Dienstag, 24. Februar 2015

Recht auf Beleidigen oder Prinzip Verantwortung? -- Gedanken zum Charlie-Hebdo-Massaker


Die Mörder der Charlie-Hebdo-Karikaturisten bekamen ihre verdiente Strafe. Nach dem gesunden Volksempfinden ist es schon in Ordnung, dass sie von den Sicherheitskräften getötet wurden. Von ihrem eigenen Standpunkt sowie vom Standpunkt ihrer Geistesgenossen aus gesehen, waren die Mörder höchst erfolgreich. Sie konnten nicht nur die Beleidigung ihres Propheten rächen – für sie eine große Sache – sondern starben auch als Märtyrer, was sie wohl selbst wollten.
    Die ermordeten Karikaturisten aber starben nicht als Märtyrer. Sie wollten nicht sterben. Sie hatten Polizeischutz beantragt und bekommen. Der Chefredakteur hatte zwar einmal gesagt, er würde lieber aufrecht stehend sterben als kniend leben. Aber das bezeugt eher seinen Starrsinn. Denn das, wofür er und seine Kollegen starben – nämlich das Recht, Prophet Mohammed und Millionen Muslime zu beleidigen – ist wahrlich keine große Sache.
    Wie soll man zum Beispiel jemand, der wissentlich und mutwillig auf einem Minenfeld Fußball spielen will, anders charakterisieren als mit dem Wort „Starrkopf“? Fußball spielen kann man doch auch auf einem anderen Feld. Oder ging es ihnen etwa um eine ernsthafte und wichtige politische Sache? Etwa um Kritik an religiösen Aberglauben oder um Kritik an der Stellung der Frau im Islam? Außerdem kann man doch den Islam oder Religion überhaupt auch auf anderen Wegen kritisieren, die nicht geradewegs auf ein Minenfeld führen! Es ist ja spätestens seit 2005 bekannt, als die dänische Zeitung Jyllands Posten ihre Mohammed-Karikaturen veröffentlichte, wie wütend die muslimischen Massen weltweit auf solche Sachen reagieren. Seit jener Zeit wissen alle, dass besonders beleidigende Mohammed-Karikaturen gläubige Muslime zutiefst verletzen und dass einige von ihnen bereit sind, die Beleidigung ihres Propheten auf mörderische und selbstmörderische Weise zu rächen.
    Angesichts dieser Vorgeschichte waren CHs Mohammed-Karikaturen eine reine Provokation, sonst nichts. Denn das Recht auf freie Meinungsäußerung war vor diesem Ereignis keineswegs gefährdet, weder in Frankreich noch im übrigen Europa. Diese schlimmen Mohammed-Karikaturen sind ja auch keine Meinungsäußerung, sondern nur Beleidigung. Den Fall Salman Rushdie (1988), sogar die Karikaturen von Jyllands Posten, hatte man fast vergessen. Durch diese geradezu infantile Provokation haben die CH-Redakteure nicht nur ihren eigenen Tod verursacht, sondern auch den von drei PolizistInnen und vier jüdischen Geiseln. Mittelbar haben sie dadurch auch den schon existierenden tiefen Graben zwischen Christen und Muslimen weiter vertieft.
    In vielen der Medien-Kommentare wurde u.a. darauf gepocht, dass einer, der in Frankreich lebe, müsse die Verfassung und die Gesetze des Landes akzeptieren. Dem stimme ich hundertprozentig zu, obwohl ich nicht genau weiß, ob auch Beleidigung des Islams und der muslimischen Gemeinschaft mittels Mohammed-Karikaturen wirklich durch die Gesetze gedeckt ist. In Deutschland, wohl auch in Frankreich, ist es ein strafbares Delikt, die Meinung zu äußern, dass der Holocaust nicht geschehen ist. In Frankreich darf man nicht die Meinung äußern, dass die Armenier 1915 kein Völkermord erlitten haben, sondern nur, wie es die Türken behaupten, hunderttausendfacher Tod durch Kriegsgeschehen. Ich habe gehört, dass es in Frankreich nicht erlaubt ist, die Trikolore und die Marseillaise zu beleidigen. Und die Polizei verbietet auch manchmal aus Sicherheitsgründen die freie Meinungsäußerung mittels einer Demo. Man könnte nun sagen, so ist halt die Gesetzeslage, Basta, Schluss der Diskussion. Aber ist dann die Diskussion wirklich zu Ende? Angesichts des siebzehnfachen Rachemords in Paris, und der Rachemorde, die in Zukunft geschehen könnten, ist es notwendig, sich eines englischen Spruches zu besinnen: “
When the law is an ass, someone has to kick it” (wenn das Gesetz ein Esel ist, muss ihm jemand einen Tritt verpassen.)

Prinzip Verantwortung

Aber gibt es nicht außer Verfassungen und Gesetzen auch das dem gesunden Menschenverstand entsprechende Gebot, jeder soll vernünftig und verantwortlich handeln? Auf einer Autobahnstrecke ohne Tempolimit darf man beliebig schnell fahren. Aber ist es verantwortliches Handeln, dort Tempo 280 zu fahren? Ganz klar, die Macher von CH haben zwar legal, aber unverantwortlich gehandelt. Ihre Mörder haben quasi gesagt: Ja, wir kennen die Verfassung und die Gesetze des Landes; mit unserer Aktion werden wir gegen diese verstoßen; uns ist klar, dass wir dafür bestraft werden; OK, wir nehmen jede Strafe dafür an, dass wir die Gesetze unserer Religion befolgen und gegen die des Staates verstoßen. Starrköpfe gegen Starrköpfe! In jeder Konstellation führt das zum Verderben. So ist halt die Realität. Die Verfassungen der Welt sind doch nur so viele bloß auf Papier stehende, oft fragwürdige Prinzipien.
    Es gibt ein berühmtes Kant-Zitat, das man hier als Kriterium für richtiges, im Gegensatz zu rechtmäßigem, Handeln anwenden könnte: „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten kann.“ Soweit ich mich erinnere, stammt es aus Kants Aufsatz „Was ist Aufklärung“. Ich erinnere mich aus meiner Studentenzeit auch, dass die Aufklärung u.a. die Werte Vernunft und Toleranz beinhaltete – zwei Werte, die sehr wichtig sind für den sozialen Frieden. In dem Zitat geht es um ein Gebot für richtiges Handeln. Es geht hier nicht um das Recht auf Handeln nach der jeweils aktuellen Gesetzeslage, sondern um das Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung. Was kann ein höheres Prinzip für allgemeine Gesetzgebung sein als das Wahren sozialen Friedens?
    Ich kann hier auch einen modernen Philosophen zitieren. In seinem Buch Das Prinzip Verantwortung schrieb Hans Jonas über unsere Verantwortung für den Frieden mit der Natur. In einem Gespräch mit einem Interviewpartner zeigte er wenig Vertrauen in die Demokratie. Er sagte: "Der Philosoph muss durchaus den Mut haben, zu sagen, Demokratie ist höchst wünschbar, aber kann nicht selber die unabdingbare Bedingung dafür sein, daß ein menschliches Leben auf Erden sich lohnt."1 Im gleichen Sinne können wir auch sagen, dass die demokratische politische Ordnung und die von demokratisch gewählten Parlamenten verabschiedeten Verfassungen und Gesetze nicht selber genug für die Wahrung sozialen Friedens sein können.
    Jonas schrieb in dem genannten Buch:

„'Handle so, daß die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden'; oder negativ ausgedrückt: 'Handle so, daß die Wirkungen deiner Handlung nicht zerstörerisch sind für die künftige Möglichkeit solchen Lebens'; oder einfach: 'Gefährde nicht die Bedingungen für den indefiniten Fortbestand der Menschheit auf Erden'; oder wieder positiv gewendet: 'Schließe in deine gegenwärtige Wahl die zukünftige Integrität des Menschen als Mit-Gegenstand deines Wollens ein.'"2

Jonas schrieb diese Sätze aus Sorge um den Zustand unserer natürlichen Umwelt. Wir wissen, dass das, was die Menschheit zurzeit, schon im Rahmen der Verfassungen und Gesetze, wirtschaftlich alles tut, fortwährend unsere natürliche Umwelt zerstört. Es muss also auch an das Verantwortungsgefühl von allen Wirtschaftsakteuren appelliert werden. In Anlehnung an Jonas sollten wir allen Menschen, vor allem aber den führenden politischen Kräften der Gesellschaften, Intellektuellen, Kulturschaffenden usw. sagen dürfen: Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Zusammenlebens; oder negativ ausgedrückt: Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung nicht zerstörerisch sind für den sozialen Frieden.
    Die CH-Redakteure wussten, dass ihre Mohammed-Karikaturen ihre fünf Millionen muslimischen Mitbürger – viele von denen höchst willkommen geheißen wurden, als sie einst als Gastarbeiter kamen – tief beleidigen und einige von ihnen sogar zum Mord provozieren könnten. Fünf Millionen sind etwa 8 Prozent der französischen Bevölkerung, keine zu vernachlässigende Größe. Trotzdem haben sie ihre Karikaturen veröffentlicht. Was noch schlimmer ist, haben etliche politische Führungspersonen der Welt und eine Million Franzosen durch ihre Demo in Paris die zerstörerischen Wirkungen der genannten Karikaturenpublikation verstärkt. Das ist dadurch belegt, dass etwa fünf Wochen später (am 14. Februar) in Kopenhagen ein Anschlag auf eine Diskussionsveranstaltung verübt wurde, an der der Mensch teilnahm, der 2005 in Jyllands Posten die ersten Muhammed- Karikaturen veröffentlicht hatte (eine davon stellte Muhammed als einen Hund dar.)
    Haben solche Leute nicht Wichtigeres und Dringlicheres zu tun? Ende dieses Jahres müssen die politischen Führungspersonen der Welt in Paris wichtige Maßnahmen beschließen, um weitere Klimakatastrophen abzuwenden. (Bisher gab es in Paris keine Demo für Klimaschutz mit einer Million Teilnehmern.) Die Kriege in Syrien, im Irak, in der Ukraine etc. müssen beendet werden. Auf die Flüchtlingsströme in aller Welt muss eine adäquate Antwort gefunden werden. Der Aufstieg der rechtsradikalen Parteien und fremdenfeindlichen Gruppierungen müssen eingedämmt werden. Und es gibt noch viel mehr solche wichtige und dringliche Aufgaben. Aber die europäischen Staaten sind zurzeit total damit beschäftigt, ihre Anti-Terror-Apparate zu vergrößern und zu verstärken. So eine Kleinigkeit, das Recht auf Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen, hat die genannten großen und schwierigen Aufgaben von der Bühne verdrängt.

Was Tun?

Wir wissen, militante Islamisten haben in der Vergangenheit nicht nur auf Mohammed-Karikaturen mit Gewalttaten reagiert. Auf Salman Rushdie’s Roman Satanische Versen (1988) und einige Texte/Äußerungen von Taslima Nasreen (bangladeschi Schriftstellerin) (1994) folgten Fatwas und Aufrufe zu ihrer Tötung. So kann es nicht weitergehen. Es geht nicht an, dass die eine Minderheit immer wieder beleidigt und provoziert und die andere Minderheit mit Mord und Morddrohungen darauf reagiert. Aber man kann auch nicht ewig im Interesse des sozialen Friedens Selbstzensur ausüben, zumal nicht jede Kritik eine Beleidigung oder Provokation ist. Wie sollen wir Linke, Fortschrittliche oder einfach säkular gesinnte Menschen in solchen Fällen verhalten?
   
Was Richard Dawkins „Gotteswahn“ („God delusion“) nennt3, existiert in der Welt leider weiter. Die meisten Menschen in der Welt üben, ernsthaft oder nicht so ernsthaft, irgendeine Religion aus. Auch die Aggression der militanten Islamisten gegen Ungläubige und Andersgläubige, bzw. ihre aggressive Reaktion auf bestimmte Taten der letzteren, hat Parallelen in anderen Religionsgemeinschaften. Bei Christen ist die Zeit der kriegerisch/mörderischen Version der aggressiven Religiosität , Gott sei dank, weitgehend vorbei. Die Konflikte in Nordirland und Nagornokarabach sind zwei Ausnahmefälle, bei denen es allerdings auch um den Status eines Territoriums geht. Leider ist es aber bei zwei anderen großen Religionsgemeinschaften – den Hindus und Buddhisten – noch nicht soweit. In Indien gehört gegenseitige gewalttätige Aggression zwischen Hindus und Muslimen noch nicht zur vergangenen Geschichte. Neuerdings verfolgen sogar Buddhisten, nämlich burmesische und sri-lankische Buddhisten ihre muslimischen Landsleute – im Namen der buddhistischen Identität ihres Landes. Neben den gesetzmäßigen Aktionen der Polizei und Sicherheitskräfte gegen gewalttätige Fundamentalisten jeder Religion sollte jeder vernünftige Mensch gegen solche aggressive Religiosität kämpfen – im Sinne der Zivilgesellschaft. Aber wie kann man das tun? Wie können wir die militanten Fundamentalisten zur Besinnung bringen?
    Eines kann wohl widerspruchslos gesagt werden: Durch Beleidigungen und Provokationen erreicht man keine positiven Ergebnisse. Im Gegenteil, sie schüren nur Hass und Gewalt. Das haben wir in den letzten 25 Jahren gesehen. Damit kann man nur immer neue Konflikte vom Zaun brechen. Das ist auch so, wenn es sich nicht um Beleidigung einer Religion handelt. Auf eine Beleidigung reagieren nicht alle Menschen mit Gang vors Gericht. Auch bei Nichtreligiösen, wenn zum Beispiel Mensch A seinem Mitmenschen B sagt, der Vater des letzteren sei ein Dieb und dessen Mutter sei eine Dirne, dann verpasst B dem Beleidiger gleich eine Tracht Prügel – unabhängig von dem Wahrheitsgehalt der Beleidigung. Das ist die Realität.
    Es ist auch den Sicherheitskräften nicht möglich, den Kampf gegen religiös motivierte Gewalttaten und Terrorakte endgültig zu gewinnen. Nach jedem Einzelerfolg in dieser Hinsicht werden sie mit neuen Gewalttaten und -drohungen von neuen militanten Gruppen konfrontiert. Auch das gehört zu unserer Erfahrung der letzten 25 Jahre. Militante Dschihadisten, die keine Angst haben zu sterben, die sogar bereit sind, sich selbst in die Luft zu sprengen, um den Feind zu töten – bei solchen Leuten wirken die üblichen Strafdrohungen nicht. Da stehen die Sicherheitskräfte der Welt ratlos da.
    Das Problem müssen wir also an der Wurzel packen. Dazu müssen wir aber die Wurzel erst einmal erkennen. Zu diesem Thema habe ich zuerst vor zehn Jahren einen kurzen Artikel veröffentlicht. Der Anlass damals war die Ermordung des Amsterdamer Filmemachers Theo van Gogh, der den Islam beleidigt hatte. Ich bitte meine Leser, den Artikel zu lesen. Hier ist der Link:

http://ak-oekopolitik.blogspot.de/search?q=Religionen

Meine aktuellen und vorläufigen Gedanken zu der Frage „was tun?“ führe ich unten aus:

Dass die meisten Menschen überhaupt religiös sind – das heißt, grob gesagt, an die Existenz eines oder mehrerer mehr oder minder mächtigen übernatürlichen Wesen(s) glauben (supernatural agents, Gott, Götter, Göttinnen, ancestors) – liegt nach Wissenschaftlern wie Richard Dawkins3 und Pascal Boyer4 an der phylogenetischen Anlage der Spezies Mensch. Die Tatsache, dass Religion in ihrem breitesten Sinne ein universales Phänomen ist, ist der Beleg dafür. Wir Atheisten und Linke können also nicht darauf hoffen, dass das Phänomen Religion eines Tages von selbst ganz aufhören wird zu existieren. Außerdem zeigt unsere Erfahrung, dass wenn eine Person in eine Religionsgemeinschaft hineingeboren ist, wird diese Religion zu einem festen Bestandteil der Identität dieser Person, die sie äußerst schwer abstreifen kann. Das erklärt, warum zum Beispiel neuerdings die Yezidis in Nord-Syrien es ablehnten, sich zum Islam bekehren zu lassen, und es hinnahmen, von den ISIL-Kämpfern getötet zu werden.
    Wir müssen also langfristig daran arbeiten, dass zumindest der Einfluss der radikalfundamentalistischen Versionen der großen Religionen eingedämmt werden. Wir sollen nicht diese oder jene Religion, nicht Allah, Jahve, Jesus oder Shiva kritisieren, sondern versuchen, die Relevanz der Religion überhaupt, besonders im praktischen Leben, zu relativieren. Wir können Epikur zitieren. Er soll gesagt haben: “Ist es so, dass Gott Übel verhindern will, es aber nicht kann? Dann ist er nicht allmächtig. Oder ist es so, dass er es kann, es aber nicht will? Dann ist er böswillig. Oder er kann es und will es auch? Wo kommt dann das Übel her? Oder ist es so, dass er es weder kann noch will? Warum nennt ihr ihn dann Gott?“5 Wir können unseren religiösen Mitmenschen sagen: Liebe Freunde, ihr betet so oft pro Tag. Nichts dagegen. Aber euer Gott hilft euch doch nicht. Lassen wir also unsere Götter und unsere Religionen in unserem privaten Gebetsraum, und versuchen wir zusammen, diese schlechte Welt etwas erträglicher zu machen. Das Heil kann warten. Essen muss man aber schon heute.
    Das ist eine schwierige Arbeit. Denn alle Religionen sind potentiell fundamentalistisch interpretier- und anwendbar. Wie Religionswissenschaftler Klaus Kienzler in Bezug auf die großen Religionen schreibt:

„Wir haben gesehen, dass zum Wesen von Religion eine Reihe unverzichtbarer Fundamente gehören: die religiösen Quellen wie Schrift und Tradition, Orthodoxie und Orthopraxie u.a. … [Also] kann auch hier gesagt werden, dass alle Religionen in der Gefahr stehen, alle diese Fundamente fundamentalistisch zu verkehren, … .“.5a

Es ist so, besonders weil es behauptet wird, dass die heiligen Schriften oder zumindest die wichtigeren Teile davon direkt von Gott offenbart, sogar diktiert (der Koran) oder ausgehändigt (die Zehn Gebote) worden sind. Zwar versteht die moderne christliche Theologie die Offenbarung in ihrer heiligen Schrift nicht so, aber „in der Chicago-Erklärung zur Irrtumslosigkeit der Bibel von 1978 heißt es …: ‚Wir bekennen, dass die Schrift als Ganzes und in allen ihren Teilen, bis hin zu den einzelnen Wörtern der Originalschriften, von Gott inspiriert wurde.‘ “6 Bei solchen Verständnissen der jeweiligen heiligen Schrift kann es einem charakterlich militanten Menschen, dessen Hauptidentität seine Religion ist, nicht schwerfallen, Ungläubige zu verfolgen, gar zu töten, oder mit einer Bombe eine Abtreibungsklinik in die Luft zu sprengen. Wir müssen bedenken, dass zwar die spektakulären Anschläge von Einzeltätern oder kleinen Gruppen von militanten Fundamentalisten verübt werden, dass sie aber ihre Inspiration und ihren Mut von einem großen Umfeld von Hunderttausenden von Fundamentalisten schöpfen. Darum genügt es nicht, dass die Sicherheitsbehörden potentielle Attentäter beobachten und unschädlich machen. Das Problem muss auch breitflächig behandelt werden.
    Was wir ganz sicher tun können, ist, unseren gläubigen Mitmenschen freundlich und höflich zu sagen, sie sollen ihre heiligen Schriften nicht als klare Worte Gottes betrachten. Die Gläubigen wissen, dass alle ihre heiligen Bücher schließlich von Menschen geschrieben wurden (alle Propheten, auch Prophet Muhammed, waren ja Menschen, fehlbar wie jeder Mensch). Die Niederschriften von „Gottes Worten“ sind alles andere als klar. Darum gibt es ja so viele Stellen in den heiligen Büchern, die interpretationsbedürftig sind und auch verschiedentlich interpretiert worden sind. Den fundamentalistischen Interpretationen stehen moderate/liberale Interpretationen gegenüber. Ich gebe hier nur ein Beispiel: Asghar Ali Engineer, ein gläubiger Muslim und ein Islam-Gelehrter, schreibt über den Begriff Kafir (Ungläubiger, Heretiker):

“Der Koran schuf eine Kategorie Ahl al-kitab (Völker des Buches). Alle, denen Allah seine Botschafter und das Buch schickte, wurden Volk des Buches genannt. Der Koran erwähnt in dieser Kategorie Christen, Juden und Sabaens. Allerdings sind diejenigen nicht ausgeschlossen, die im Koran nicht in dieser Kategorie erwähnt worden sind. Viele andere, wie die Zoroastriers, waren in diese [zweite] Kategorie einbezogen. Die Sufi-Heiligen wie Mazhar  Jan-i-Janan schlossen die Hindus in diese [zweite] Kategorie ein. Als Argument dafür führten sie an: Wie konnte Allah es vergessen, seine Botschafter nach Indien zu senden? Er hatte doch versprochen, seine Botschafter an alle Nationen zu senden! Er akzeptiert die Veden [des Hinduismus] als offenbarte Schriften. Er dachte (fühlte) auch, dass die Hindus Monotheisten seien, da sie an einen Gott glauben, der nirgun und nirakar (d.h. ohne Eigenschaften und Gestalt) sei, was die höchste Form von tawhid (Monotheismus) sei.“7

Dies zeigt, dass auch der Islam reformfähig ist. Darum gibt es ja auch im Islam, wie im Christentum, so viele Strömungen und Sekten.
    Gläubigen und andersgläubigen Mitbürgern das sagen zu können und zu dürfen, setzt allerdings voraus, dass wir regelmäßige soziale Kontakte zu ihnen haben und pflegen. Nur durch solche Kontakte kann es uns Atheisten und Linken gelingen, die Werte von Aufklärung, Toleranz und gegenseitiger Achtung zu fördern, die mentalen Barrieren zu beseitigen. Es ist kontraproduktiv, eine Multikulti-Gesellschaft zu fördern und zu akzeptieren. Das würde bedeuten, separate Existenz von Parallelgesellschaften zu fördern und ihre Existenz zu akzeptieren. Die andersgläubigen müssen stattdessen in das gesellschaftliche Leben der Bevölkerungsmehrheit einbezogen werden.
    Es ist klar, Kontaktpflege mit radikalen und militanten Fundamentalisten ist für uns nicht möglich. Aber die große Mehrheit der Menschen in jeder Religionsgemeinschaft, also auch in der islamischen, ist alles andere als fundamentalistisch gesinnt. Sie glaubt an das Prinzip leben und leben lassen, befolgt nicht jedes Gebot der heiligen Schriften. Und es gibt in der Welt, auch in muslimischen Ländern, viele liberale, moderne, progressive und sogar linke Muslime. In Ägypten und Tunesien haben neulich mehrere Millionen muslimische Bürger, die Herrschaft der Muslimbrüder beendet. Durch Zusammenarbeit mit solchen Leuten könnte eine Atmosphäre geschaffen werden, in der alle gläubigen Muslime auf eine Beleidigung des Islams oder des Propheten Muhammed mit dem Satz reagieren würden: „Das lässt mich kalt“. Diesen Satz hörte ich tatsächlich in einer TV-Sendung; eine Islamwissenschaftlerin, die in einer Schule Religion unterrichtet, sagte das. Das lässt hoffen.
    Was noch helfen würde, ist, dass liberale muslimische Islamwissenschaftler, die ihren Glauben auch praktizieren, es wagen, historisch-kritische Arbeiten über die Schriften ihrer Religion zu veröffentlichen. Ein Beispiel davon habe ich oben erwähnt, das Zitat von Asghar Ali Engineer. Wenn es zu gefährlich ist, könnten solche Arbeiten auch anonym veröffentlicht werden. Vor ein paar Tagen hörte ich im Fernsehen eine gute Nachricht: Ein französischer muslimischer Akademiker fordert eine Reform des Islams. Er fordert auch eine historisch-kritische Studie seiner Religion. Das gleiche hörte ich wieder im Fernsehen am 23. Februar. Islamgelehrte der berühmten Al-Azhar-Universität von Kairo sprachen da auch von der Notwendigkeit einer Reform des Islams.
    Eine Sache, die wir nicht können, ist, den Zorn und Hass von allerlei Muslimen auf die euro-amerikanischen Imperialisten und israelischen Kolonialisten zu mildern, die seit langem muslimische Völker politisch und ökonomisch unterjochen und demütigen. Ein Nebenprodukt davon ist, dass die meisten, wenn auch nicht alle, Westler allgemein verdächtigt werden, Feinde und Hasser des Islams und der muslimischen Welt zu sein. Die Geschichte gibt auch genug Anlass dafür. Denken wir nur an die Kreuzzüge, den Irak-Krieg von 2003, Abu Ghraib, Guantanamo Bay, die Behandlung der Palästinenser usw. Klar, mit tatsächlichen Islamhassern unter den Westlern können Muslime keinen Kontakt pflegen. Darum ist es äußerst wichtig, dass gesprächswillige Westler eine antiimperialistische Gesinnung an den Tag legen, bevor sie versuchen, Kontakt mit Muslimen aufzunehmen.
    Aber bloßer Antiimperialismus reicht nicht. Notwendig ist eine große Sache, eine positive, die zum Engagement inspiriert. Ihr Hass auf die Imperialisten führte abertausende junge Muslime ins Lager vom Al Qaida und ISIS, wo ihre große Sache ein „Gottesstaat“ ist. Auch die energetischen jungen Muslime, die mit soviel Elan den Arabischen Frühling aus dem Boden stampften, brauchen eine große Sache, für die sie sich wieder engagieren könnten. Ich kann ihnen die folgenden Sätze von Asghar Ali Engineer anbieten:

“Der Koran gebraucht … das Wort Jihad für moralischen Kampf. Es ist die Pflicht jedes Muslim’s, den Kampf für die höchste moralische Qualität fortzusetzen, für die seiner eigenen Person wie auch für die der Gesellschaft, in der er lebt. Der Kampf gegen die Korruption, gegen Umweltverschmutzung, für die Menschenrechte, für Gerechtigkeit gegenüber den schwachen Gesellschaftsschichten und andere ähnlich erhabene Sachen ist Teil des Jihad. Alles, was der leidenden Menschheit ihr Leiden lindert, ist Teil des Jihad im Sinne Allah’s.“8  

Ohne den Bezug auf Allah könnte man das den Kampf für eine ökosozialistische Gesellschaft nennen.

Quellennachweis

1. Jonas, Hans : Gespräch mit Eike Gebhardt, in: Ethik für die Zukunft - Im Diskurs mit Hans Jonas, Hg. v. Dietrich Böhler, Verlag C. H. Beck, München 1994. S. 210-211 ISBN 978-3406386558 zitiert in: br-online.de. (zitiert aus dem Internet)
2. Jonas, Hans :Das Prinzip Verantwortung. S.36 (zitiert aus dem Internet).
3. Dawkins, Richard (2007) Der Gotteswahn.Berlin:Ullstein.
4. Boyer, Pascal (2002) Religion Explained – The Human Instincts that Fashion Gods, Spirits and Ancestors. London: Random House.
5. Epikur (zitiert aus dem Internet).
5a. Kienzler, Klaus (1999) Der religiöse Fundamentalismus – Christentum Judentum Islam. München: C.H. Beck. S. 23.
6. ibid. S. 41.
7. Engineer, Asghar Ali (2008) Islam – Misgivings and History. New Delhi: Vitasta Publishing. S. 222f.
8. ibid. S. 227.

 

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