Mittwoch, 27. August 2014

Gedanken über Belastbarkeit einer Gesellschaft und Systemübergang


Meine Kenntnisse über die Transition Town Movement (TTM) waren bis jetzt dürftig. Ich bin also Esther Alloun und Samuel Alexander sehr dafür dankbar, dass sie uns so viel Information über das Thema geliefert haben und auch dafür, dass sie auf die Aspekte hingewiesen haben, die sympathische Kritik erfordern. Hier ist der Link:

http://simplicityinstitute.org/wp-content/uploads/2011/04/TransitionMovement.pdf

    In den 1980er Jahren wurde es mir von der Universität der Vereinten Nationen (Tokio) ermöglicht, eine partizipierende Forschungsstudie über die damals noch neuen sozialen Bewegungen (NSM) in der Bundesrepublik Deutschland zu machen – einschließlich einer über den Ursprung, Entwicklung und "Ende" Der Grünen (Partei).* Ich denke, es könnte für alle politischen AktivistInnen nützlich sein zu hören, welche Gedanken mir – 30 Jahre späterwährend und nach der Lektüre des soliden Papiers von Esther und Samuel durch den Kopf gingen.

    Ich will nicht über die Punkte reden, bei denen ich mit Esther und Samuel übereinstimme. Im Folgenden gehe ich auf einige andere Punkte ein, nur auf solche, die die Autoren nicht in ihrem Papier behandelt haben, die ich aber für die Entwicklung einer Strategie für die von uns gewünschten Veränderungen als wichtig erachte. Sie beruhen auf meinen Studien sowie auf meinen Erfahrungen in Indien und Deutschland – sowohl als Aktivist als auch als Teilnehmer an relevanten Diskussionen.

Probleme mit dem Ziel

    1. Diskussionen über Strategie setzen voraus, dass die TeilnehmerInnen zumindest grob einig über die Ziele sind, die mit der Strategie erreicht werden sollen.

     Das Ziel der TTM ist es, die Gesellschaft belastbar gegen die Schocks zu machen, die uns bevorstehen und die teilweise schon im Gange sind. Spezifisch erwähnt werden das Peak Oil, der globale Klimawandel und die globale Finanz-und Wirtschaftskrise. Viele andere, weniger wichtige Themen werden auch erwähnt: Lokalisierung, soziale Gerechtigkeit, Solidarität, Einbeziehung von verschiedenen sozialen Schichten etc. Sie sind sowohl Ziele als auch Mittel zur Erreichung des Hauptziels. Das Papier von Esther & Sam zeigt, wie problematisch der Belastbarkeitsdiskurs ist. Die TTM will die Gesellschaft belastbar machen, damit sie nicht völlig zusammenbricht. Das Ziel ist nicht, das gegenwärtige Gesellschaftssystem zu verändern, das nicht nur die von der TTM anvisierten schockartigen Probleme verursacht hat, sondern auch völlig ungeeignet ist für den Zweck. Es ist darüber hinaus ein völlig ungerechtes System. Das ist zu wenig und zu schlecht. Ich behaupte, dass nichts weniger als ein grundlegend neues Gesellschaftssystem das bestehende ersetzen muss, damit die Menschheit die fraglichen Schocks erfolgreich überstehen kann.

    Das bedeutet, kurz gesagt, Bewegungen wie die TTM sollten ein größeres Ziel verfolgen, dasabgesehen davon, dass es groß und zweckmäßig ist – auch notwendig ist, um Menschen anzuziehen und sie zu inspirieren, sich der Bewegung anzuschließen. Wir brauchen uns dafür nicht eine perfekt-ideale Gesellschaft als Ziel zu setzen. Ein Ideal wird wohl immer ein Ideal bleiben. Aber eine akzeptabel gute und friedliche Weltgesellschaft ist möglich und kann daher unser Ziel sein. (Diese Behauptung erfordert natürlich Ausarbeitung und ausführliche Diskussion.) Sehr wichtig ist hier der Begriff Weltgesellschaft. Einen kleinen Ort oder sogar ein Land (England, Deutschland oder Italien) belastbar und seine Gesellschaft gut und friedlich zu machen und die anderen zu vergessen, wäre kein großes Ziel, sondern ein selbstsüchtiges – einer großen sozialen Bewegung unwürdig. Zudem würden Bemühungen, so ein begrenztes Ziel zu erreichen, auch vergeblich sein. Die Verdammten der Welt stürmen bei ihrer Suche nach einem sicheren Hafen bereits die Tore dieser und ähnlicher Länder. Neo-Nazis und fremdenfeindliche rechte/reaktionäre Parteien sind bereits auf dem Vormarsch in solchen Ländern.

    Trotz dieser Kritik lobe ich die TTM. Sie ist besser als die NSM im Deutschland der 1980er Jahre. Die Letztere war eigentlich ein Konglomerat von mehreren Ein-Punkt-Bewegungen und Kampagnen. Eine davon, die Ökologiebewegung, war auch nur ein Konglomerat von verschiedenen und getrennten Ein-Punkt-Bewegungen bzw. Kampagnen: die Anti-Atomkraft-Bewegung, die Bewegung gegen Waldsterben, Bemühungen für eine bessere Luftqualität, Bemühungen für den Schutz bedrohter Tierarten usw. Im Vergleich zu diesen hat die TTM ein breiteres Spektrum von Zielen. Das ist schon ein Fortschritt. Andererseits ist die TTM schlechter als die NSM, denn sie scheint die Themen Konsum und Wirtschaftswachstum zu meiden, die die meisten AktivistInnen der NSM (insbesondere die der Ökologie-Bewegung als Ganzes) für sehr wichtig hielten. Aber das war vor der Mitte der 1980er Jahre, als die Opportunisten in den Grünen und in der NSM von der Möglichkeit der Ökologisierung der Industriegesellschaft – mithin des Kapitalismus – zu reden begannen.

     In den Grünen hatte eine große Anzahl von Linken (einschließlich Kommunisten) mit verschiedenen Hintergründen versucht, ökologische Ziele mit ihren gesellschaftlichen Zielen zu verbinden. Ihre langfristige Vision war eine Art ökosozialistische Gesellschaft (der Begriff wurde auch manchmal verwendet). Aber sie wurden nach einigen Jahren von der opportunistischen Mehrheit, die die Partei unbedingt zu einer Regierungspartei machen wollte, aus der Partei verdrängt.

    2. Eine andere Sache, die wir uns im Kontext der Ziel-Frage merken müssen, ist dies: Die größte Schwierigkeit, die Massen für eine genuine Ökologiebewegung zu gewinnen, ist ihr Ziel selbst. Die Ökologiebewegung ist die einzige soziale Bewegung, die verspricht, falls erfolgreich, den Lebensstandard von allen zu senken. Sie verspricht auch Einschränkung von verschiedenen Freiheiten: zum Beispiel, die Reisefreiheit, die Freiheit, Luxusgüter und von weit her importierte Güter zu konsumieren (z.B. Ananas in Norwegen zu essen), die Freiheit, eine eigene Zeitung herauszugeben (Papier wird ein knappes Gut sein) und, allgemein gesprochen, alle Freiheiten, die einen hohen Grad an Ressourcenverbrauch erfordern.

    Alle anderen sozialen Bewegungen, die davon ausgehen, dass sich das Wirtschaftswachstum fortsetzen wird, versprechen das Gegenteil, nämlich eine Verbesserung in beider Hinsicht. In der Tat, solange die Wirtschaft wächst, können regelmäßige höhere Lohnforderungen der Arbeiterbewegung erfüllt werden. Auch ihre sonstigen Forderungen (z.B. Arbeitszeitverkürzung) können mehr oder weniger leicht erfüllt werden. Wünschen der Bürgerrechtsbewegung können stattgegeben werden, Frauen dürfen dann mehr Rechte genießen, Homosexuelle dürfen heiraten, Einwanderern können langfristige Aufenthaltsgenehmigungen gewährt werden usw. usf. Aber die Ökologiebewegung stellt sich dem Wirtschaftswachstum entgegen. Was für Ottonormalverbraucher noch schlimmer ist, sie tritt für Wirtschaftsschrumpfung ein, für de-growth. Obwohl Millionen von Menschen um die schwere ökologische Krise wissen, hat niemand je für Austeritätsmaßnahmen randaliert, wie Esther und Sam schreiben. Ganz im Gegenteil. Das ist auch der Grund dafür, dass die Gewerkschaften Gegner Der Grünen in deren frühen Jahren waren. Das erklärt auch, dass die weniger entwickelten Länder, insbesondere China und Indien, sich vehement weigern, eine Verpflichtung einzugehen, ihre CO2-Emission zu reduzieren.

    3. Selbstverständlich kann diese Schwierigkeit dadurch überwunden werden, dass man Illusionen von technologischer Lösung ökologischer Probleme (z.B. durch erneuerbare Energien/Ressourcen) und, darauf basiert, Illusionen von nachhaltiger Entwicklung, grünem Wachstum, grünem Kapitalismus etc. verbreitet. Aber wahre Öko-AktivistInnen sind nicht (sollten nicht) daran interessiert (sein), ephemere Gewinne an öffentlicher Unterstützung auf der Basis solcher Illusionen zu erzielen. Sie müssen die ökologische Wahrheit sagen. Was können sie also bieten, um mehr Unterstützung von durchschnittlichen Menschen zu bekommen? Sie können die Aussicht auf eine friedliche, egalitäre, ausbeutungs- und unterdrückungsfreie Welt als Ausgleich für einen niedrigeren Lebensstandard bieten. Sie können bieten, dass in ihrer guten Gesellschaft niemand unfreiwillig arbeitslos sein wird, dass niemand aus keinem Grund benachteiligt sein wird, dass niemand von der Polizei gefoltert werden wird. Das sind auch materielle Dinge. Jede, die Arbeitslosigkeit oder materielle Unsicherheit erlitten hat, jede, die mitten in einem Krieg oder Bürgerkrieg gelebt hat, jede, die die Bedrohung erlebt hat, aus ihrer Wohnung geworfen zu werden oder nicht in der Lage war, Prämien für eine Krankenversicherung zu zahlen, versteht den Wert dieser Sicherheitsgarantien. In einer solchen Gesellschaft werden sie sich auch freier fühlen, Kritik an der Regierungspolitik zu äußern. Natürlich werden Unternehmer-Typen von Menschen, diejenigen, die etwas produzieren und verkaufen, irgendetwas, oder mit Aktien und Währungen spekulieren, um reich zu werden, werden nicht von dieser Vision angezogen sein. Wir müssen sie halt ignorieren. Sie werden auch im gegenwärtigen System von normalen Menschen kritisiert.

    Ich bin davon überzeugt, dass, um die Ziele der wahren Ökologen erreichen zu können, der Kapitalismus überwunden und eine ökosozialistische Gesellschaft aufgebaut werden müssen. (Für Details meiner Argumentation siehe mein Buch Die nachhaltige Gesellschaft) **

    4. Ein sehr wichtiger Punkt, den ich im Programm der TTM (wie von E & S zusammengefasst) sowie in der Kritik davon vermisse, ist das Bevölkerungsproblem. In Europa und anderen reichen Ländern des Nordens (einschließlich Japan und Australien), ist es ein allgemeiner blinder Fleck bei Diskussionen über die Ökologiekrisen und Fragen der Armut. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Zum einen gibt es das Problem in diesen Ländern nicht mehr. Und zweitens haben die politischen AktivistInnen dieser Länder Angst, es zu erwähnen Denn die Menschen in den weniger entwickelten Ländern, wo die Bevölkerung immer noch wächst und wo zumal die meisten Menschen schwarz und braun sind, werden bei Erwähnung dieses Problems wütend. Schließlich genießen ja die Öko-AktivistInnen des Nordens, die allermeisten von ihnen jedenfalls, ihren hohen Lebensstandard ohne Bedenken. Und sie tun ja auch nicht ihr Bestes. den Planeten zu retten. Aber kein Programm für die Rettung des Planeten ist überzeugend, wenn nicht auch das Bevölkerungsproblem angesprochen wird.

Probleme mit der Strategie

    5. Ich teile die Meinung der TTM, dass derzeit nicht viel von den Staaten und den regierenden Politikern zu erwarten ist. Letztere haben hauptsächlich ihre Karriere im Sinn. Derzeit wird in einer Demokratie, wie wir sie bei uns haben, jede Politikerin abgewählt, wenn sie es wagt, von der Notwendigkeit eines Wachstumstops zu reden, erst recht, wenn sie für Wirtschaftsschrumpfung plädiert. Auch diejenigen, die nicht an der Macht sind, wollen wiedergewählt werden. Politik ist halt ihr Beruf. Das heißt, auch sie werden nicht gegen Wirtschaftswachstum kämpfen. Die einfache Wahrheit ist, dass die große Mehrheit der Wähler nicht besser sind als die Politiker. Und ein Volk bekommt die PolitikerInnen, die es verdient. Aber einige Leute müssen dies tun, d.h. die ökologische Wahrheit sagen. Man mag es ihnen übel nehmen, dass sie sich als die Avantgarde vorstellen. Aber nichts wird passieren, wenn nicht eine Avantgarde die Initiative ergreift.

    Damit sie wirklich frei bleiben, die ökologische Wahrheit zu sagen, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit, müssen solche Menschen frei sein von der Versuchung und/oder Notwendigkeit, sich ihre Projekte von etablierten Stiftungen oder Behörden finanzieren zu lassen,. Die ökologische Wahrheit und die logischen und zwingenden Vorschläge zur Lösung der Probleme müssen weit verbreitet werden, so dass in ein paar Jahren ihre intellektuelle und publizistische Hegemonie im Sinne Gramscis erreicht werden kann (Gramsci sprach von kultureller Hegemonie). Die AktivistInnen der TTM scheinen das nicht zu tun, zumindest nicht im Moment. Sie sind Opfer von einigen Illusionen, die sie selbst verbreiten. Ich denke, je mehr sich die Krisen verschärfen, desto möglicher/wahrscheinlicher wird die Hegemonie unserer Analyse und Lösungsvorschläge.

    Wenn die intellektuelle und publizistische Hegemonie erreicht worden ist, wird sie sich etwa in Sätzen wie diesem manifestieren: Ja, Sie haben recht mit Ihren ökologischen Wahrheiten, aber was kann ich tun? Ich bin ja nur ein kleiner Mensch. Wir können dann hoffen, dass die Wähler solche PolitikerInnen wählen (oder keine abwählen) würden, die Meinungen äußern, die wahre Ökologen vertreten. Später werden wir wohl Grund zur Hoffnung haben, dass, egal welche PolitikerInnen und welche Parteien an die Macht kommen, die parlamentarische Mehrheit sich nicht davor scheuen würde, Gesetze im Sinne ökologischer Nachhaltigkeit zu verabschieden. Diese Hoffnung kann mit der heutigen Situation verglichen werden: Egal, welche PolitikerInnen und welche Parteien ein Land regieren, die Regierung verfolgt eine Politik der neoliberalen kapitalistischen Globalisierung, weil diese Politik in den frühen 1990er Jahren die Hegemonie über das ökonomische Denken gewonnen hat und, trotz vielfältiger Krise, kein bisschen schwächer geworden ist.

     Das sind Ideen für die Übergangszeit. All dies kann zu lange dauern, in welchem Fall der Kollaps nicht verhindert werden kann. Aber eine bewaffnete Revolution ist nicht mehr möglich, da die gut bezahlten und gut bewaffneten Berufssoldaten und Polizisten der herrschenden Klassen (auch die von fremden Mächten) bereit sind, wenn befohlen, Revolutionäre und gewöhnliche Aufständische zu töten. Der kommende Kollaps wird wahrscheinlich zu einer Art Diktatur führen, wahrscheinlich zu einer der Faschisten und Reaktionären. Sie werden versuchen, die Probleme auf ihrem eigenen Weg und mit ihren eigenen Methoden anzugehen, und sie werden sich dabei nicht um den Zustand des Planeten, das Wohlergehen der künftigen Generationen etc. kümmern.

    6. Im Gegensatz zu meiner Top-down-Strategie, – nämlich, zuerst die intellektuelle und publizistische Hegemonie erreichen, die hoffentlich dazu führen wird, dass eine wachsende Zahl von Abgeordneten der Regierungsparteien, unsere Analyse und Ideen akzeptieren – gibt es auch Bottom-up-Strategien für den Wandel. Die Strategie der TTM für den Aufbau von Belastbarkeit auf lokaler Ebene ist ein konkretes Beispiel davon. Aber TTMs Ziel ist es nicht, einen Systemwandel zu bewirken. Darum wird es leicht sein, sie zu kooptieren (wenn das nicht schon geschehen ist). In der Tat können alle reformistischen Bewegungen für diese oder jene Veränderung kooptiert werden. Die Geschichte ist voll von Beispielen für diesen Prozess. In Deutschland sind heute sowohl die Reste der NSM (die großen Umweltverbände) als auch die Partei Die Grünen Partner der herrschenden Klassen und Stützen ihres Systems.

    In den 1980er Jahren gründeten in Deutschland revolutionäre junge Menschen mehrere Kommunensowohl in ländlichen als auch in urbanen Gebieten. Sie lebten und arbeiteten dort zusammen (in den studentischen Kommunen waren jedoch Theorien diskutieren und psychische Probleme analysieren die Haupttätigkeit). Die Idee war, die kommunistische Gesellschaft der Zukunft in Kleinem vorwegzunehmen oder zumindest auszuprobieren. Das war also, anders als die Ein-Punkt-Bewegungen von damals, ein großes Ziel. Aber die große Mehrheit von ihnen scheiterten schon bald. Die meisten von ihnen waren auch keine Beispiele einer selbstständigen, selbstorganisierenden wirtschaftlichen Basiseinheit. Sie waren alle gut in einem reichen Wohlfahrtsstaat eingebettet. Viele der Kommunenmitglieder erhielten Transferleistungen vom Staat. Solche Gründungen waren also keine Antwort auf eine Notlage bzw. Herausforderung. Was ich damit sagen möchte, ist, dass es wenig Sinn macht, sie als eine erfolgversprechende Strategie für unsere heutige politische Arbeit zu betrachten.

    Ted Trainers kleine, großteils selbstversorgende, selbstorganisierende, anarchistische (radikaldemokratische) Gemeinschaften müssen aber selbständig, d.h. finanziell vom Staat oder anderen Organisationen unabhängig, sein. Denn Ted stellt sie sich als aufkommende positive Reaktionen auf den (drohenden) Zusammenbruch des Staates vor. Es scheint mir, dass Ted denkt, der Kollapse sei unvermeidlich. Ich würde lieber noch versuchen, ihn durch meine Strategie zu verhindern. Aber es ist wahr, die Menschheit hat nicht mehr viel Zeit für die Rettungsarbeit. Deshalb ist es vernünftig, sich an beiden Enden gleichzeitig zu engagieren, an der Oberseite als auch an der Unterseite.

    Zumindest in der Gegenwart und in der nahen Zukunft wird keine Gemeinschaft wirklich selbstversorgend sein können. Wir leben nicht in den Amazonas-Dschungel und möchten auch nicht dort leben. Alle Gemeinschaften müssen die Dinge, die sie nicht selbst produzieren können, importieren, selbst ganz einfache Dinge wie Salz oder Stein,. Darum muss irgendeine Art Warentausch zwischen mehr oder weniger fernen Orten stattfinden. Dann muss auch ein Staat oder eine staatsähnliche Organisation da sein, um den Tausch zu regulieren und für Ordnung zu sorgen. Es wäre gut, wenn diese Organisation eine sozialistische wäre. Denn, wenn der Zusammenbruch geschehen ist, wird es notwendig sein, alles Knappe zu teilen, was zur Verfügung steht. Deshalb wäre es gut, schon in der Gegenwart eine öko-sozialistische Perspektive zu fördern und egalitäres Denken zu stärken. Diese sind zudem inspirierende Ideen, wie wir aus der Geschichte wissen. Wir sollten uns auf den Kollaps und nachfolgende Aktionen vorbereiten. Wir müssen schon fertig sein mit einer überzeugenden Perspektive und einem Aktivitäten-Plan, wenn der Kollaps da ist.

    7. Ein letzter Punkt: Können Individuen als Individuen etwas tun? Das heißt, können sie etwas zur Rettung des Planeten beitragen? Und dazu, die menschliche Gesellschaft dadurch etwas besser und friedlicher zu machen? Es wurde oft gesagt, dass Konsumverzicht ein wirksames Mittel zur Erreichung unseres Zieles ist, wenn Millionen das tun. Der große Vorteil dieser Strategie ist, dass, eine Person ihren Konsum reduzieren kann, ohne dass dafür ein Gesetz verabschiedet werden muss. Und sie braucht dazu auch kein Geld von den Eltern oder Großspendern, ohne das Bottom-up-Projekte wie Landkommunen, Öko-Dörfer usw. nicht beginnen können. Viele sensible Öko-Freunde praktizieren schon diese Konsumverzichtsstrategie. Sie kann auch eine Einfacher-Lifestyle-Strategie bezeichnet werden.

    Allerdings gibt es auch Grenzen dessen, was sogar eine entschlossene Konsumverzichterin tun kann. Von den Zwängen, die uns die heutige kapitalistische Industriegesellschaft auferlegt, gibt es viele. Zum Beispiel muss man heute einen PC mit Internet-Verbindung haben, um überhaupt in der Lage zu sein, mit Verwandten, Freunden und Genossen zu kommunizieren. Selbst die gute alte Telefonie fügt der Umwelt jede Menge Schaden zu. Und eine Person, die in einem Dorf lebt, muss ein Auto haben. Zwei Bereiche, in denen eine Person mehr Spielraum hat, sind Nahrung und Kleidung. Aber, beispielsweise, auf Fleisch zu verzichten, ist für eine Westlerin sehr schwierig, und auf zuckerige Snacks zu verzichten, ist sehr schwierig für eine Bengalin. Schließlich wäre es keine glückliche Welt, wenn Menschen selbst bei einer so elementaren Sache des Lebens wie Essen unglücklich sind. Das ist alles richtig. Dennoch kann es nicht bestritten werden, dass eine weitweite Konsumverweigerungsbewegung eine gewisse Wirkung auf Politik und Wirtschaft haben würde. Öko-AktivistInnen müssen jedoch davon absehen, Freunde und Verwandte wegen ihrer Ökosünden zu nörgeln. Das ist der sicherste Weg, Sympathisanten zu verlieren. Lass jede tun, was sie kann, und hoffen, dass andere ihrem Beispiel nacheifern.


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*Green-Alternative Politics in West Germany:

Vol.1. The New Social Movements

Vol.2. The Greens

Beide Bände veröffentlicht von The United Nations University Press, Tokyo, 1993 & 1994.

**Die nachhaltige Gesellschaft – eine kritische Analyse der Systemalternativen. Zürich, Rotpunktverlag. (vergriffen; beim Autor sind noch einige Exemplare erhältlich. Auch als book on demand erhältlich bei SVH-Verlag, Saarbrücken).

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