Sonntag, 2. November 2014

Noch einmal über Transition -- Kritische Gedanken über eine Debatte über Ziel und Strategie


Vor einiger Zeit hatte ich in diesem Blog einen Artikel mit dem Titel "Gedanken über Belastbarkeit einer Gesellschaft und Systemübergang" gepostet (27. August 2014). Neulich las ich im Internet eine Debatte über das gleiche Thema, die aus zwei Artikeln bestand: Ted Trainer (2014) veröffentlichte eine sympathische Kritik an der Transition Town Movement (im Folgenden einfach als Transition bezeichnet, kursiv und T groß geschrieben). Bald darauf veröffentlichte Rob Hopkins (2014a), die prominenteste Person in dieser Bewegung, eine Replik und Verteidigung von Transition. Zusätzlich zu dem, was ich im oben genannten Blog-Post schrieb (was ich hier nicht wiederholen werde), möchte ich einige Gedanken zu dieser Debatte äußern – in der Hoffnung, einige Fragen klären zu helfen. Da Ted und ich uns weitgehend über die zur Debatte stehenden Fragen einig sind, konzentriere ich mich hier auf die Erwiderung von Hopkins. (Alle Betonungen mit Kursivdruck sind von mir.)

    Wenn Leser von und Teilnehmer an dieser Diskussion Fortschritte bei der Suche nach der richtigen Strategie für den Übergang zu einer (allgemein gesprochen) besseren Welt machen wollen, dann ist es notwendig, zunächst Fehler in unserem Verständnis der gegenwärtigen Weltlage zu korrigieren, Widersprüche in unseren eigenen Positionen aufzuheben und, im Allgemeinen, Klarheit über die debattierten Fragen zu schaffen. Wenn wir uns am Ende immer noch nicht einig sind, dann wissen wir zumindest, bei genau welchen Punkten wir uns nicht einig sind. Das wäre auch etwas Fortschritt bei der Diskussion.

Unterschiedliche Ziele

Wenn zwei oder mehr Personen an einer Strategiediskussion teilnehmen, dann muss man logischerweise annehmen, dass sie ein gemeinsames Ziel verfolgen. Denn es ist sinnlos, eine gemeinsame Strategie für unterschiedliche Ziele zu suchen.

    Es ist klar, dass Hopkins und Trainer im Grunde unterschiedliche langfristige Ziele verfolgen. Das ist auch der Grund, warum sie sich nicht über die Strategiefrage einigen können. (Das schließt aber nicht aus, dass sie Differenzen bei der Strategiefrage hätten, wenn sie ein völlig gemeinsames Ziel verfolgten.) Das, was nach Trainer getan werden muss, wenn eine "nachhaltige und gerechte Welt erreicht werden soll", hat mehrere Elemente: der "Ressourcen[verbrauch] der reichen Länder und dessen ökologische Auswirkungsraten" müssen „um so etwas wie 90% gesenkt werden"; die Idee einer "Wachstumswirtschaft muss fallen gelassen werden“; „das BIP muss auf einen kleinen Bruchteil der derzeitigen Werte reduziert werden"; "Marktkräfte [d.h. der Kapitalismus] müssen davon abgehalten werden, über unser Schicksal zu bestimmen", etc.

    Dies sind die wichtigsten Punkte in Trainers Paket von langfristigen Zielen. Hopkins sagt nicht, all das sei totaler Unsinn. Er findet sogar die meisten Argumente von Trainer "ganz vernünftig". "Aber", schreibt er, "es gibt keine Chance, dass all das geschehen wird, wenn wir nicht schon die verschiedenen Modelle präsentiert haben, die in der Lage sind, die Dinge zu liefern, die wir brauchen: Schulen, Jobs, Wohnungen usw." Hopkins schreibt auch: "Die Ambition von Transition geht dahin, sich wieder lokale Wirtschaften vorzustellen, ihren Fokus zu verlagern, modelhaft zu zeigen, wie das die Ambitionen bezüglich öffentlicher Gesundheitsversorgung besser verwirklichen kann als das derzeitige Konzept, wie das mehr und bessere sinnvolle Lebensgrundlagen schaffen kann, gesündere Gemeinschaften schaffen kann, sicherere Investitionen schafft, die eine soziale Rendite“ anbieten". In alten Zeiten hießen all das Entwicklung. Seit Mitte der 1980er Jahre werden sie nachhaltige Entwicklung genannt. Hopkins fügt jetzt hinzu, sie müssen von der Gemeinschaft geführt werden.

    Die Wörter "wenn nicht“ mag den Eindruck erwecken, dass Hopkins und Transition könnten weiter gehen, nachdem sie diese kurzfristigen Ziele erreicht haben, und dann kämen sie näher daran, Trainers langfristige Ziele zu teilen. An einer Stelle schreibt Hopkins sogar etwas Ähnliches: Er kritisiert Trainer für seine Annahme, "dass Bewegungen wie Transition [Trainer erwähnt auch die Ökodorf- und Permakulturbewegung] nicht an tiefe Systemveränderung dächten". Aber er enttäuscht uns. Denn er schreibt unter Bezugnahme auf seine im vorigen Absatz zitierten Ziele: "Wir sind noch nicht da, aber das ist, wohin wir gehen wollen." Das Wort "Ambition" und der Satz "das ist, wohin wir gehen wollen" klingen nach einem Endziel. Sie vermitteln den Eindruck, dass Hopkins und Transition Trainers langfristiges Ziel –das heutige Wirtschaftssystem und die Marktkräfte abzuschaffen – nicht teilen. Sie wollen nur den Fokus verlagern, die Dinge "besser", "gesünder" und "sicherer" machen, als sie heute sind. Sie wollen „mehr“ sinnvolle Lebensgrundlagen (sprich Jobs!) schaffen. Das ist natürlich viel mehr als Gemeinschaftsgärten, aber es ist nicht klar, inwiefern sie etwas anderes sind als "nachhaltige Entwicklung" der 1980er Jahre. Nur eines ist klar; sie wollen ganz bestimmt die wirtschaftliche Globalisierung überwinden, sie wollen die Wirtschaft so lokal machen wie möglich.

    Hopkins weiß, "dass wir in einer Welt mit vielen Grenzen [limits] leben", er weiß auch um den Wachstumszwang des Kapitalismus. Aber ich habe bei ihm  keine eindeutige Aussage gefunden, die besagt, dass in den reichen Ländern Ressourcenverbrauch um 90% reduziert werden muss. Er denkt an Investitionen und soziale Rendite. In einem Interview, das er einer deutschen Zeitschrift gab, sagt Hopkins (2014B):“… Wir haben ein Forum für kommunales Unternehmertum ins Leben gerufen, in dem sich Menschen mit nachhaltigen Geschäftsideen mit möglichen Investoren und Förderern treffen können.“ Er sagt in demselben Interview weiter: „…Aber wie groß muss ein Unternehmen nun wirklich sein, damit es seinen Mitarbeitern den Lebensunterhalt sichern und gleichzeitig Gewinne für weitere kommunale Projekte erwirtschaften kann? Ich glaube nicht, dass wir dafür Exportmärkte in China erschließen müssen oder überall auf der Welt Franchise-Firmen gründen müssen"

    Von all dem hat man den Eindruck, dass Hopkins und Transition, obwohl sie viele Dinge verändert sehen möchten, das Gesellschaftssystem nicht verändern wollen. Aber Trainer strebt danach. Er denkt, nicht nur der Kapitalismus, sondern auch die Industriegesellschaft muss beseitigt werden, um die Biosphäre zu retten und eine nachhaltige und gerechte menschliche Gesellschaft zu schaffen. Diese Perspektive ist für die meisten Menschen nicht nur pessimistisch, sondern auch furchterregend, insbesondere für die Mittelschicht der reichen Industrieländer. Inzwischen ist sie auch für die Mittelschicht von China, Indien, Brasilien usw. furchterregend. Kein Wunder, dass Ernst Ulrich von Weizsäcker 1992 in seiner Übergangsperspektive schrieb:

„Europäern, Amerikanern und Japanern zu empfehlen, sich in Sack und Asche zu kleiden und auf Wohlstand und Fortschritt zu verzichten, ist eine zum Scheitern verurteilte Strategie. Also sollte die neue Wirtschaftsweise den Charakter eines neuen Wohlstandsmodells haben, um politisch durchsetzbar zu sein.“ (1992: 14)

    Die Veränderungen, die Hopkins herbeiführen will, sind auch seit den frühen 1980er Jahren von früheren Generationen von Grünen und AktivistInnen der sozialen Bewegungen gewünscht und angestrebt worden. Für ihre Perspektive wählten sie Bezeichnungen wie "Umstrukturierung der Industriegesellschaft", "nachhaltige Entwicklung", "nachhaltiges Wachstum", "grünes Wachstum" und "grüner Kapitalismus".

    Die langfristigen Ziele von Trainer und Hopkins sind also eindeutig unterschiedlich, obwohl Trainer Transition unterstützt, deren erklärte Ziele und Aktivitäten er aber falsch interpretiert, als nur unmittelbare, und sie darum für ungenügend hält. Ich habe das Gefühl, dass Hopkins und Transition nicht weiter gehen wollen, weil sie Angst haben, auch nur weiter zu denken, nämlich an radikalen Systemwandel. Schließlich gehört die Mehrheit von ihnen, wie Hopkins (2014B) selbst festgestellt hat, der Mittelschicht von Europa und Nordamerika, wo die Bewegung sehr beliebt ist. Sie hätten viel zu verlieren, viel mehr als der durchschnittliche Mittelschichts-Afrikaner oder -Inder, wenn das gegenwärtige Gesellschaftssystem beseitigt werden sollte. Darum lieben es ihre Denker – abgesehen von einigen wenigen ehrenwerten Ausnahmen wie Trainer – die Illusion zu hegen, alle Probleme können durch weitere technologische Entwicklungen gelöst werden, etwa durch Solar- und Windenergie, Kohlenstoffabscheidung und -speicherung, Steigerung der Ressourceneffizienz usw. Hopkins (2014B) findet das Energiewende-Programm Deutschlands "inspirierend." Er denkt, Solarenergie, Windenergie und lokale Energiekombinate machen die großen Energiekonzerne überflüssig. Die bestehende Skepsis gegenüber erneuerbaren Energien, die Trainer teilt, ist ihm offenbar unbekannt. Ganz bestimmt unbekannt sind ihm Zweifel an der Lebensfähigkeit von Solarenergietechnologien, insbesondere in den Schlechtwetter-Ländern wie Großbritannien. Es mag ihm auch unbekannt sein, dass auch James Lovelock (Vater der Gaia-Hypothese) nicht von Windenergie begeistert war und unterstützte daher die Kernenergie.

    Es gibt auch einen qualitativen Unterschied zwischen den jeweiligen Perspektiven von Trainer und Hopkins. Die lokalen und kleinen Wirtschaften der Graswurzel-Gemeinschaften Trainers würden in weiser Voraussicht entstehen, oder als Folge einer großen Krise oder gar eines Zusammenbruchs der kapitalistisch-industriellen Wirtschaften. Sie würden in einer anarchistisch- sozialistischen Art und Weise geplant und verwaltet werden. Hopkins möchte Wirtschaftsbetriebe lieber in Gemeinschaftsbesitz übertragen. Aber für seine "boomenden, neuen, sozialen Unternehmen", akzeptiert er den Kapitalismus (Investoren, Gewinne), wenn auch einen von Globalisierung befreiten. Obwohl er sagt, dass er sich des dem Kapitalismus innewohnenden Wachstumsimperativs bewusst ist, denkt er naiv, die Investoren, die in lokale Unternehmen investieren würden, wären mit den mageren Gewinnen zufrieden, die die letzteren erwirtschaften könnten. Jeder mit etwas Geschichtskenntnis weiß, dass das Wirtschaftssystem unmittelbar vor dem Beginn des Kapitalismus vorwiegend lokal, klein angelegt und in der Gesellschaft eingebettet war. Aber mit dem Kapitalismus kam sein Wachstumsimperativ. Der monströse globalisierte Kapitalismus, den wir heute sehen, ist das Ergebnis seiner inhärenten Wachstumsdynamik. Ein modernes Beispiel zu geben, begannen die Solarstrombranche und -bewegung mit der Konzeption einer lokalen, d.h. dezentralen, Solarstromerzeugung auf Häuserdächern für den lokalen Verbrauch. Heute sehen wir Projekte wie den Desertec (riesige Solarkraftwerke in der Sahara, die, wenn fertig, 15% des gesamten europäischen Strombedarfs decken soll) und den Wettbewerb zwischen europäischen und chinesischen Solarpanel-Produzenten um größere Anteile des Weltmarktes.

    Schließlich schreibt Hopkins auch Sätze, die den Leser verwirren. Es scheint manchmal, als ob er und Transition überhaupt kein klares Ziel verfolgen. Eines seiner Bücher ist betitelt The Power of Just Doing Stuff  (etwa: Die Macht von Einfach-etwas-tun). Darin zitiert er eine Teilnehmerin an Transition mit den Worten: "Ich fühlte, ... dass es in meiner Stadt ... Leute gab, die das Bedürfnis hatten, etwas zu verändern, genau wie ich. Ich dachte, das war erstaunlich. ... Ich dachte, 'das ist es, wir können etwas tun. Wir können tatsächlich etwas verändern.' " Das Wort "etwas" lässt mich denken, irgendetwas Gutes ist genug für diese Person. Schließlich legten diese Person und einige andere Menschen zusammen einen kleinen Gemeinschaftsgarten in ihrer Stadt an. Natürlich kann niemand, nicht einmal der überzeugteste Kapitalist in der Stadt, irgendwelche Einwände gegen einen kleinen Gemeinschaftsgarten haben.

    An einer Stelle schreibt Hopkins, er wolle „Menschen dazu befähigen, sich nach der Welt zu sehnen, die es notwendig ist zu schaffen“. An einer anderen Stelle verwendet er die Worte "wo wir hingehen müssen." Und er schließt den Artikel mit den Worten ab: "... führt zu der Veränderung, die wir alle sehen wollen“. Die kursiv geschriebenen Worte lässt einen denken, Hopkins hätte eine klare Vorstellung seiner langfristigen Ziele. Nein, falsch. Denn er schreibt auch: Transition "entwickelt sich weiter. Sie bleibt gegenüber neuen Ideen und Prozessen offen, die mit Menschen arbeiten, um Fragen zu stellen und dann zu gestalten, wohin der Prozess geht. Das wurde in dem Transition Handbook bezeichnet als "lass es gehen, wo es hin will". Und diese Unsicherheit gipfelt im letzten Absatz, wo Hopkins schreibt: "Kommt Zeit, kommt Rat (Time will tell)".

    Solche Worte lassen erkennen, dass Hopkins noch nicht weiß, wo die Welt hingehen muss. Es gibt da keine Spur eines Versuchs, die gegenwärtige Weltlage objektiv und gründlich zu analysieren, und deshalb auch keine Spur eines Versuchs, in Bezug auf die langfristigen Ziele der Bewegung eine logische Schlussfolgerung zu ziehen. Hopkins weiß nicht einmal, ob er und Transition das System reformieren oder radikal verändern wollen. Er schreibt: "Es kann sein, dass die Zukunft zeigen wird, dass Transition ein reformistisches Projekt gewesen ist, das keine Gefahr für die Verbraucher-kapitalistische Gesellschaft war. Wir werden sehen."

    Das ist totale Verwirrung.

Unterschiedliche Strategien

Unterschiedliche langfristige Ziele (im Fall von Hopkins eher das Fehlen eines klaren) führten Hopkins und Trainer zwangsläufig dazu, unterschiedliche Strategien zu konzipieren. Auch in dieser Hinsicht schreibt Hopkins widersprüchliche Dinge.

    Wenn Transition nur ein Reformprojekt ist, das versucht, die gegenwärtige Verbraucher-kapitalistische Gesellschaft zu verbessern, dann ist es besser, den Begriff Transition nicht zu verwenden, denn er suggeriert, zumindest in unserem Kontext, Übergang zu einem anderen sozio-ökonomischen System, das das gegenwärtige ersetzt. Wie es auch genannt werden mag, auch ein Reformprojekt ist legitim. Denn nicht alle Menschen sind überzeugt, dass Systemwandel möglich ist, und viele sind davon überzeugt, dass das derzeitige System verbessert und somit befähigt werden kann, die Probleme zu lösen, die uns plagen. Aber wie macht man das am besten?

    Hopkins macht zunächst einen Versuch zu erklären, „warum wir [das schließt die grüne Linke ein] den Kampf gegen den Klimawandel so katastrophal verlieren“. Er betont einen von mehreren Faktoren: Der ist "die Falle, in die einige auf der grünen Linken seit 40 Jahren gefallen sind". Er führt aus: "Es ist eine Denkweise, die Differenzen sucht statt eine gemeinsame Basis." Wir sprächen mit jedem, aber nicht miteinander. Und "es gibt wenig Achtsamkeit hinsichtlich der Frage, wie unsere Art und Weise, unsere Botschaft zu kommunizieren, bei Menschen außerhalb unseres Spektrums („bubble“) rüberkommt."

    Ich bin anderer Ansicht. Niemand auf der Linken oder der grünen Linken sucht Differenzen. Sie sind real, sie existieren einfach, sie beruhen oft auf unterschiedlichen materiellen Interessen. Doch in meiner jahrzehntelangen Erfahrung in Indien und Deutschland habe ich in den meisten einschlägigen Fällen erlebt, dass verschiedene progressive Gruppen in der Liste von George Lakoff (den Hopkins zitiert) für bestimmte Kämpfe (z.B. in der Friedensbewegung, Umweltschutzbewegung etc.) Allianzen, Einheitsfronten usw. bildeten. Ein eklatantes Gegenbeispiel war das Ausbleiben einer Allianz in den frühen 1930er-Jahren zwischen den Kommunisten und den Sozialdemokraten gegen die deutschen Nazis. Das führte in der Tat zu einer Katastrophe.

    Was den zweiten Punkt betrifft, kritisiert Hopkins Trainer wegen der Verwendung einer "Sprache" (d.h. die Art und Weise, wie er seine Botschaft kommuniziert), die für den Zweck ungeeignet ist. Er schreibt, dass Trainers Sprache "garantiert die Mehrheit in der Gemeinschaft ausschließt", "garantiert 98 Prozent der Bevölkerung die Lust verdirbt." Ganz sicher will Trainer niemand ausschließen. Aber es ist wahr, dass derzeit die meisten Menschen in der Welt nicht auf ihn und Menschen wie ihn hören.

    Allerdings, um die Sache klar zu machen, liegt es nicht wirklich an Trainers "Sprache“. Alle seine Adressaten verstehen Englisch gut, und die Worte, die er verwendet, sind sehr klar. Diejenigen, die seine Botschaft lesen oder hören, sind ja gebildete und intelligente Menschen. Er hetzt ja auch niemand zu einem Staatsstreich oder einem bewaffneten Aufstand auf. Es ist eigentlich der Inhalt seiner Schriften, der das Problem ist, nicht der Stil. Für 98 Prozent der Menschen in den reichen Industrieländern ist es leider immer noch unvorstellbar, dass sie, um die Umwelt zu schützen und sich der rapiden Erschöpfung der Ressourcen anzupassen, Opfer bringen müssen, nämlich ihren Ressourcenverbrauch um 90 Prozent reduzieren und den Kapitalismus abschaffen, der ihnen so viel Wohlstand beschert hat.

    Aber was tut man dann? Soll man dann seine Ziele ändern, gibt man dann seine Überzeugung auf? Soll man dann den 98 Prozent der Menschen unbequeme Wahrheiten verheimlichen, nur von schönen Dingen erzählen – entgegen der eigenen Überzeugung – um von der Mehrheit geliebt zu werden? Oder soll man sich anstrengen, unverbindliche und vage Sachen zu sagen, die keinem die Lust verdirbt? In diesem Fall ist man ein typischer Politiker im schlechtesten Sinne des Wortes, kein politischer Aktivist. Selbst ein echtes Reformprojekt braucht engagierte Aktivisten, die die Wahrheit sagen und keine Angst haben, Wähler zu verstimmen. Solche Aktivisten sagen den Menschen offen, welche Veränderungen ihrer Meinung nach notwendig sind, um das bestehende System zu verbessern. Hopkins findet Trainers Argumente "ganz vernünftig"; dennoch schilt er ihn dafür, dass er sie offen ausspricht.

    Aber hier unterscheide ich mich ein wenig von Trainer. In seiner Kritik an Transition schreibt er zu meinem Erstaunen: "Plötzliche oder laute Rufe nach radikaleren Zielen würden diesen Bewegungen schaden." Wie? Denkt Trainer, die Zeit sei noch nicht reif? Oder, dass die Massen nicht intelligent oder reif genug sind? Ich denke dagegen, es ist höchste Zeit, dass alle Bürger der Welt vollständig über die gegenwärtige katastrophale Lage der Menschheit und der Erde informiert werden. Das ist Teil unserer Bewusstseinsbildungsarbeit. Und ich denke, alle Menschen sind intelligent und reif genug, um die grundlegenden Wahrheiten dieser Lage zu verstehen. Wir brauchen sie ihnen nur darzulegen. Die Ziele, die er "radikaler" nennt, sind eigentlich absolute Notwendigkeiten.

    Es stimmt, dass viele Aktivisten, mit denen wir Allianzen bilden müssen, sagen würden, dieses oder jenes Ziel sei nicht realistisch, weil die Herrscher, oder auch die Massen, die entsprechenden Forderungen keinesfalls akzeptieren würden. Das war meine Erfahrung Mitte der 1980er Jahre in der Grünen Bewegung von Deutschland. Aber heute ist die Weltlage hundertmal schrecklicher und dringlicher als damals. Auf jeden Fall, wenn unsere radikalere Ziele für andere Aktivisten zu radikal sind, können wir dennoch die Zusammenarbeit mit den Bündnispartnern auf der Grundlage einer Liste von sofortigen Mindestzielen (die Hopkins gemeinsame Basis nennt) weiterführen. Parallel dazu und außerhalb des Bündnisses können wir kompromisslos unsere Analyse und langfristige Ziele verbreiten. Die oben zitierte Ansicht von Trainer verblüfft Hopkins, der schreibt: "Trainers Perspektive ist verwirrend. Einerseits sagt er, plötzliche oder laute Rufe nach radikaleren Zielen würden diesen Bewegungen schaden, andererseits sagt er, dass der Weg, den Transition einschlägt, nur zu einer stark und zunehmend unnachhaltigen und ungerechten Konsumgesellschaft führen, die viele Gemeinschaftsgärten usw. enthält. ‘‘
 
Hopkins schreibt: "... was uns auch immer dahin bringt, wo wir hingehen müssen, wird erfordern, dass wir größer denken, dass wir die Sprache neu erfinden und dass wir versuchen, eine gemeinsame Basis [mit den 98 Prozent der Menschen] zu bilden, anstatt uns in eine Ecke zu reden, während jeder andere in eine andere Richtung schaut.“ Wie ich oben gezeigt habe, hat Hopkins keine klare Vorstellung davon, wo wir auf lange Sicht hingehen müssen, um die Welt belastbar gegen die schweren Krisen zu machen, die im Gange sind und die uns bevorstehen. Er vertritt also sozusagen eine Wetterhahn-Strategie, um sich nicht in eine Ecke zu reden. Aber in den Zeiten, in denen wir leben, ist es notwendig, die Wahrheit zu sagen, so unangenehm sie für die 98 Prozent auch sein mag. Es ist notwendig, wenn es sein muss, sich in eine Ecke zu reden, anstatt sich der Mehrheit anzuschließen, auf ihrer gemeinsamen Basis. Es ist die Pflicht der Minderheit, ehrlich die 98prozentige Mehrheit zu kritisieren, selbst wenn der dafür zu zahlende persönliche Preis hoch ist. Es ist die Pflicht der Minderheit, die Mehrheit zu der unangenehmen Wahrheit und zu den unangenehmen Lösungen unserer Probleme und Krisen zu führen, anstatt die angenehme Wärme zu genießen, die einem die Mitgliedschaft der Mehrheit spendet. Im praktischen Leben sind wir gezwungen, viele Kompromisse zu machen, um bloß die Alltagsprobleme bewältigen zu können. Lasst uns aber keine Kompromisse machen in unserem Denken und beim Ausdrücken unserer Gedanken. Glücklicherweise sind heute Leute wie Trainer nicht mehr so isoliert wie Hopkins denkt. Es gab vor kurzem eine Degrowth-Konferenz (etwa: Wirtschaftsschrumpfung-Konferenz) in Leipzig, an der 3000 Menschen teilnahmen. Im Jahre 2011 fand in Berlin ein Kongress mit dem Titel "Beyond Growth" statt (etwa: jenseits von Wachstum). Durchschnittliche Menschen sind heute nicht mehr wie kleine Kinder, denen man unbequeme Fakten vorenthalten muss.

    An anderer Stelle in seinem Artikel hat Hopkins einiges in einem Stil geschrieben, als wäre er ein geschickter politischer Führer, obwohl er eigentlich nur der Mehrheit folgt. Er schreibt zum Beispiel: "Aber das wird nur funktionieren, wenn wir die geschickten Mittel finden, Menschen mitzunehmen, ja, die geschickten Mittel, Menschen dazu zu befähigen, dass sie sich nach der Welt sehnen, die wir schaffen müssen, weil die Möglichkeiten, die diese Welt bietet, ihre Herzen singen lässt. Ich bin ganz für geschickte Mittel, Dinge zu tun. Ich bin ganz dafür, dass fähige Menschen die Führung bei einem Projekt haben. Aber die Führer müssen klar wissen – auf der Grundlage einer objektiven, illusionsfreien Analyse der gegenwärtigen Situation –, wohin die Reise gehen soll.

    Allerdings bin ich skeptisch gegenüber der Idee, Menschen dazu zu befähigen, dass sie sich nach der Welt sehnen, die wir schaffen müssen. Sie werden sich nicht danach sehnen, wenn sie die Wahrheit darüber erfahren haben. Aber sie könnten davon überzeugt werden, dass es sich hier um eine Notwendigkeit handelt. Die Möglichkeiten, die diese Welt bieten wird, werden nicht wirklich die Herzen der globalen Mittelschicht singen lassen. Jedoch es wird eine gerechte Welt sein, sowohl für die armen Menschen von heute als auch für die anderen Arten, die die Erde mit uns teilen. Und das wird uns irgendwie glücklich machen, wenn auch nicht jubeln lassen.

    Es ist richtig, wie Hopkins es ausdrückt, "Menschen anzuschreien, um ihnen die Notwendigkeit einer ‚Revolution‘ nahezubringen, und Sätze mit ‚radikal‘ und so weiter zu würzen, haben es eindeutig nicht geschafft, die notwendigen Veränderungen zustande zu bringen. Das funktioniert nicht. … Bei fast allem, was es [diese Methode] versucht hat zu erreichen, ist es gescheitert." Aber diese sind nur einige der schlechten Arbeitsmethoden der alten Linken gewesen, nicht ihre Strategie für die Schaffung einer sozialistischen Gesellschaft. Klar, auch ihre Strategie hat sie nicht zum Ziel geführt. Aber es ist irrelevant, dies hier zu sagen. Denn weder Trainer noch andere Kategorien von Linken der Gegenwart (z.B. Öko-Sozialisten) schlagen die alte Strategie (Klassenkampf, proletarische Revolution etc.) der alten Linken für die Erreichung ihres neuen Ziels vor, das in wesentlichen Punkten nicht mehr das gleiche ist wie das nunmehr obsolete Ziel der alten Linken. Die Frage, warum die alte Linke ihr Ziel nicht erreichen konnte, ist von verschiedenen Menschen, darunter vielen Linken, unterschiedlich beantwortet worden (für meine Antwort siehe Sarkar 2001). Die alte linke Theorie des gesellschaftlichen Wandels ist nicht mehr gültig. Neue Theorien und Strategien sind von vielen einschließlich Trainer vorgeschlagen worden (für meine Theorie und Strategie des Wandels, siehe ebenda und Sarkar 2013).

    Hopkins sagt, er schlägt (mit Transition) einen anderen Weg ein, einen geschickteren. Jeder Linke wünscht ihm viel Erfolg dabei. Hopkins und Trainer, beide sollten ruhig sagen, dass bis heute keine idealen Wege gefunden worden sind, die bei ihren Bemühungen, ihr jeweiliges Ziel zu erreichen, den Erfolg garantieren. Was Trainer und seine Geistesgenossen, zu denen ich auch ungefähr gehöre, ruhig sagen können, ist, dass der Weg, welchen wir auch immer einschlagen mögen, zweifellos voller Schwierigkeiten und Schmerzen sein wird. Denn auf den Komfort und Luxus zu verzichten, die gewöhnlich aus Wirtschaftswachstum resultieren, wäre zweifellos schmerzhaft für Menschen, die bis jetzt all das genossen haben. Manchmal stellen sich Leute vor, es sei einfach, unsere Unterstützung für das System zurückzuziehen (Hopkins) oder einfach daraus auszutreten (Trainer). Aber eigentlich ist das die schwierigste Sache. Denn seit über zweihundert Jahren sind wir immer mehr davon abhängig geworden. Es ist auch gar nicht so leicht für Aktivisten, ganze Siedlungen einer neuen Art zu entwerfen (Trainer) oder kollektive Kontrolle unserer Stadt zu übernehmen (Trainer).

    Es hat sich jedoch in der Geschichte der Menschheit gezeigt, dass wir Menschen auch die Eigenschaft haben, von Idealen und Werten inspiriert werden zu können. Wenn Transition es schafft, Menschen mit ihren geschickten Methoden für ihre Ziele zu begeistern – Ziele, die zwar unserer Meinung nach nicht genug sind, die aber dennoch unsere Unterstützung verdienen – ,wenn sie normalen Menschen Zuversicht (ein Können-wir-Gefühl) einflößen kann, dann dürfen wir "Radikale“ auch hoffen, dass unsere weitergehenden Ziele, unsere überlegene Ideale und Werte eines Tages Unterstützung, zumindest Akzeptanz, unter den breiten Massen finden werden, obwohl sie dafür wohl nicht „randalieren“ werden. Es gibt tausend Gründe, pessimistisch zu sein. Aber wir sind noch nicht tot. Also versuchen wir es weiter!

Literatur
Hopkins, Rob (2014a) “Responding to Ted Trainer: there's a lot more to Transition than community gardens”:

www.transitionnetwork.org/blogs/rob-hopkins/2014-09/responding-ted-trainer-theres-lot-more-transition-community-gardens

Hopkins, Rob & Katrin Lange (2014b) “Wir wollen das Wirtschaftssystem verändern” (Interview), in Evident (Magazin: eine Beilage zur Süddeutschen Zeitung), Nr. 1/2014.

Sarkar, Saral (2001) Die nachhaltige Gesellschaft – Eine kritische Analyse der Systemalternativen. Zürich: Rotpunktverlag.

Sarkar, Saral (2013) Korrespondenz mit Kamran Nayeri:

https://groups.google.com/forum/#!searchin/thesimplerway/Letter$20to$20Kamran%7Csort:relevance/thesimplerway/kiIWzW7uu2U/NUTvILJPtsQJ

Trainer, Ted (2014)Transition Townspeople, We Need To Think About Transition: Just Doing Stuff Is Far From Enough!”:

http://blog.postwachstum.de/transition-townspeople-we-need-to-think-about-transition-just-doing-stuff-is-far-from-enough-20140801

Weizsäcker, Ernst Ulrich von (1992) Erdpolitik. Ökologische Realpolitik an der Schwelle zum Jahrhundert der Umwelt. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft

 

 

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