur auf Mohammed-Karikaturen mit Gewalttaten reagiert. Auf Salman Rushdie’s Roman Satanische Versen (1988) und einige Texte/Äußerungen von Taslima Nasreen (bangladeschi Schriftstellerin) (1994) folgten Fatwas und Aufrufe zu ihrer Tötung. So kann es nicht weitergehen. Es geht nicht an, dass die eine Minderheit immer wieder beleidigt und provoziert und die andere Minderheit mit Mord und Morddrohungen darauf reagiert. Aber man kann auch nicht ewig im Interesse des sozialen Friedens Selbstzensur ausüben, zumal nicht jede Kritik eine Beleidigung oder Provokation ist. Wie sollen wir Linke, Fortschrittliche oder einfach säkular gesinnte Menschen in solchen Fällen verhalten?
   
Was Richard Dawkins „Gotteswahn“ („God delusion“) nennt3, existiert in der Welt leider weiter. Die meisten Menschen in der Welt üben, ernsthaft oder nicht so ernsthaft, irgendeine Religion aus. Auch die Aggression der militanten Islamisten gegen Ungläubige und Andersgläubige, bzw. ihre aggressive Reaktion auf bestimmte Taten der letzteren, hat Parallelen in anderen Religionsgemeinschaften. Bei Christen ist die Zeit der kriegerisch/mörderischen Version der aggressiven Religiosität , Gott sei dank, weitgehend vorbei. Die Konflikte in Nordirland und Nagornokarabach sind zwei Ausnahmefälle, bei denen es allerdings auch um den Status eines Territoriums geht. Leider ist es aber bei zwei anderen großen Religionsgemeinschaften – den Hindus und Buddhisten – noch nicht soweit. In Indien gehört gegenseitige gewalttätige Aggression zwischen Hindus und Muslimen noch nicht zur vergangenen Geschichte. Neuerdings verfolgen sogar Buddhisten, nämlich burmesische und sri-lankische Buddhisten ihre muslimischen Landsleute – im Namen der buddhistischen Identität ihres Landes. Neben den gesetzmäßigen Aktionen der Polizei und Sicherheitskräfte gegen gewalttätige Fundamentalisten jeder Religion sollte jeder vernünftige Mensch gegen solche aggressive Religiosität kämpfen – im Sinne der Zivilgesellschaft. Aber wie kann man das tun? Wie können wir die militanten Fundamentalisten zur Besinnung bringen?
    Eines kann wohl widerspruchslos gesagt werden: Durch Beleidigungen und Provokationen erreicht man keine positiven Ergebnisse. Im Gegenteil, sie schüren nur Hass und Gewalt. Das haben wir in den letzten 25 Jahren gesehen. Damit kann man nur immer neue Konflikte vom Zaun brechen. Das ist auch so, wenn es sich nicht um Beleidigung einer Religion handelt. Auf eine Beleidigung reagieren nicht alle Menschen mit Gang vors Gericht. Auch bei Nichtreligiösen, wenn zum Beispiel Mensch A seinem Mitmenschen B sagt, der Vater des letzteren sei ein Dieb und dessen Mutter sei eine Dirne, dann verpasst B dem Beleidiger gleich eine Tracht Prügel – unabhängig von dem Wahrheitsgehalt der Beleidigung. Das ist die Realität.
    Es ist auch den Sicherheitskräften nicht möglich, den Kampf gegen religiös motivierte Gewalttaten und Terrorakte endgültig zu gewinnen. Nach jedem Einzelerfolg in dieser Hinsicht werden sie mit neuen Gewalttaten und -drohungen von neuen militanten Gruppen konfrontiert. Auch das gehört zu unserer Erfahrung der letzten 25 Jahre. Militante Dschihadisten, die keine Angst haben zu sterben, die sogar bereit sind, sich selbst in die Luft zu sprengen, um den Feind zu töten – bei solchen Leuten wirken die üblichen Strafdrohungen nicht. Da stehen die Sicherheitskräfte der Welt ratlos da.
    Das Problem müssen wir also an der Wurzel packen. Dazu müssen wir aber die Wurzel erst einmal erkennen. Zu diesem Thema habe ich zuerst vor zehn Jahren einen kurzen Artikel veröffentlicht. Der Anlass damals war die Ermordung des Amsterdamer Filmemachers Theo van Gogh, der den Islam beleidigt hatte. Ich bitte meine Leser, den Artikel zu lesen. Hier ist der Link:

http://ak-oekopolitik.blogspot.de/search?q=Religionen

Meine aktuellen und vorläufigen Gedanken zu der Frage „was tun?“ führe ich unten aus:

Dass die meisten Menschen überhaupt religiös sind – das heißt, grob gesagt, an die Existenz eines oder mehrerer mehr oder minder mächtigen übernatürlichen Wesen(s) glauben (supernatural agents, Gott, Götter, Göttinnen, ancestors) – liegt nach Wissenschaftlern wie Richard Dawkins3 und Pascal Boyer4 an der phylogenetischen Anlage der Spezies Mensch. Die Tatsache, dass Religion in ihrem breitesten Sinne ein universales Phänomen ist, ist der Beleg dafür. Wir Atheisten und Linke können also nicht darauf hoffen, dass das Phänomen Religion eines Tages von selbst ganz aufhören wird zu existieren. Außerdem zeigt unsere Erfahrung, dass wenn eine Person in eine Religionsgemeinschaft hineingeboren ist, wird diese Religion zu einem festen Bestandteil der Identität dieser Person, die sie äußerst schwer abstreifen kann. Das erklärt, warum zum Beispiel neuerdings die Yezidis in Nord-Syrien es ablehnten, sich zum Islam bekehren zu lassen, und es hinnahmen, von den ISIL-Kämpfern getötet zu werden.
    Wir müssen also langfristig daran arbeiten, dass zumindest der Einfluss der radikalfundamentalistischen Versionen der großen Religionen eingedämmt werden. Wir sollen nicht diese oder jene Religion, nicht Allah, Jahve, Jesus oder Shiva kritisieren, sondern versuchen, die Relevanz der Religion überhaupt, besonders im praktischen Leben, zu relativieren. Wir können Epikur zitieren. Er soll gesagt haben: “Ist es so, dass Gott Übel verhindern will, es aber nicht kann? Dann ist er nicht allmächtig. Oder ist es so, dass er es kann, es aber nicht will? Dann ist er böswillig. Oder er kann es und will es auch? Wo kommt dann das Übel her? Oder ist es so, dass er es weder kann noch will? Warum nennt ihr ihn dann Gott?“5 Wir können unseren religiösen Mitmenschen sagen: Liebe Freunde, ihr betet so oft pro Tag. Nichts dagegen. Aber euer Gott hilft euch doch nicht. Lassen wir also unsere Götter und unsere Religionen in unserem privaten Gebetsraum, und versuchen wir zusammen, diese schlechte Welt etwas erträglicher zu machen. Das Heil kann warten. Essen muss man aber schon heute.
    Das ist eine schwierige Arbeit. Denn alle Religionen sind potentiell fundamentalistisch interpretier- und anwendbar. Wie Religionswissenschaftler Klaus Kienzler in Bezug auf die großen Religionen schreibt:

„Wir haben gesehen, dass zum Wesen von Religion eine Reihe unverzichtbarer Fundamente gehören: die religiösen Quellen wie Schrift und Tradition, Orthodoxie und Orthopraxie u.a. … [Also] kann auch hier gesagt werden, dass alle Religionen in der Gefahr stehen, alle diese Fundamente fundamentalistisch zu verkehren, … .“.5a

Es ist so, besonders weil es behauptet wird, dass die heiligen Schriften oder zumindest die wichtigeren Teile davon direkt von Gott offenbart, sogar diktiert (der Koran) oder ausgehändigt (die Zehn Gebote) worden sind. Zwar versteht die moderne christliche Theologie die Offenbarung in ihrer heiligen Schrift nicht so, aber „in der Chicago-Erklärung zur Irrtumslosigkeit der Bibel von 1978 heißt es …: ‚Wir bekennen, dass die Schrift als Ganzes und in allen ihren Teilen, bis hin zu den einzelnen Wörtern der Originalschriften, von Gott inspiriert wurde.‘ “6 Bei solchen Verständnissen der jeweiligen heiligen Schrift kann es einem charakterlich militanten Menschen, dessen Hauptidentität seine Religion ist, nicht schwerfallen, Ungläubige zu verfolgen, gar zu töten, oder mit einer Bombe eine Abtreibungsklinik in die Luft zu sprengen. Wir müssen bedenken, dass zwar die spektakulären Anschläge von Einzeltätern oder kleinen Gruppen von militanten Fundamentalisten verübt werden, dass sie aber ihre Inspiration und ihren Mut von einem großen Umfeld von Hunderttausenden von Fundamentalisten schöpfen. Darum genügt es nicht, dass die Sicherheitsbehörden potentielle Attentäter beobachten und unschädlich machen. Das Problem muss auch breitflächig behandelt werden.
    Was wir ganz sicher tun können, ist, unseren gläubigen Mitmenschen freundlich und höflich zu sagen, sie sollen ihre heiligen Schriften nicht als klare Worte Gottes betrachten. Die Gläubigen wissen, dass alle ihre heiligen Bücher schließlich von Menschen geschrieben wurden (alle Propheten, auch Prophet Muhammed, waren ja Menschen, fehlbar wie jeder Mensch). Die Niederschriften von „Gottes Worten“ sind alles andere als klar. Darum gibt es ja so viele Stellen in den heiligen Büchern, die interpretationsbedürftig sind und auch verschiedentlich interpretiert worden sind. Den fundamentalistischen Interpretationen stehen moderate/liberale Interpretationen gegenüber. Ich gebe hier nur ein Beispiel: Asghar Ali Engineer, ein gläubiger Muslim und ein Islam-Gelehrter, schreibt über den Begriff Kafir (Ungläubiger, Heretiker):

“Der Koran schuf eine Kategorie Ahl al-kitab (Völker des Buches). Alle, denen Allah seine Botschafter und das Buch schickte, wurden Volk des Buches genannt. Der Koran erwähnt in dieser Kategorie Christen, Juden und Sabaens. Allerdings sind diejenigen nicht ausgeschlossen, die im Koran nicht in dieser Kategorie erwähnt worden sind. Viele andere, wie die Zoroastriers, waren in diese [zweite] Kategorie einbezogen. Die Sufi-Heiligen wie Mazhar  Jan-i-Janan schlossen die Hindus in diese [zweite] Kategorie ein. Als Argument dafür führten sie an: Wie konnte Allah es vergessen, seine Botschafter nach Indien zu senden? Er hatte doch versprochen, seine Botschafter an alle Nationen zu senden! Er akzeptiert die Veden [des Hinduismus] als offenbarte Schriften. Er dachte (fühlte) auch, dass die Hindus Monotheisten seien, da sie an einen Gott glauben, der nirgun und nirakar (d.h. ohne Eigenschaften und Gestalt) sei, was die höchste Form von tawhid (Monotheismus) sei.“7

Dies zeigt, dass auch der Islam reformfähig ist. Darum gibt es ja auch im Islam, wie im Christentum, so viele Strömungen und Sekten.
    Gläubigen und andersgläubigen Mitbürgern das sagen zu können und zu dürfen, setzt allerdings voraus, dass wir regelmäßige soziale Kontakte zu ihnen haben und pflegen. Nur durch solche Kontakte kann es uns Atheisten und Linken gelingen, die Werte von Aufklärung, Toleranz und gegenseitiger Achtung zu fördern, die mentalen Barrieren zu beseitigen. Es ist kontraproduktiv, eine Multikulti-Gesellschaft zu fördern und zu akzeptieren. Das würde bedeuten, separate Existenz von Parallelgesellschaften zu fördern und ihre Existenz zu akzeptieren. Die andersgläubigen müssen stattdessen in das gesellschaftliche Leben der Bevölkerungsmehrheit einbezogen werden.
    Es ist klar, Kontaktpflege mit radikalen und militanten Fundamentalisten ist für uns nicht möglich. Aber die große Mehrheit der Menschen in jeder Religionsgemeinschaft, also auch in der islamischen, ist alles andere als fundamentalistisch gesinnt. Sie glaubt an das Prinzip leben und leben lassen, befolgt nicht jedes Gebot der heiligen Schriften. Und es gibt in der Welt, auch in muslimischen Ländern, viele liberale, moderne, progressive und sogar linke Muslime. In Ägypten und Tunesien haben neulich mehrere Millionen muslimische Bürger, die Herrschaft der Muslimbrüder beendet. Durch Zusammenarbeit mit solchen Leuten könnte eine Atmosphäre geschaffen werden, in der alle gläubigen Muslime auf eine Beleidigung des Islams oder des Propheten Muhammed mit dem Satz reagieren würden: „Das lässt mich kalt“. Diesen Satz hörte ich tatsächlich in einer TV-Sendung; eine Islamwissenschaftlerin, die in einer Schule Religion unterrichtet, sagte das. Das lässt hoffen.
    Was noch helfen würde, ist, dass liberale muslimische Islamwissenschaftler, die ihren Glauben auch praktizieren, es wagen, historisch-kritische Arbeiten über die Schriften ihrer Religion zu veröffentlichen. Ein Beispiel davon habe ich oben erwähnt, das Zitat von Asghar Ali Engineer. Wenn es zu gefährlich ist, könnten solche Arbeiten auch anonym veröffentlicht werden. Vor ein paar Tagen hörte ich im Fernsehen eine gute Nachricht: Ein französischer muslimischer Akademiker fordert eine Reform des Islams. Er fordert auch eine historisch-kritische Studie seiner Religion. Das gleiche hörte ich wieder im Fernsehen am 23. Februar. Islamgelehrte der berühmten Al-Azhar-Universität von Kairo sprachen da auch von der Notwendigkeit einer Reform des Islams.
    Eine Sache, die wir nicht können, ist, den Zorn und Hass von allerlei Muslimen auf die euro-amerikanischen Imperialisten und israelischen Kolonialisten zu mildern, die seit langem muslimische Völker politisch und ökonomisch unterjochen und demütigen. Ein Nebenprodukt davon ist, dass die meisten, wenn auch nicht alle, Westler allgemein verdächtigt werden, Feinde und Hasser des Islams und der muslimischen Welt zu sein. Die Geschichte gibt auch genug Anlass dafür. Denken wir nur an die Kreuzzüge, den Irak-Krieg von 2003, Abu Ghraib, Guantanamo Bay, die Behandlung der Palästinenser usw. Klar, mit tatsächlichen Islamhassern unter den Westlern können Muslime keinen Kontakt pflegen. Darum ist es äußerst wichtig, dass gesprächswillige Westler eine antiimperialistische Gesinnung an den Tag legen, bevor sie versuchen, Kontakt mit Muslimen aufzunehmen.
    Aber bloßer Antiimperialismus reicht nicht. Notwendig ist eine große Sache, eine positive, die zum Engagement inspiriert. Ihr Hass auf die Imperialisten führte abertausende junge Muslime ins Lager vom Al Qaida und ISIS, wo ihre große Sache ein „Gottesstaat“ ist. Auch die energetischen jungen Muslime, die mit soviel Elan den Arabischen Frühling aus dem Boden stampften, brauchen eine große Sache, für die sie sich wieder engagieren könnten. Ich kann ihnen die folgenden Sätze von Asghar Ali Engineer anbieten:

“Der Koran gebraucht … das Wort Jihad für moralischen Kampf. Es ist die Pflicht jedes Muslim’s, den Kampf für die höchste moralische Qualität fortzusetzen, für die seiner eigenen Person wie auch für die der Gesellschaft, in der er lebt. Der Kampf gegen die Korruption, gegen Umweltverschmutzung, für die Menschenrechte, für Gerechtigkeit gegenüber den schwachen Gesellschaftsschichten und andere ähnlich erhabene Sachen ist Teil des Jihad. Alles, was der leidenden Menschheit ihr Leiden lindert, ist Teil des Jihad im Sinne Allah’s.“8  

Ohne den Bezug auf Allah könnte man das den Kampf für eine ökosozialistische Gesellschaft nennen.

Quellennachweis

1. Jonas, Hans : Gespräch mit Eike Gebhardt, in: Ethik für die Zukunft - Im Diskurs mit Hans Jonas, Hg. v. Dietrich Böhler, Verlag C. H. Beck, München 1994. S. 210-211 ISBN 978-3406386558 zitiert in: br-online.de. (zitiert aus dem Internet)
2. Jonas, Hans :Das Prinzip Verantwortung. S.36 (zitiert aus dem Internet).
3. Dawkins, Richard (2007) Der Gotteswahn.Berlin:Ullstein.
4. Boyer, Pascal (2002) Religion Explained – The Human Instincts that Fashion Gods, Spirits and Ancestors. London: Random House.
5. Epikur (zitiert aus dem Internet).
5a. Kienzler, Klaus (1999) Der religiöse Fundamentalismus – Christentum Judentum Islam. München: C.H. Beck. S. 23.
6. ibid. S. 41.
7. Engineer, Asghar Ali (2008) Islam – Misgivings and History. New Delhi: Vitasta Publishing. S. 222f.
8. ibid. S. 227.

 

Dienstag, 20. Januar 2015

Einige Schlachten Gewinnen, Aber den Krieg Verlieren -- Ein Überblick über die Heutige Weltlage


Vor etwa drei Monaten las ich einen Artikel über den Krieg gegen den Islamischen Staat (IS). Der Autor, Andrew J. Bacevich1, schrieb unter anderem:

"Die Militanten des Islamischen Staates breiten sich in Syrien aus. Der Irak-Krieg III hat sich nahtlos verwandelt in Groß-Nahost-Krieg XIV. … Selbst wenn wir siegen, verlieren wir. Den Islamischen Staat zu besiegen, würde die Vereinigten Staaten nur tiefer zu einem Jahrzehnte alten Unternehmen verpflichten, das sich als teuer und kontraproduktiv erwiesen hat. ... Die Bemühungen der USA, Stabilität [in der Region] zu fördern, haben tendenziell genau das Gegenteil produziert.“

    Hier will ich nicht über den IS schreiben. Hier gilt meine Sorge nicht dem Groß-Nahost, sondern der Welt, nicht dem Irak-Krieg III, sondern dem "Krieg" (wenn ich hier diesen Begriff benutzen darf), den drohenden weltweiten Kollaps zu verhindern – den ökologischen und ökonomischen Kollaps sowie Kollaps des binnenstaatlichen und zwischenstaatlichen Friedens. Erfolg dabei ist ja auch die selbstverständliche Voraussetzung dafür, den Übergang zu einer friedlichen und nachhaltigen Weltgesellschaft beginnen zu können. Ich habe den Artikel mit dem Irakkrieg III begonnen, weil er derzeit der deutlichste, stärkste und überzeugendste Hinweis auf den kommenden Zusammenbruch ist.
    Dieser hat drei verschiedene Aspekte: (1) Kriege und Konflikte – geführt bzw. ausgetragen mit unterschiedlichem Grad an Gewalt – toben seit den letzten Jahrzehnten in verschiedenen Teilen der Welt; (2) globale Erwärmung, Klimakatastrophen und weltweite Umweltzerstörung aller Art gehen unvermindert weiter , (3) Gesellschaften zerfallen infolge ökonomischer und politischer Krisen, gefolgt von gescheiterten oder scheiternden Staaten.
    Zwar erzählt uns Prof. Steven Pinker in seinem Buch Gewalt – Eine Neue Geschichte der Menschheit (
The Better Engels of our nature), dass die Welt der Vergangenheit, was gewaltsame Konflikte betrifft, sehr viel schlimmer war und dass wir wohl in der friedlichsten Ära in der Geschichte unserer Spezies leben. Das ist aber ein schwacher Trost. Denn seit den letzten zwei Jahrzehnten beobachten wir eine Verschlechterung der Lage. In Widerspruch zu den großen Hoffnungen, die in den frühen 1990er Jahren nach dem Ende des Kalten Krieges erweckt wurden, als Kommentatoren sogar von einer großen Friedensdividende sprachen, die auf uns wartete, plagten in den folgenden Jahren viele kleine, mittelgroße und große gewaltsame Konflikte die Menschheit: der Völkermord in Ruanda, gefolgt von dem nicht enden wollenden Kleinkrieg im Osten des Kongo; die Jugoslawien-Kriege; das Aufkommen des islamistischen Terrorismus in vielen Teilen der Welt; der blutige 26-jährige ethnische Krieg in Sri Lanka; die gewaltsame Unabhängigkeitsbewegung der Kurden im Südosten der Türkei; dann der jahrzehntealte Bürgerkrieg in Kolumbien; der Terror der Drogendealer-Banden in Kolumbien und Mexiko; die laufenden Kriege in der Ukraine, Afghanistan, Syrien, dem Irak, Libyen, Somalia, im Jemen; und die vielen kleinen Konflikte und Aufstände, zum Beispiel auf den Philippinen, im Zentral-Indien, in der Xinxiang-Provinz von China, im russischen Kaukasus, in Nordirland usw.
    Einige dieser Kriege und Konflikte sind entschieden, wurden gewonnen oder verloren, oder mit einem Kompromiss beendet: jene in Ruanda, Jugoslawien, Nordirland usw. Aber das waren, bildlich gesprochen, nur so viele "Schlachten", die entschieden wurden; die Menschheit jedoch verliert den „Krieg“, den nämlich gegen den drohenden weltweiten Kollaps. Wie Bacevich im Zusammenhang mit dem Krieg gegen den IS schrieb: "Unterdrückt man die Symptome, manifestiert sich die Krankheit einfach auf andere Weisen. Es gibt immer einen anderen ‚Islamischen Staat‘ in den Startlöchern." Wir könnten hier vielleicht noch die Lage in Nigeria und Pakistan erwähnen.
    Das genau ist der Punkt. Die Menschheit leidet heute sozusagen an einer schweren Krankheit, aber wir kämpfen nur darum, die Symptome zu unterdrücken.

Die Krankheit und ihre Symptome

Der Unterschied zwischen den Kriegen und gewaltsamen Konflikten der Vergangenheit und denen der Gegenwart ist, dass bei den ersteren die Menschheit im allgemeinen und die betroffenen Völker hoffen konnten, dass nach der Wiederkehr des Friedens auch wirtschaftliche Erholung und Prosperität wiederkehren würden. Selbst nach dem verheerenden 30jährigen Krieg im 17. Jahrhundert erholte sich Mitteleuropa, wenn auch langsam, und prosperierte wieder. Nach den beiden Weltkriegen im 20. Jahrhundert erholten sich in den 1950er Jahren die Wirtschaften und Gesellschaftsstrukturen aller verwüsteten Länder, und sie florierten sogar – zusammen mit vielen anderen Ländern, die nicht direkt von den Kriegen betroffen waren. Heute jedoch fürchten wir, dass die Gesellschafts- und Wirtschaftsstrukturen von noch mehr Ländern zusammenbrechen werden und dass die Zahl der gescheiterten Staaten wachsen wird – all das, obwohl im Vergleich zu vergangenen Epochen die Anzahl und Schwere der Kriege und gewaltsamen Konflikte gesunken sind.
    Die heutigen Gefahren des Zusammenbruchs kommen nicht wirklich von Kriegen und gewaltsamen Konflikten. Diese sind eigentlich nur Symptome oder Resultate einer geradezu schweren Krankheit. Diese Gefahren kommen genau von dem Wohlstand, der in jüngerer Zeit für einen großen Teil der wachsenden Weltbevölkerung geschaffen werden konnte. Es ist ein wenig wie eine übergewichtige Person, die in den letzten Jahren unmäßig gegessen und getrunken hat und infolgedessen an verschiedenen Krankheiten leidet.
    Wir haben zweifellos den Hunger besiegt. Seit einiger Zeit hat es nirgendwo eine schwere Hungersnot gegeben – wie zum Beispiel die, die Äthiopien in den 1980er Jahren erlebte. Schon beim frühesten Zeichen von Hungersnot irgendwo, kann eilends Nahrungsmittelhilfe an die Hungernden geschickt werden. Obwohl es immer noch Armut gibt, ist es nicht mehr die bittere Armut, die vor zwanzig oder dreißig Jahren in vielen Teilen der Welt beobachtet werden konnte, z. B in Indien, Afrika etc. In den meisten ehemals bitterarmen Ländern genießt heute ein großer Teil der Menschen aus den unteren Schichten TV-Shows und Kommunikation über Mobiltelefone.
    Doch gleichzeitig sind heute Hunderte von Millionen Menschen, vor allem junge Leute, ohne Arbeit. Seit dem Finanzcrash von 2008, der inzwischen zu einer Krise des Kapitalismus geworden ist, leiden die Wirtschaften vieler Länder an Rezession, Stagnation oder sinkenden Wachstumsraten; das Realeinkommen sinkt; und in Ländern mit einem noch funktionierenden Sozialstaat werden Sozialleistungen gekürzt. Überall wachsen Frustration und Unzufriedenheit. Hunderttausende verlassen ihre Heimat auf der Suche nach Zuflucht in einem anderen Land, wobei sie enormes Leid, auch Sterben durch Ertrinken im Meer riskieren.
    All das geschieht, weil gerade die Basis des relativen Wohlstands der jüngsten Vergangenheit rapide erodiert. Die globale Erwärmung stiftet Chaos beim Weltklima. Stürme, Sturmfluten, Überschwemmungen und Erdrutsche verwüsten große bewohnte Gebiete, richten verheerende Schäden an Häusern, Infrastrukturen und Ernten an. Ressourcen, die unbedingt erforderlich sind, um die heutige Weltwirtschaft in Gang zu halten, gehen zur Neige, während die Weltbevölkerung weiterwächst. Und die globale Umwelt wird kontinuierlich degradiert.
    In einem früheren, in diesem Blog veröffentlichten Artikel2 habe ich dargelegt, dass der Bürgerkrieg in Syrien zu einem großen Teil das Resultat einer schweren Dürre und des Bevölkerungswachstums ist. Allgemein gesprochen, wurde der sogenannte Arabische Frühling durch die Frustration der Jugend verursacht, die nicht nur Demokratie forderte, sondern auch Wohlstand und Erwerbsarbeit herbeisehnte. Ähnliche Jugendrevolten und allgemeine, teilweise destruktive Manifestationen von Frustration finden auch in europäischen Ländern statt – zum Beispiel in Griechenland, Frankreich, Spanien, Italien und England. In den USA protestiert die schwarze Minderheit massiv gegen institutionellen Rassismus, willkürliche Polizeigewalt und ein gebrochenes Justizsystem. Die Kosten allein der Reparatur, Wartung und Verteidigung der Industriegesellschaf sind immens gewachsen, während die Ressourcen stetig verbraucht werden.
    Ein Krieg hat in der Regel mehrere Fronten, auch der "Krieg", den drohenden weltweiten Kollaps zu verhindern. Es ist zwar notwendig, aber individuellen AktivistInnen nicht möglich, an allen Fronten zu kämpfen. Dennoch müssten wir wenigstens einen Überblick über das Ganze haben. Es scheint mir jedoch, dass die meisten AktivistInnen auf die „Schlacht“ fixiert sind, die sie im Moment schlagen, und den genannten "Krieg" nicht im Sinn haben. Manchmal feiern sie schon die kleinen unbedeutenden Erfolge in ihren jeweiligen „Schlachten“.

Wann feiern wir den Sieg?

So las ich vor kurzem einen Brief von Bill McKibben (einer der Träger des "Alternativen Nobelpreises" im Jahr 2014), den er an seine MitstreiterInnen geschrieben hatte, die mit ihm zusammen am 21. September 2014 in New York und anderen Städten der Welt die großen Volksmärsche für Klimaschutz organisiert hatten. Er schrieb2a:

"... als jener Tag zu Ende ging (und erinnern Sie sich daran, dass er mit der Ankündigung des Rockefeller Brothers Fund endete, dass er ihre Investitionen in die fossile Brennstoffindustrie zurückziehen würde), ließ ich mich denken, dass wir den Anfang vom Ende der fossilen Brennstoffindustrie gesehen haben." Er schrieb weiter:
    "Das heißt natürlich nicht, dass unser Sieg garantiert ist. Wenn das Ende von Kohle, Öl und Gas nicht schnell kommt, wird uns der Schaden von globaler Erwärmung überwältigen. Zu langsam gewinnen ist das Gleiche wie verlieren. So steht uns eine entscheidende Reihe von Schlachten bevor: Investitionsveräußerung, Fracking, Keystone[pipeline], und viele andere, von denen wir noch nichts wissen.“

    Beachten Sie, dass er schon einen halben Sieg feiert, nachdem der Rockefeller Brothers Fund die Veräußerung seiner Investitionen in fossile Brennstoffe angekündigt hat. Aber dies ist noch nicht einmal ein kleines Siegchen in einer kleinen Schlacht; hier handelt es sich nur um eine Ankündigung. Es wird in diesem Zitat suggeriert, dass alles gut sein würde, wenn die fossilen Energien ganz aufgegeben würden und die erneuerbaren Energien die Aufgabe übernommen haben würden, die Industriegesellschaften der Welt anzutreiben. Es wird nicht gefragt, ob die sogenannten erneuerbaren Energien ökonomisch lebensfähig sind, nicht gefragt, ob eine Industriegesellschaft überhaupt nachhaltig sein kann, und man sieht hier nicht einmal eine Spur eines Zweifels am Kapitalismus, der es eigentlich ist, der alle Fortschritte Richtung Nachhaltigkeit verhindert.
    Gefeiert wurde auch die Ankündigung von China und den USA im Vorfeld der UN-Klimakonferenz in Lima, dass diese zwei größten Verursacher der globalen CO2-Emission vereinbart haben, in zehn bis fünfzehn Jahren die Zunahme ihrer CO2-Emission zu stoppen. Etwa um die gleiche Zeit wurde jedoch berichtet, dass Indien plant, seine Kohleproduktion in fünf Jahren zu verdoppeln2b. Offensichtlich denkt niemand in diesem sonnen- und windreichen Land, dass es möglich ist, fossile Energien durch „erneuerbare“ zu ersetzen. Während der genannten Lima-Konferenz las ich in einem Zwischenbericht3 darüber, dass zur Halbzeit die europäischen Delegierten mit den erzielten Fortschritten sehr zufrieden waren. Sie seien sehr optimistisch; sie dächten, dass diesmal eine positive Einigung erzielt werden könnte. Aber gleichzeitig wurde berichtet,4 dass auf der Konferenz alle schwierigen und kontroversen Fragen sorgsam vermieden würden – z. B., ob es öl- und kohlereichen Ländern (Saudi Arabien, Russland, Australien, Polen etc.) verboten würde, ihre Bodenschätze auszubeuten; ob Wirtschaftswachstum, wonach insbesondere die weniger entwickelten Länder streben, immer noch möglich wäre, wenn der Verbrauch fossiler Brennstoffe drastisch eingeschränkt würde; ob Ecuador und Bolivien, die zwei Länder, die am lautesten "buen vivir" (gutes Leben, im Gegensatz zu reichem Leben) predigen, aufhören würden, ihren Reichtum an fossilen Brennstoffen auszubeuten; ob der Kapitalismus mit dem Ziel vom Klimaschutz und, allgemeiner gesprochen, Schutz der natürlichen Umwelt vereinbar wäre.
    Meine LeserInnen kennen meine Ansichten über diese Fragen. Sie können in den früher in diesem Blog veröffentlichten Artikeln gefunden werden. Deshalb will ich sie hier nicht wiederholen. Nur so viel zum Abschluss: Wir sollten unsere Feierlichkeiten verschieben, bis wirklicher Sieg erreicht worden ist. Und spätestens jetzt sollten wir aufhören, uns selbst zu täuschen. Beschäftigen wir uns allen Ernstes mit den eigentlichen Aufgaben unserer Kämpfe, nämlich der allmählichen Überwindung der industriellen Lebensweise und der Überwindung des Kapitalismus. Denn solange diese beiden unser Leben und unsere Gesellschaften beherrschen, kann kaum etwas anderes erreicht werden. Dann werden wir ganz bestimmt den "Krieg" verlieren.

Quellenangaben:

1. “Even if we defeat the Islamic State, we’ll still lose the bigger war”, in The Washington Post online, October 3, 2014.
http://wapo.st/1vlnuxk
2. Lampedusa Weiterdenken.
http://ak-oekopolitik.blogspot.de/search?q=Lampedusa
2a. Interesting Transitions at 350.org (02.12.2014)http://350.org/interesting-transitions-at-350-org/

2b.
Die New York Times International Weekly (28.11.2014) India’s Ruinous Pursuit of Coal.
http://nyti.ms/1xgx6Na
3. Bayerischer Rundfunk
http://www.br.de/nachrichten/un-klimakonferenz-lima-104.html.
06.12.2014.
4. die tageszeitung
http://www.taz.de/1/archiv/?dig=2014/12/05/a0091
05.12.2014

 

 

Montag, 3. November 2014

Socialismo Ecologico o Barbarie -- Una critica contemporánea al capitalismo


Von Saral Sarkar und Bruno Kern geschriebene Broschüre

Ökosozialismus oder Barbarei – eine zeitgemäße Kapitalismuskritik

haben wir ins Spanische übersetzen lassen. Bisher aber ist diese Übersetzung unter Spanisch lesenden politischen Menschen total unbekannt geblieben. Weil wir sie auf keine spanischsprachige Webseite posten konnten, existiert sie fast verborgen auf unserer deutschsprachigen Webseite www.oekosozialismus.net.

    Ich bitte nun diejenigen der LeserInnen dieses Blogs, die spanisch lesende politische FreundInnen und Bekannte haben, sehr darum, die Übersetzung unter diesen bekannt zu machen.

    Bei dieser Gelegenheit möchte ich der Übersetzerin Barbara Wiebe-Köhler meinen aufrichtigen Dank aussprechen.

    Hier ist der Link:


 

Saral Sarkar / Bruno Kern

SOCIALISMO ECOLOGICO O

BARBARIE

Una critica contemporánea al capitalismo

Traduccion del alemán : Barbara Wiebe-Köhler
 
 
 
 

Écosocialisme ou barbarie -- une critique moderne du capitalisme


Die Broschüre

Ökosozialismus oder Barbarei – eine zeitgemäße Kapitalismuskritik

von Saral Sarkar und Bruno Kern

wurde von einer Gruppe von Studenten von Prof. Celine Letawe und Prof. Christine Pagnoulle der Universität zu Lüttich/Liège (Belgien) ins Französische übersetzt.

    Bisher ist diese Übersetzung unter Französisch lesenden politischen Menschen kaum bekannt. Weil wir sie auf keine französischsprachige Webseite posten konnten, existiert sie fast verborgen auf unserer deutschsprachigen Webseite www.oekosozialismus.net.

    Ich bitte nun diejenigen der LeserInnen dieses Blogs, die Französisch lesende politische FreundInnen und Bekannte haben, sehr darum, die Übersetzung unter diesen bekannt zu machen.

    Bei dieser Gelegenheit möchte ich den mir namentlich unbekannten ÜbersetzerInnen sowie Prof. Letawe und Prof. Pagnoulle meinen aufrichtigsten Dank für ihre freundliche Hilfe aussprechen.

Hier ist der Link:


 

Saral Sarkar / Bruno Kern

Écosocialisme

ou barbarie

Une critique moderne

du capitalisme

Comprendre la crise économique aktuelle -- Une approche écosocialiste


Die nur digital existierende Broschüre

Understanding the Present-day World Economic Crisis – An Eco-Socialist Approach

von Saral Sarkar

wurde von Camille Lambion, Marina Schmidt und Prof. Céline Letawe der Universität zu Lüttich/Liège (Belgien) ins Französische übersetzt.

    Bisher ist diese Übersetzung unter Französisch lesenden politischen Menschen kaum bekannt. Weil wir sie auf keine französischsprachige Webseite posten konnten, existiert sie fast verborgen auf unserer deutschsprachigen Webseite www.oekosozialismus.net.

    Ich bitte nun diejenigen der LeserInnen dieses Blogs, die Französisch lesende politische FreundInnen und Bekannte haben, sehr darum, die Übersetzung unter diesen bekannt zu machen.

    Bei dieser Gelegenheit möchte ich den drei ÜbersetzerInnen meinen aufrichtigsten Dank für ihre freundliche Hilfe aussprechen.

Hier ist der Link:


 

Saral Sarkar

Comprendre la crise économique actuelle

Une approche écosocialiste

Publié par Initiative Ökosozialismus

© Saral Sarkar, Cologne. 2012

Traduction réalisée par Camille Lambion, Céline Letawe et Marina Schmidt (master en traduction

ULg)

N’hésitez pas à diffuser ce texte dans sa version intégrale

 

Sonntag, 2. November 2014

Noch einmal über Transition -- Kritische Gedanken über eine Debatte über Ziel und Strategie


Vor einiger Zeit hatte ich in diesem Blog einen Artikel mit dem Titel "Gedanken über Belastbarkeit einer Gesellschaft und Systemübergang" gepostet (27. August 2014). Neulich las ich im Internet eine Debatte über das gleiche Thema, die aus zwei Artikeln bestand: Ted Trainer (2014) veröffentlichte eine sympathische Kritik an der Transition Town Movement (im Folgenden einfach als Transition bezeichnet, kursiv und T groß geschrieben). Bald darauf veröffentlichte Rob Hopkins (2014a), die prominenteste Person in dieser Bewegung, eine Replik und Verteidigung von Transition. Zusätzlich zu dem, was ich im oben genannten Blog-Post schrieb (was ich hier nicht wiederholen werde), möchte ich einige Gedanken zu dieser Debatte äußern – in der Hoffnung, einige Fragen klären zu helfen. Da Ted und ich uns weitgehend über die zur Debatte stehenden Fragen einig sind, konzentriere ich mich hier auf die Erwiderung von Hopkins. (Alle Betonungen mit Kursivdruck sind von mir.)

    Wenn Leser von und Teilnehmer an dieser Diskussion Fortschritte bei der Suche nach der richtigen Strategie für den Übergang zu einer (allgemein gesprochen) besseren Welt machen wollen, dann ist es notwendig, zunächst Fehler in unserem Verständnis der gegenwärtigen Weltlage zu korrigieren, Widersprüche in unseren eigenen Positionen aufzuheben und, im Allgemeinen, Klarheit über die debattierten Fragen zu schaffen. Wenn wir uns am Ende immer noch nicht einig sind, dann wissen wir zumindest, bei genau welchen Punkten wir uns nicht einig sind. Das wäre auch etwas Fortschritt bei der Diskussion.

Unterschiedliche Ziele

Wenn zwei oder mehr Personen an einer Strategiediskussion teilnehmen, dann muss man logischerweise annehmen, dass sie ein gemeinsames Ziel verfolgen. Denn es ist sinnlos, eine gemeinsame Strategie für unterschiedliche Ziele zu suchen.

    Es ist klar, dass Hopkins und Trainer im Grunde unterschiedliche langfristige Ziele verfolgen. Das ist auch der Grund, warum sie sich nicht über die Strategiefrage einigen können. (Das schließt aber nicht aus, dass sie Differenzen bei der Strategiefrage hätten, wenn sie ein völlig gemeinsames Ziel verfolgten.) Das, was nach Trainer getan werden muss, wenn eine "nachhaltige und gerechte Welt erreicht werden soll", hat mehrere Elemente: der "Ressourcen[verbrauch] der reichen Länder und dessen ökologische Auswirkungsraten" müssen „um so etwas wie 90% gesenkt werden"; die Idee einer "Wachstumswirtschaft muss fallen gelassen werden“; „das BIP muss auf einen kleinen Bruchteil der derzeitigen Werte reduziert werden"; "Marktkräfte [d.h. der Kapitalismus] müssen davon abgehalten werden, über unser Schicksal zu bestimmen", etc.

    Dies sind die wichtigsten Punkte in Trainers Paket von langfristigen Zielen. Hopkins sagt nicht, all das sei totaler Unsinn. Er findet sogar die meisten Argumente von Trainer "ganz vernünftig". "Aber", schreibt er, "es gibt keine Chance, dass all das geschehen wird, wenn wir nicht schon die verschiedenen Modelle präsentiert haben, die in der Lage sind, die Dinge zu liefern, die wir brauchen: Schulen, Jobs, Wohnungen usw." Hopkins schreibt auch: "Die Ambition von Transition geht dahin, sich wieder lokale Wirtschaften vorzustellen, ihren Fokus zu verlagern, modelhaft zu zeigen, wie das die Ambitionen bezüglich öffentlicher Gesundheitsversorgung besser verwirklichen kann als das derzeitige Konzept, wie das mehr und bessere sinnvolle Lebensgrundlagen schaffen kann, gesündere Gemeinschaften schaffen kann, sicherere Investitionen schafft, die eine soziale Rendite“ anbieten". In alten Zeiten hießen all das Entwicklung. Seit Mitte der 1980er Jahre werden sie nachhaltige Entwicklung genannt. Hopkins fügt jetzt hinzu, sie müssen von der Gemeinschaft geführt werden.

    Die Wörter "wenn nicht“ mag den Eindruck erwecken, dass Hopkins und Transition könnten weiter gehen, nachdem sie diese kurzfristigen Ziele erreicht haben, und dann kämen sie näher daran, Trainers langfristige Ziele zu teilen. An einer Stelle schreibt Hopkins sogar etwas Ähnliches: Er kritisiert Trainer für seine Annahme, "dass Bewegungen wie Transition [Trainer erwähnt auch die Ökodorf- und Permakulturbewegung] nicht an tiefe Systemveränderung dächten". Aber er enttäuscht uns. Denn er schreibt unter Bezugnahme auf seine im vorigen Absatz zitierten Ziele: "Wir sind noch nicht da, aber das ist, wohin wir gehen wollen." Das Wort "Ambition" und der Satz "das ist, wohin wir gehen wollen" klingen nach einem Endziel. Sie vermitteln den Eindruck, dass Hopkins und Transition Trainers langfristiges Ziel –das heutige Wirtschaftssystem und die Marktkräfte abzuschaffen – nicht teilen. Sie wollen nur den Fokus verlagern, die Dinge "besser", "gesünder" und "sicherer" machen, als sie heute sind. Sie wollen „mehr“ sinnvolle Lebensgrundlagen (sprich Jobs!) schaffen. Das ist natürlich viel mehr als Gemeinschaftsgärten, aber es ist nicht klar, inwiefern sie etwas anderes sind als "nachhaltige Entwicklung" der 1980er Jahre. Nur eines ist klar; sie wollen ganz bestimmt die wirtschaftliche Globalisierung überwinden, sie wollen die Wirtschaft so lokal machen wie möglich.

    Hopkins weiß, "dass wir in einer Welt mit vielen Grenzen [limits] leben", er weiß auch um den Wachstumszwang des Kapitalismus. Aber ich habe bei ihm  keine eindeutige Aussage gefunden, die besagt, dass in den reichen Ländern Ressourcenverbrauch um 90% reduziert werden muss. Er denkt an Investitionen und soziale Rendite. In einem Interview, das er einer deutschen Zeitschrift gab, sagt Hopkins (2014B):“… Wir haben ein Forum für kommunales Unternehmertum ins Leben gerufen, in dem sich Menschen mit nachhaltigen Geschäftsideen mit möglichen Investoren und Förderern treffen können.“ Er sagt in demselben Interview weiter: „…Aber wie groß muss ein Unternehmen nun wirklich sein, damit es seinen Mitarbeitern den Lebensunterhalt sichern und gleichzeitig Gewinne für weitere kommunale Projekte erwirtschaften kann? Ich glaube nicht, dass wir dafür Exportmärkte in China erschließen müssen oder überall auf der Welt Franchise-Firmen gründen müssen"

    Von all dem hat man den Eindruck, dass Hopkins und Transition, obwohl sie viele Dinge verändert sehen möchten, das Gesellschaftssystem nicht verändern wollen. Aber Trainer strebt danach. Er denkt, nicht nur der Kapitalismus, sondern auch die Industriegesellschaft muss beseitigt werden, um die Biosphäre zu retten und eine nachhaltige und gerechte menschliche Gesellschaft zu schaffen. Diese Perspektive ist für die meisten Menschen nicht nur pessimistisch, sondern auch furchterregend, insbesondere für die Mittelschicht der reichen Industrieländer. Inzwischen ist sie auch für die Mittelschicht von China, Indien, Brasilien usw. furchterregend. Kein Wunder, dass Ernst Ulrich von Weizsäcker 1992 in seiner Übergangsperspektive schrieb:

„Europäern, Amerikanern und Japanern zu empfehlen, sich in Sack und Asche zu kleiden und auf Wohlstand und Fortschritt zu verzichten, ist eine zum Scheitern verurteilte Strategie. Also sollte die neue Wirtschaftsweise den Charakter eines neuen Wohlstandsmodells haben, um politisch durchsetzbar zu sein.“ (1992: 14)

    Die Veränderungen, die Hopkins herbeiführen will, sind auch seit den frühen 1980er Jahren von früheren Generationen von Grünen und AktivistInnen der sozialen Bewegungen gewünscht und angestrebt worden. Für ihre Perspektive wählten sie Bezeichnungen wie "Umstrukturierung der Industriegesellschaft", "nachhaltige Entwicklung", "nachhaltiges Wachstum", "grünes Wachstum" und "grüner Kapitalismus".

    Die langfristigen Ziele von Trainer und Hopkins sind also eindeutig unterschiedlich, obwohl Trainer Transition unterstützt, deren erklärte Ziele und Aktivitäten er aber falsch interpretiert, als nur unmittelbare, und sie darum für ungenügend hält. Ich habe das Gefühl, dass Hopkins und Transition nicht weiter gehen wollen, weil sie Angst haben, auch nur weiter zu denken, nämlich an radikalen Systemwandel. Schließlich gehört die Mehrheit von ihnen, wie Hopkins (2014B) selbst festgestellt hat, der Mittelschicht von Europa und Nordamerika, wo die Bewegung sehr beliebt ist. Sie hätten viel zu verlieren, viel mehr als der durchschnittliche Mittelschichts-Afrikaner oder -Inder, wenn das gegenwärtige Gesellschaftssystem beseitigt werden sollte. Darum lieben es ihre Denker – abgesehen von einigen wenigen ehrenwerten Ausnahmen wie Trainer – die Illusion zu hegen, alle Probleme können durch weitere technologische Entwicklungen gelöst werden, etwa durch Solar- und Windenergie, Kohlenstoffabscheidung und -speicherung, Steigerung der Ressourceneffizienz usw. Hopkins (2014B) findet das Energiewende-Programm Deutschlands "inspirierend." Er denkt, Solarenergie, Windenergie und lokale Energiekombinate machen die großen Energiekonzerne überflüssig. Die bestehende Skepsis gegenüber erneuerbaren Energien, die Trainer teilt, ist ihm offenbar unbekannt. Ganz bestimmt unbekannt sind ihm Zweifel an der Lebensfähigkeit von Solarenergietechnologien, insbesondere in den Schlechtwetter-Ländern wie Großbritannien. Es mag ihm auch unbekannt sein, dass auch James Lovelock (Vater der Gaia-Hypothese) nicht von Windenergie begeistert war und unterstützte daher die Kernenergie.

    Es gibt auch einen qualitativen Unterschied zwischen den jeweiligen Perspektiven von Trainer und Hopkins. Die lokalen und kleinen Wirtschaften der Graswurzel-Gemeinschaften Trainers würden in weiser Voraussicht entstehen, oder als Folge einer großen Krise oder gar eines Zusammenbruchs der kapitalistisch-industriellen Wirtschaften. Sie würden in einer anarchistisch- sozialistischen Art und Weise geplant und verwaltet werden. Hopkins möchte Wirtschaftsbetriebe lieber in Gemeinschaftsbesitz übertragen. Aber für seine "boomenden, neuen, sozialen Unternehmen", akzeptiert er den Kapitalismus (Investoren, Gewinne), wenn auch einen von Globalisierung befreiten. Obwohl er sagt, dass er sich des dem Kapitalismus innewohnenden Wachstumsimperativs bewusst ist, denkt er naiv, die Investoren, die in lokale Unternehmen investieren würden, wären mit den mageren Gewinnen zufrieden, die die letzteren erwirtschaften könnten. Jeder mit etwas Geschichtskenntnis weiß, dass das Wirtschaftssystem unmittelbar vor dem Beginn des Kapitalismus vorwiegend lokal, klein angelegt und in der Gesellschaft eingebettet war. Aber mit dem Kapitalismus kam sein Wachstumsimperativ. Der monströse globalisierte Kapitalismus, den wir heute sehen, ist das Ergebnis seiner inhärenten Wachstumsdynamik. Ein modernes Beispiel zu geben, begannen die Solarstrombranche und -bewegung mit der Konzeption einer lokalen, d.h. dezentralen, Solarstromerzeugung auf Häuserdächern für den lokalen Verbrauch. Heute sehen wir Projekte wie den Desertec (riesige Solarkraftwerke in der Sahara, die, wenn fertig, 15% des gesamten europäischen Strombedarfs decken soll) und den Wettbewerb zwischen europäischen und chinesischen Solarpanel-Produzenten um größere Anteile des Weltmarktes.

    Schließlich schreibt Hopkins auch Sätze, die den Leser verwirren. Es scheint manchmal, als ob er und Transition überhaupt kein klares Ziel verfolgen. Eines seiner Bücher ist betitelt The Power of Just Doing Stuff  (etwa: Die Macht von Einfach-etwas-tun). Darin zitiert er eine Teilnehmerin an Transition mit den Worten: "Ich fühlte, ... dass es in meiner Stadt ... Leute gab, die das Bedürfnis hatten, etwas zu verändern, genau wie ich. Ich dachte, das war erstaunlich. ... Ich dachte, 'das ist es, wir können etwas tun. Wir können tatsächlich etwas verändern.' " Das Wort "etwas" lässt mich denken, irgendetwas Gutes ist genug für diese Person. Schließlich legten diese Person und einige andere Menschen zusammen einen kleinen Gemeinschaftsgarten in ihrer Stadt an. Natürlich kann niemand, nicht einmal der überzeugteste Kapitalist in der Stadt, irgendwelche Einwände gegen einen kleinen Gemeinschaftsgarten haben.

    An einer Stelle schreibt Hopkins, er wolle „Menschen dazu befähigen, sich nach der Welt zu sehnen, die es notwendig ist zu schaffen“. An einer anderen Stelle verwendet er die Worte "wo wir hingehen müssen." Und er schließt den Artikel mit den Worten ab: "... führt zu der Veränderung, die wir alle sehen wollen“. Die kursiv geschriebenen Worte lässt einen denken, Hopkins hätte eine klare Vorstellung seiner langfristigen Ziele. Nein, falsch. Denn er schreibt auch: Transition "entwickelt sich weiter. Sie bleibt gegenüber neuen Ideen und Prozessen offen, die mit Menschen arbeiten, um Fragen zu stellen und dann zu gestalten, wohin der Prozess geht. Das wurde in dem Transition Handbook bezeichnet als "lass es gehen, wo es hin will". Und diese Unsicherheit gipfelt im letzten Absatz, wo Hopkins schreibt: "Kommt Zeit, kommt Rat (Time will tell)".

    Solche Worte lassen erkennen, dass Hopkins noch nicht weiß, wo die Welt hingehen muss. Es gibt da keine Spur eines Versuchs, die gegenwärtige Weltlage objektiv und gründlich zu analysieren, und deshalb auch keine Spur eines Versuchs, in Bezug auf die langfristigen Ziele der Bewegung eine logische Schlussfolgerung zu ziehen. Hopkins weiß nicht einmal, ob er und Transition das System reformieren oder radikal verändern wollen. Er schreibt: "Es kann sein, dass die Zukunft zeigen wird, dass Transition ein reformistisches Projekt gewesen ist, das keine Gefahr für die Verbraucher-kapitalistische Gesellschaft war. Wir werden sehen."

    Das ist totale Verwirrung.

Unterschiedliche Strategien

Unterschiedliche langfristige Ziele (im Fall von Hopkins eher das Fehlen eines klaren) führten Hopkins und Trainer zwangsläufig dazu, unterschiedliche Strategien zu konzipieren. Auch in dieser Hinsicht schreibt Hopkins widersprüchliche Dinge.

    Wenn Transition nur ein Reformprojekt ist, das versucht, die gegenwärtige Verbraucher-kapitalistische Gesellschaft zu verbessern, dann ist es besser, den Begriff Transition nicht zu verwenden, denn er suggeriert, zumindest in unserem Kontext, Übergang zu einem anderen sozio-ökonomischen System, das das gegenwärtige ersetzt. Wie es auch genannt werden mag, auch ein Reformprojekt ist legitim. Denn nicht alle Menschen sind überzeugt, dass Systemwandel möglich ist, und viele sind davon überzeugt, dass das derzeitige System verbessert und somit befähigt werden kann, die Probleme zu lösen, die uns plagen. Aber wie macht man das am besten?

    Hopkins macht zunächst einen Versuch zu erklären, „warum wir [das schließt die grüne Linke ein] den Kampf gegen den Klimawandel so katastrophal verlieren“. Er betont einen von mehreren Faktoren: Der ist "die Falle, in die einige auf der grünen Linken seit 40 Jahren gefallen sind". Er führt aus: "Es ist eine Denkweise, die Differenzen sucht statt eine gemeinsame Basis." Wir sprächen mit jedem, aber nicht miteinander. Und "es gibt wenig Achtsamkeit hinsichtlich der Frage, wie unsere Art und Weise, unsere Botschaft zu kommunizieren, bei Menschen außerhalb unseres Spektrums („bubble“) rüberkommt."

    Ich bin anderer Ansicht. Niemand auf der Linken oder der grünen Linken sucht Differenzen. Sie sind real, sie existieren einfach, sie beruhen oft auf unterschiedlichen materiellen Interessen. Doch in meiner jahrzehntelangen Erfahrung in Indien und Deutschland habe ich in den meisten einschlägigen Fällen erlebt, dass verschiedene progressive Gruppen in der Liste von George Lakoff (den Hopkins zitiert) für bestimmte Kämpfe (z.B. in der Friedensbewegung, Umweltschutzbewegung etc.) Allianzen, Einheitsfronten usw. bildeten. Ein eklatantes Gegenbeispiel war das Ausbleiben einer Allianz in den frühen 1930er-Jahren zwischen den Kommunisten und den Sozialdemokraten gegen die deutschen Nazis. Das führte in der Tat zu einer Katastrophe.

    Was den zweiten Punkt betrifft, kritisiert Hopkins Trainer wegen der Verwendung einer "Sprache" (d.h. die Art und Weise, wie er seine Botschaft kommuniziert), die für den Zweck ungeeignet ist. Er schreibt, dass Trainers Sprache "garantiert die Mehrheit in der Gemeinschaft ausschließt", "garantiert 98 Prozent der Bevölkerung die Lust verdirbt." Ganz sicher will Trainer niemand ausschließen. Aber es ist wahr, dass derzeit die meisten Menschen in der Welt nicht auf ihn und Menschen wie ihn hören.

    Allerdings, um die Sache klar zu machen, liegt es nicht wirklich an Trainers "Sprache“. Alle seine Adressaten verstehen Englisch gut, und die Worte, die er verwendet, sind sehr klar. Diejenigen, die seine Botschaft lesen oder hören, sind ja gebildete und intelligente Menschen. Er hetzt ja auch niemand zu einem Staatsstreich oder einem bewaffneten Aufstand auf. Es ist eigentlich der Inhalt seiner Schriften, der das Problem ist, nicht der Stil. Für 98 Prozent der Menschen in den reichen Industrieländern ist es leider immer noch unvorstellbar, dass sie, um die Umwelt zu schützen und sich der rapiden Erschöpfung der Ressourcen anzupassen, Opfer bringen müssen, nämlich ihren Ressourcenverbrauch um 90 Prozent reduzieren und den Kapitalismus abschaffen, der ihnen so viel Wohlstand beschert hat.

    Aber was tut man dann? Soll man dann seine Ziele ändern, gibt man dann seine Überzeugung auf? Soll man dann den 98 Prozent der Menschen unbequeme Wahrheiten verheimlichen, nur von schönen Dingen erzählen – entgegen der eigenen Überzeugung – um von der Mehrheit geliebt zu werden? Oder soll man sich anstrengen, unverbindliche und vage Sachen zu sagen, die keinem die Lust verdirbt? In diesem Fall ist man ein typischer Politiker im schlechtesten Sinne des Wortes, kein politischer Aktivist. Selbst ein echtes Reformprojekt braucht engagierte Aktivisten, die die Wahrheit sagen und keine Angst haben, Wähler zu verstimmen. Solche Aktivisten sagen den Menschen offen, welche Veränderungen ihrer Meinung nach notwendig sind, um das bestehende System zu verbessern. Hopkins findet Trainers Argumente "ganz vernünftig"; dennoch schilt er ihn dafür, dass er sie offen ausspricht.

    Aber hier unterscheide ich mich ein wenig von Trainer. In seiner Kritik an Transition schreibt er zu meinem Erstaunen: "Plötzliche oder laute Rufe nach radikaleren Zielen würden diesen Bewegungen schaden." Wie? Denkt Trainer, die Zeit sei noch nicht reif? Oder, dass die Massen nicht intelligent oder reif genug sind? Ich denke dagegen, es ist höchste Zeit, dass alle Bürger der Welt vollständig über die gegenwärtige katastrophale Lage der Menschheit und der Erde informiert werden. Das ist Teil unserer Bewusstseinsbildungsarbeit. Und ich denke, alle Menschen sind intelligent und reif genug, um die grundlegenden Wahrheiten dieser Lage zu verstehen. Wir brauchen sie ihnen nur darzulegen. Die Ziele, die er "radikaler" nennt, sind eigentlich absolute Notwendigkeiten.

    Es stimmt, dass viele Aktivisten, mit denen wir Allianzen bilden müssen, sagen würden, dieses oder jenes Ziel sei nicht realistisch, weil die Herrscher, oder auch die Massen, die entsprechenden Forderungen keinesfalls akzeptieren würden. Das war meine Erfahrung Mitte der 1980er Jahre in der Grünen Bewegung von Deutschland. Aber heute ist die Weltlage hundertmal schrecklicher und dringlicher als damals. Auf jeden Fall, wenn unsere radikalere Ziele für andere Aktivisten zu radikal sind, können wir dennoch die Zusammenarbeit mit den Bündnispartnern auf der Grundlage einer Liste von sofortigen Mindestzielen (die Hopkins gemeinsame Basis nennt) weiterführen. Parallel dazu und außerhalb des Bündnisses können wir kompromisslos unsere Analyse und langfristige Ziele verbreiten. Die oben zitierte Ansicht von Trainer verblüfft Hopkins, der schreibt: "Trainers Perspektive ist verwirrend. Einerseits sagt er, plötzliche oder laute Rufe nach radikaleren Zielen würden diesen Bewegungen schaden, andererseits sagt er, dass der Weg, den Transition einschlägt, nur zu einer stark und zunehmend unnachhaltigen und ungerechten Konsumgesellschaft führen, die viele Gemeinschaftsgärten usw. enthält. ‘‘
 
Hopkins schreibt: "... was uns auch immer dahin bringt, wo wir hingehen müssen, wird erfordern, dass wir größer denken, dass wir die Sprache neu erfinden und dass wir versuchen, eine gemeinsame Basis [mit den 98 Prozent der Menschen] zu bilden, anstatt uns in eine Ecke zu reden, während jeder andere in eine andere Richtung schaut.“ Wie ich oben gezeigt habe, hat Hopkins keine klare Vorstellung davon, wo wir auf lange Sicht hingehen müssen, um die Welt belastbar gegen die schweren Krisen zu machen, die im Gange sind und die uns bevorstehen. Er vertritt also sozusagen eine Wetterhahn-Strategie, um sich nicht in eine Ecke zu reden. Aber in den Zeiten, in denen wir leben, ist es notwendig, die Wahrheit zu sagen, so unangenehm sie für die 98 Prozent auch sein mag. Es ist notwendig, wenn es sein muss, sich in eine Ecke zu reden, anstatt sich der Mehrheit anzuschließen, auf ihrer gemeinsamen Basis. Es ist die Pflicht der Minderheit, ehrlich die 98prozentige Mehrheit zu kritisieren, selbst wenn der dafür zu zahlende persönliche Preis hoch ist. Es ist die Pflicht der Minderheit, die Mehrheit zu der unangenehmen Wahrheit und zu den unangenehmen Lösungen unserer Probleme und Krisen zu führen, anstatt die angenehme Wärme zu genießen, die einem die Mitgliedschaft der Mehrheit spendet. Im praktischen Leben sind wir gezwungen, viele Kompromisse zu machen, um bloß die Alltagsprobleme bewältigen zu können. Lasst uns aber keine Kompromisse machen in unserem Denken und beim Ausdrücken unserer Gedanken. Glücklicherweise sind heute Leute wie Trainer nicht mehr so isoliert wie Hopkins denkt. Es gab vor kurzem eine Degrowth-Konferenz (etwa: Wirtschaftsschrumpfung-Konferenz) in Leipzig, an der 3000 Menschen teilnahmen. Im Jahre 2011 fand in Berlin ein Kongress mit dem Titel "Beyond Growth" statt (etwa: jenseits von Wachstum). Durchschnittliche Menschen sind heute nicht mehr wie kleine Kinder, denen man unbequeme Fakten vorenthalten muss.

    An anderer Stelle in seinem Artikel hat Hopkins einiges in einem Stil geschrieben, als wäre er ein geschickter politischer Führer, obwohl er eigentlich nur der Mehrheit folgt. Er schreibt zum Beispiel: "Aber das wird nur funktionieren, wenn wir die geschickten Mittel finden, Menschen mitzunehmen, ja, die geschickten Mittel, Menschen dazu zu befähigen, dass sie sich nach der Welt sehnen, die wir schaffen müssen, weil die Möglichkeiten, die diese Welt bietet, ihre Herzen singen lässt. Ich bin ganz für geschickte Mittel, Dinge zu tun. Ich bin ganz dafür, dass fähige Menschen die Führung bei einem Projekt haben. Aber die Führer müssen klar wissen – auf der Grundlage einer objektiven, illusionsfreien Analyse der gegenwärtigen Situation –, wohin die Reise gehen soll.

    Allerdings bin ich skeptisch gegenüber der Idee, Menschen dazu zu befähigen, dass sie sich nach der Welt sehnen, die wir schaffen müssen. Sie werden sich nicht danach sehnen, wenn sie die Wahrheit darüber erfahren haben. Aber sie könnten davon überzeugt werden, dass es sich hier um eine Notwendigkeit handelt. Die Möglichkeiten, die diese Welt bieten wird, werden nicht wirklich die Herzen der globalen Mittelschicht singen lassen. Jedoch es wird eine gerechte Welt sein, sowohl für die armen Menschen von heute als auch für die anderen Arten, die die Erde mit uns teilen. Und das wird uns irgendwie glücklich machen, wenn auch nicht jubeln lassen.

    Es ist richtig, wie Hopkins es ausdrückt, "Menschen anzuschreien, um ihnen die Notwendigkeit einer ‚Revolution‘ nahezubringen, und Sätze mit ‚radikal‘ und so weiter zu würzen, haben es eindeutig nicht geschafft, die notwendigen Veränderungen zustande zu bringen. Das funktioniert nicht. … Bei fast allem, was es [diese Methode] versucht hat zu erreichen, ist es gescheitert." Aber diese sind nur einige der schlechten Arbeitsmethoden der alten Linken gewesen, nicht ihre Strategie für die Schaffung einer sozialistischen Gesellschaft. Klar, auch ihre Strategie hat sie nicht zum Ziel geführt. Aber es ist irrelevant, dies hier zu sagen. Denn weder Trainer noch andere Kategorien von Linken der Gegenwart (z.B. Öko-Sozialisten) schlagen die alte Strategie (Klassenkampf, proletarische Revolution etc.) der alten Linken für die Erreichung ihres neuen Ziels vor, das in wesentlichen Punkten nicht mehr das gleiche ist wie das nunmehr obsolete Ziel der alten Linken. Die Frage, warum die alte Linke ihr Ziel nicht erreichen konnte, ist von verschiedenen Menschen, darunter vielen Linken, unterschiedlich beantwortet worden (für meine Antwort siehe Sarkar 2001). Die alte linke Theorie des gesellschaftlichen Wandels ist nicht mehr gültig. Neue Theorien und Strategien sind von vielen einschließlich Trainer vorgeschlagen worden (für meine Theorie und Strategie des Wandels, siehe ebenda und Sarkar 2013).

    Hopkins sagt, er schlägt (mit Transition) einen anderen Weg ein, einen geschickteren. Jeder Linke wünscht ihm viel Erfolg dabei. Hopkins und Trainer, beide sollten ruhig sagen, dass bis heute keine idealen Wege gefunden worden sind, die bei ihren Bemühungen, ihr jeweiliges Ziel zu erreichen, den Erfolg garantieren. Was Trainer und seine Geistesgenossen, zu denen ich auch ungefähr gehöre, ruhig sagen können, ist, dass der Weg, welchen wir auch immer einschlagen mögen, zweifellos voller Schwierigkeiten und Schmerzen sein wird. Denn auf den Komfort und Luxus zu verzichten, die gewöhnlich aus Wirtschaftswachstum resultieren, wäre zweifellos schmerzhaft für Menschen, die bis jetzt all das genossen haben. Manchmal stellen sich Leute vor, es sei einfach, unsere Unterstützung für das System zurückzuziehen (Hopkins) oder einfach daraus auszutreten (Trainer). Aber eigentlich ist das die schwierigste Sache. Denn seit über zweihundert Jahren sind wir immer mehr davon abhängig geworden. Es ist auch gar nicht so leicht für Aktivisten, ganze Siedlungen einer neuen Art zu entwerfen (Trainer) oder kollektive Kontrolle unserer Stadt zu übernehmen (Trainer).

    Es hat sich jedoch in der Geschichte der Menschheit gezeigt, dass wir Menschen auch die Eigenschaft haben, von Idealen und Werten inspiriert werden zu können. Wenn Transition es schafft, Menschen mit ihren geschickten Methoden für ihre Ziele zu begeistern – Ziele, die zwar unserer Meinung nach nicht genug sind, die aber dennoch unsere Unterstützung verdienen – ,wenn sie normalen Menschen Zuversicht (ein Können-wir-Gefühl) einflößen kann, dann dürfen wir "Radikale“ auch hoffen, dass unsere weitergehenden Ziele, unsere überlegene Ideale und Werte eines Tages Unterstützung, zumindest Akzeptanz, unter den breiten Massen finden werden, obwohl sie dafür wohl nicht „randalieren“ werden. Es gibt tausend Gründe, pessimistisch zu sein. Aber wir sind noch nicht tot. Also versuchen wir es weiter!

Literatur
Hopkins, Rob (2014a) “Responding to Ted Trainer: there's a lot more to Transition than community gardens”:

www.transitionnetwork.org/blogs/rob-hopkins/2014-09/responding-ted-trainer-theres-lot-more-transition-community-gardens

Hopkins, Rob & Katrin Lange (2014b) “Wir wollen das Wirtschaftssystem verändern” (Interview), in Evident (Magazin: eine Beilage zur Süddeutschen Zeitung), Nr. 1/2014.

Sarkar, Saral (2001) Die nachhaltige Gesellschaft – Eine kritische Analyse der Systemalternativen. Zürich: Rotpunktverlag.

Sarkar, Saral (2013) Korrespondenz mit Kamran Nayeri:

https://groups.google.com/forum/#!searchin/thesimplerway/Letter$20to$20Kamran%7Csort:relevance/thesimplerway/kiIWzW7uu2U/NUTvILJPtsQJ

Trainer, Ted (2014)Transition Townspeople, We Need To Think About Transition: Just Doing Stuff Is Far From Enough!”:

http://blog.postwachstum.de/transition-townspeople-we-need-to-think-about-transition-just-doing-stuff-is-far-from-enough-20140801

Weizsäcker, Ernst Ulrich von (1992) Erdpolitik. Ökologische Realpolitik an der Schwelle zum Jahrhundert der Umwelt. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft