Mittwoch, 27. August 2014

Gedanken über Belastbarkeit einer Gesellschaft und Systemübergang


Meine Kenntnisse über die Transition Town Movement (TTM) waren bis jetzt dürftig. Ich bin also Esther Alloun und Samuel Alexander sehr dafür dankbar, dass sie uns so viel Information über das Thema geliefert haben und auch dafür, dass sie auf die Aspekte hingewiesen haben, die sympathische Kritik erfordern. Hier ist der Link:

http://simplicityinstitute.org/wp-content/uploads/2011/04/TransitionMovement.pdf

    In den 1980er Jahren wurde es mir von der Universität der Vereinten Nationen (Tokio) ermöglicht, eine partizipierende Forschungsstudie über die damals noch neuen sozialen Bewegungen (NSM) in der Bundesrepublik Deutschland zu machen – einschließlich einer über den Ursprung, Entwicklung und "Ende" Der Grünen (Partei).* Ich denke, es könnte für alle politischen AktivistInnen nützlich sein zu hören, welche Gedanken mir – 30 Jahre später – während und nach der Lektüre des soliden Papiers von Esther und Samuel durch den Kopf gingen.

    Ich will nicht über die Punkte reden, bei denen ich mit Esther und Samuel übereinstimme. Im Folgenden gehe ich auf einige andere Punkte ein, nur auf solche, die die Autoren nicht in ihrem Papier behandelt haben, die ich aber für die Entwicklung einer Strategie für die von uns gewünschten Veränderungen als wichtig erachte. Sie beruhen auf meinen Studien sowie auf meinen Erfahrungen in Indien und Deutschland – sowohl als Aktivist als auch als Teilnehmer an relevanten Diskussionen.

Probleme mit dem Ziel

    1. Diskussionen über Strategie setzen voraus, dass die TeilnehmerInnen zumindest grob einig über die Ziele sind, die mit der Strategie erreicht werden sollen.

     Das Ziel der TTM ist es, die Gesellschaft belastbar gegen die Schocks zu machen, die uns bevorstehen und die teilweise schon im Gange sind. Spezifisch erwähnt werden das Peak Oil, der globale Klimawandel und die globale Finanz-und Wirtschaftskrise. Viele andere, weniger wichtige Themen werden auch erwähnt: Lokalisierung, soziale Gerechtigkeit, Solidarität, Einbeziehung von verschiedenen sozialen Schichten etc. Sie sind sowohl Ziele als auch Mittel zur Erreichung des Hauptziels. Das Papier von Esther & Sam zeigt, wie problematisch der Belastbarkeitsdiskurs ist. Die TTM will die Gesellschaft belastbar machen, damit sie nicht völlig zusammenbricht. Das Ziel ist nicht, das gegenwärtige Gesellschaftssystem zu verändern, das nicht nur die von der TTM anvisierten schockartigen Probleme verursacht hat, sondern auch völlig ungeeignet ist für den Zweck. Es ist darüber hinaus ein völlig ungerechtes System. Das ist zu wenig und zu schlecht. Ich behaupte, dass nichts weniger als ein grundlegend neues Gesellschaftssystem das bestehende ersetzen muss, damit die Menschheit die fraglichen Schocks erfolgreich überstehen kann.

    Das bedeutet, kurz gesagt, Bewegungen wie die TTM sollten ein größeres Ziel verfolgen, das – abgesehen davon, dass es groß und zweckmäßig ist – auch notwendig ist, um Menschen anzuziehen und sie zu inspirieren, sich der Bewegung anzuschließen. Wir brauchen uns dafür nicht eine perfekt-ideale Gesellschaft als Ziel zu setzen. Ein Ideal wird wohl immer ein Ideal bleiben. Aber eine akzeptabel gute und friedliche Weltgesellschaft ist möglich und kann daher unser Ziel sein. (Diese Behauptung erfordert natürlich Ausarbeitung und ausführliche Diskussion.) Sehr wichtig ist hier der Begriff Weltgesellschaft. Einen kleinen Ort oder sogar ein Land (England, Deutschland oder Italien) belastbar und seine Gesellschaft gut und friedlich zu machen und die anderen zu vergessen, wäre kein großes Ziel, sondern ein selbstsüchtiges – einer großen sozialen Bewegung unwürdig. Zudem würden Bemühungen, so ein begrenztes Ziel zu erreichen, auch vergeblich sein. Die Verdammten der Welt stürmen bei ihrer Suche nach einem sicheren Hafen bereits die Tore dieser und ähnlicher Länder. Neo-Nazis und fremdenfeindliche rechte/reaktionäre Parteien sind bereits auf dem Vormarsch in solchen Ländern.

    Trotz dieser Kritik lobe ich die TTM. Sie ist besser als die NSM im Deutschland der 1980er Jahre. Die Letztere war eigentlich ein Konglomerat von mehreren Ein-Punkt-Bewegungen und Kampagnen. Eine davon, die Ökologiebewegung, war auch nur ein Konglomerat von verschiedenen und getrennten Ein-Punkt-Bewegungen bzw. Kampagnen: die Anti-Atomkraft-Bewegung, die Bewegung gegen Waldsterben, Bemühungen für eine bessere Luftqualität, Bemühungen für den Schutz bedrohter Tierarten usw. Im Vergleich zu diesen hat die TTM ein breiteres Spektrum von Zielen. Das ist schon ein Fortschritt. Andererseits ist die TTM schlechter als die NSM, denn sie scheint die Themen Konsum und Wirtschaftswachstum zu meiden, die die meisten AktivistInnen der NSM (insbesondere die der Ökologie-Bewegung als Ganzes) für sehr wichtig hielten. Aber das war vor der Mitte der 1980er Jahre, als die Opportunisten in den Grünen und in der NSM von der Möglichkeit der Ökologisierung der Industriegesellschaft – mithin des Kapitalismus – zu reden begannen.

     In den Grünen hatte eine große Anzahl von Linken (einschließlich Kommunisten) mit verschiedenen Hintergründen versucht, ökologische Ziele mit ihren gesellschaftlichen Zielen zu verbinden. Ihre langfristige Vision war eine Art ökosozialistische Gesellschaft (der Begriff wurde auch manchmal verwendet). Aber sie wurden nach einigen Jahren von der opportunistischen Mehrheit, die die Partei unbedingt zu einer Regierungspartei machen wollte, aus der Partei verdrängt.

    2. Eine andere Sache, die wir uns im Kontext der Ziel-Frage merken müssen, ist dies: Die größte Schwierigkeit, die Massen für eine genuine Ökologiebewegung zu gewinnen, ist ihr Ziel selbst. Die Ökologiebewegung ist die einzige soziale Bewegung, die verspricht, falls erfolgreich, den Lebensstandard von allen zu senken. Sie verspricht auch Einschränkung von verschiedenen Freiheiten: zum Beispiel, die Reisefreiheit, die Freiheit, Luxusgüter und von weit her importierte Güter zu konsumieren (z.B. Ananas in Norwegen zu essen), die Freiheit, eine eigene Zeitung herauszugeben (Papier wird ein knappes Gut sein) und, allgemein gesprochen, alle Freiheiten, die einen hohen Grad an Ressourcenverbrauch erfordern.

    Alle anderen sozialen Bewegungen, die davon ausgehen, dass sich das Wirtschaftswachstum fortsetzen wird, versprechen das Gegenteil, nämlich eine Verbesserung in beider Hinsicht. In der Tat, solange die Wirtschaft wächst, können regelmäßige höhere Lohnforderungen der Arbeiterbewegung erfüllt werden. Auch ihre sonstigen Forderungen (z.B. Arbeitszeitverkürzung) können mehr oder weniger leicht erfüllt werden. Wünschen der Bürgerrechtsbewegung können stattgegeben werden, Frauen dürfen dann mehr Rechte genießen, Homosexuelle dürfen heiraten, Einwanderern können langfristige Aufenthaltsgenehmigungen gewährt werden usw. usf. Aber die Ökologiebewegung stellt sich dem Wirtschaftswachstum entgegen. Was für Ottonormalverbraucher noch schlimmer ist, sie tritt für Wirtschaftsschrumpfung ein, für de-growth. Obwohl Millionen von Menschen um die schwere ökologische Krise wissen, hat niemand je für Austeritätsmaßnahmen randaliert, wie Esther und Sam schreiben. Ganz im Gegenteil. Das ist auch der Grund dafür, dass die Gewerkschaften Gegner Der Grünen in deren frühen Jahren waren. Das erklärt auch, dass die weniger entwickelten Länder, insbesondere China und Indien, sich vehement weigern, eine Verpflichtung einzugehen, ihre CO2-Emission zu reduzieren.

    3. Selbstverständlich kann diese Schwierigkeit dadurch überwunden werden, dass man Illusionen von technologischer Lösung ökologischer Probleme (z.B. durch erneuerbare Energien/Ressourcen) und, darauf basiert, Illusionen von nachhaltiger Entwicklung, grünem Wachstum, grünem Kapitalismus etc. verbreitet. Aber wahre Öko-AktivistInnen sind nicht (sollten nicht) daran interessiert (sein), ephemere Gewinne an öffentlicher Unterstützung auf der Basis solcher Illusionen zu erzielen. Sie müssen die ökologische Wahrheit sagen. Was können sie also bieten, um mehr Unterstützung von durchschnittlichen Menschen zu bekommen? Sie können die Aussicht auf eine friedliche, egalitäre, ausbeutungs- und unterdrückungsfreie Welt als Ausgleich für einen niedrigeren Lebensstandard bieten. Sie können bieten, dass in ihrer guten Gesellschaft niemand unfreiwillig arbeitslos sein wird, dass niemand aus keinem Grund benachteiligt sein wird, dass niemand von der Polizei gefoltert werden wird. Das sind auch materielle Dinge. Jede, die Arbeitslosigkeit oder materielle Unsicherheit erlitten hat, jede, die mitten in einem Krieg oder Bürgerkrieg gelebt hat, jede, die die Bedrohung erlebt hat, aus ihrer Wohnung geworfen zu werden oder nicht in der Lage war, Prämien für eine Krankenversicherung zu zahlen, versteht den Wert dieser Sicherheitsgarantien. In einer solchen Gesellschaft werden sie sich auch freier fühlen, Kritik an der Regierungspolitik zu äußern. Natürlich werden Unternehmer-Typen von Menschen, diejenigen, die etwas produzieren und verkaufen, irgendetwas, oder mit Aktien und Währungen spekulieren, um reich zu werden, werden nicht von dieser Vision angezogen sein. Wir müssen sie halt ignorieren. Sie werden auch im gegenwärtigen System von normalen Menschen kritisiert.

    Ich bin davon überzeugt, dass, um die Ziele der wahren Ökologen erreichen zu können, der Kapitalismus überwunden und eine ökosozialistische Gesellschaft aufgebaut werden müssen. (Für Details meiner Argumentation siehe mein Buch Die nachhaltige Gesellschaft) **

    4. Ein sehr wichtiger Punkt, den ich im Programm der TTM (wie von E & S zusammengefasst) sowie in der Kritik davon vermisse, ist das Bevölkerungsproblem. In Europa und anderen reichen Ländern des Nordens (einschließlich Japan und Australien), ist es ein allgemeiner blinder Fleck bei Diskussionen über die Ökologiekrisen und Fragen der Armut. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Zum einen gibt es das Problem in diesen Ländern nicht mehr. Und zweitens haben die politischen AktivistInnen dieser Länder Angst, es zu erwähnen Denn die Menschen in den weniger entwickelten Ländern, wo die Bevölkerung immer noch wächst und wo zumal die meisten Menschen schwarz und braun sind, werden bei Erwähnung dieses Problems wütend. Schließlich genießen ja die Öko-AktivistInnen des Nordens, die allermeisten von ihnen jedenfalls, ihren hohen Lebensstandard ohne Bedenken. Und sie tun ja auch nicht ihr Bestes. den Planeten zu retten. Aber kein Programm für die Rettung des Planeten ist überzeugend, wenn nicht auch das Bevölkerungsproblem angesprochen wird.

Probleme mit der Strategie

    5. Ich teile die Meinung der TTM, dass derzeit nicht viel von den Staaten und den regierenden Politikern zu erwarten ist. Letztere haben hauptsächlich ihre Karriere im Sinn. Derzeit wird in einer Demokratie, wie wir sie bei uns haben, jede Politikerin abgewählt, wenn sie es wagt, von der Notwendigkeit eines Wachstumstops zu reden, erst recht, wenn sie für Wirtschaftsschrumpfung plädiert. Auch diejenigen, die nicht an der Macht sind, wollen wiedergewählt werden. Politik ist halt ihr Beruf. Das heißt, auch sie werden nicht gegen Wirtschaftswachstum kämpfen. Die einfache Wahrheit ist, dass die große Mehrheit der Wähler nicht besser sind als die Politiker. Und ein Volk bekommt die PolitikerInnen, die es verdient. Aber einige Leute müssen dies tun, d.h. die ökologische Wahrheit sagen. Man mag es ihnen übel nehmen, dass sie sich als die Avantgarde vorstellen. Aber nichts wird passieren, wenn nicht eine Avantgarde die Initiative ergreift.

    Damit sie wirklich frei bleiben, die ökologische Wahrheit zu sagen, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit, müssen solche Menschen frei sein von der Versuchung und/oder Notwendigkeit, sich ihre Projekte von etablierten Stiftungen oder Behörden finanzieren zu lassen,. Die ökologische Wahrheit und die logischen und zwingenden Vorschläge zur Lösung der Probleme müssen weit verbreitet werden, so dass in ein paar Jahren ihre intellektuelle und publizistische Hegemonie im Sinne Gramscis erreicht werden kann (Gramsci sprach von kultureller Hegemonie). Die AktivistInnen der TTM scheinen das nicht zu tun, zumindest nicht im Moment. Sie sind Opfer von einigen Illusionen, die sie selbst verbreiten. Ich denke, je mehr sich die Krisen verschärfen, desto möglicher/wahrscheinlicher wird die Hegemonie unserer Analyse und Lösungsvorschläge.

    Wenn die intellektuelle und publizistische Hegemonie erreicht worden ist, wird sie sich etwa in Sätzen wie diesem manifestieren: Ja, Sie haben recht mit Ihren ökologischen Wahrheiten, aber was kann ich tun? Ich bin ja nur ein kleiner Mensch. Wir können dann hoffen, dass die Wähler solche PolitikerInnen wählen (oder keine abwählen) würden, die Meinungen äußern, die wahre Ökologen vertreten. Später werden wir wohl Grund zur Hoffnung haben, dass, egal welche PolitikerInnen und welche Parteien an die Macht kommen, die parlamentarische Mehrheit sich nicht davor scheuen würde, Gesetze im Sinne ökologischer Nachhaltigkeit zu verabschieden. Diese Hoffnung kann mit der heutigen Situation verglichen werden: Egal, welche PolitikerInnen und welche Parteien ein Land regieren, die Regierung verfolgt eine Politik der neoliberalen kapitalistischen Globalisierung, weil diese Politik in den frühen 1990er Jahren die Hegemonie über das ökonomische Denken gewonnen hat und, trotz vielfältiger Krise, kein bisschen schwächer geworden ist.

     Das sind Ideen für die Übergangszeit. All dies kann zu lange dauern, in welchem Fall der Kollaps nicht verhindert werden kann. Aber eine bewaffnete Revolution ist nicht mehr möglich, da die gut bezahlten und gut bewaffneten Berufssoldaten und Polizisten der herrschenden Klassen (auch die von fremden Mächten) bereit sind, wenn befohlen, Revolutionäre und gewöhnliche Aufständische zu töten. Der kommende Kollaps wird wahrscheinlich zu einer Art Diktatur führen, wahrscheinlich zu einer der Faschisten und Reaktionären. Sie werden versuchen, die Probleme auf ihrem eigenen Weg und mit ihren eigenen Methoden anzugehen, und sie werden sich dabei nicht um den Zustand des Planeten, das Wohlergehen der künftigen Generationen etc. kümmern.

    6. Im Gegensatz zu meiner Top-down-Strategie, – nämlich, zuerst die intellektuelle und publizistische Hegemonie erreichen, die hoffentlich dazu führen wird, dass eine wachsende Zahl von Abgeordneten der Regierungsparteien, unsere Analyse und Ideen akzeptieren – gibt es auch Bottom-up-Strategien für den Wandel. Die Strategie der TTM für den Aufbau von Belastbarkeit auf lokaler Ebene ist ein konkretes Beispiel davon. Aber TTMs Ziel ist es nicht, einen Systemwandel zu bewirken. Darum wird es leicht sein, sie zu kooptieren (wenn das nicht schon geschehen ist). In der Tat können alle reformistischen Bewegungen für diese oder jene Veränderung kooptiert werden. Die Geschichte ist voll von Beispielen für diesen Prozess. In Deutschland sind heute sowohl die Reste der NSM (die großen Umweltverbände) als auch die Partei Die Grünen Partner der herrschenden Klassen und Stützen ihres Systems.

    In den 1980er Jahren gründeten in Deutschland revolutionäre junge Menschen mehrere Kommunen – sowohl in ländlichen als auch in urbanen Gebieten. Sie lebten und arbeiteten dort zusammen (in den studentischen Kommunen waren jedoch Theorien diskutieren und psychische Probleme analysieren die Haupttätigkeit). Die Idee war, die kommunistische Gesellschaft der Zukunft in Kleinem vorwegzunehmen oder zumindest auszuprobieren. Das war also, anders als die Ein-Punkt-Bewegungen von damals, ein großes Ziel. Aber die große Mehrheit von ihnen scheiterten schon bald. Die meisten von ihnen waren auch keine Beispiele einer selbstständigen, selbstorganisierenden wirtschaftlichen Basiseinheit. Sie waren alle gut in einem reichen Wohlfahrtsstaat eingebettet. Viele der Kommunenmitglieder erhielten Transferleistungen vom Staat. Solche Gründungen waren also keine Antwort auf eine Notlage bzw. Herausforderung. Was ich damit sagen möchte, ist, dass es wenig Sinn macht, sie als eine erfolgversprechende Strategie für unsere heutige politische Arbeit zu betrachten.

    Ted Trainers kleine, großteils selbstversorgende, selbstorganisierende, anarchistische (radikaldemokratische) Gemeinschaften müssen aber selbständig, d.h. finanziell vom Staat oder anderen Organisationen unabhängig, sein. Denn Ted stellt sie sich als aufkommende positive Reaktionen auf den (drohenden) Zusammenbruch des Staates vor. Es scheint mir, dass Ted denkt, der Kollapse sei unvermeidlich. Ich würde lieber noch versuchen, ihn durch meine Strategie zu verhindern. Aber es ist wahr, die Menschheit hat nicht mehr viel Zeit für die Rettungsarbeit. Deshalb ist es vernünftig, sich an beiden Enden gleichzeitig zu engagieren, an der Oberseite als auch an der Unterseite.

    Zumindest in der Gegenwart und in der nahen Zukunft wird keine Gemeinschaft wirklich selbstversorgend sein können. Wir leben nicht in den Amazonas-Dschungel und möchten auch nicht dort leben. Alle Gemeinschaften müssen die Dinge, die sie nicht selbst produzieren können, importieren, selbst ganz einfache Dinge wie Salz oder Stein,. Darum muss irgendeine Art Warentausch zwischen mehr oder weniger fernen Orten stattfinden. Dann muss auch ein Staat oder eine staatsähnliche Organisation da sein, um den Tausch zu regulieren und für Ordnung zu sorgen. Es wäre gut, wenn diese Organisation eine sozialistische wäre. Denn, wenn der Zusammenbruch geschehen ist, wird es notwendig sein, alles Knappe zu teilen, was zur Verfügung steht. Deshalb wäre es gut, schon in der Gegenwart eine öko-sozialistische Perspektive zu fördern und egalitäres Denken zu stärken. Diese sind zudem inspirierende Ideen, wie wir aus der Geschichte wissen. Wir sollten uns auf den Kollaps und nachfolgende Aktionen vorbereiten. Wir müssen schon fertig sein mit einer überzeugenden Perspektive und einem Aktivitäten-Plan, wenn der Kollaps da ist.

    7. Ein letzter Punkt: Können Individuen als Individuen etwas tun? Das heißt, können sie etwas zur Rettung des Planeten beitragen? Und dazu, die menschliche Gesellschaft dadurch etwas besser und friedlicher zu machen? Es wurde oft gesagt, dass Konsumverzicht ein wirksames Mittel zur Erreichung unseres Zieles ist, wenn Millionen das tun. Der große Vorteil dieser Strategie ist, dass, eine Person ihren Konsum reduzieren kann, ohne dass dafür ein Gesetz verabschiedet werden muss. Und sie braucht dazu auch kein Geld von den Eltern oder Großspendern, ohne das Bottom-up-Projekte wie Landkommunen, Öko-Dörfer usw. nicht beginnen können. Viele sensible Öko-Freunde praktizieren schon diese Konsumverzichtsstrategie. Sie kann auch eine Einfacher-Lifestyle-Strategie bezeichnet werden.

    Allerdings gibt es auch Grenzen dessen, was sogar eine entschlossene Konsumverzichterin tun kann. Von den Zwängen, die uns die heutige kapitalistische Industriegesellschaft auferlegt, gibt es viele. Zum Beispiel muss man heute einen PC mit Internet-Verbindung haben, um überhaupt in der Lage zu sein, mit Verwandten, Freunden und Genossen zu kommunizieren. Selbst die gute alte Telefonie fügt der Umwelt jede Menge Schaden zu. Und eine Person, die in einem Dorf lebt, muss ein Auto haben. Zwei Bereiche, in denen eine Person mehr Spielraum hat, sind Nahrung und Kleidung. Aber, beispielsweise, auf Fleisch zu verzichten, ist für eine Westlerin sehr schwierig, und auf zuckerige Snacks zu verzichten, ist sehr schwierig für eine Bengalin. Schließlich wäre es keine glückliche Welt, wenn Menschen selbst bei einer so elementaren Sache des Lebens wie Essen unglücklich sind. Das ist alles richtig. Dennoch kann es nicht bestritten werden, dass eine weitweite Konsumverweigerungsbewegung eine gewisse Wirkung auf Politik und Wirtschaft haben würde. Öko-AktivistInnen müssen jedoch davon absehen, Freunde und Verwandte wegen ihrer Ökosünden zu nörgeln. Das ist der sicherste Weg, Sympathisanten zu verlieren. Lass jede tun, was sie kann, und hoffen, dass andere ihrem Beispiel nacheifern.


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*Green-Alternative Politics in West Germany:

Vol.1. The New Social Movements

Vol.2. The Greens

Beide Bände veröffentlicht von The United Nations University Press, Tokyo, 1993 & 1994.

**Die nachhaltige Gesellschaft – eine kritische Analyse der Systemalternativen. Zürich, Rotpunktverlag. (vergriffen; beim Autor sind noch einige Exemplare erhältlich. Auch als book on demand erhältlich bei SVH-Verlag, Saarbrücken).

Mittwoch, 2. Juli 2014

Gotteskrieger gegen säkularen Staat -- zur Boko Haram und ISIS


Zurzeit geschieht vor unseren Augen etwas, was schwer zu verstehen ist. Aber wir müssen es verstehen, wenn wir noch für unsere politische Vision arbeiten wollen.

    In Nigeria kämpft eine Bande von islamistischen Fundamentalisten, nämlich Boko Haram, für ihren „Gottesstaat“, tötet Zivilisten anderen Glaubens, zerstört Bildungseinrichtungen und entführt Mädchen. Und der säkulare Staat Nigeria – das bevölkerungsreichste Land und Wirtschaftsmacht Nummer eins in Afrika – ist ihr gegenüber machtlos. Etwas Ähnliches geschieht auch im Irak. Eine relativ kleine Truppe von islamistischen Dschihadis namens ISIS (Islamischer Staat im Irak und Syrien) – nach Schätzungen westlicher Experten (zusammen mit verbündeten Sunni militanten Gruppen) etwa zehn tausend Mann stark – überfiel Nordwestirak, und die dort stationierten Soldaten der etwa zweihunderttausend Mann starken Armee des Staates ergriffen in Panik die Flucht, total kampflos. Sie warfen sogar ihre Uniformen und Helme weg und liefen (wahrscheinlich) direkt nach Hause. Dass die betreffenden Einheiten überrascht wurden, kann nicht die einzige Erklärung für die Flucht sein. Denn auch an den folgenden Tagen konnte die Armee den Vormarsch der ISIS-Kämpfer nicht stoppen.

Diese totale Machtlosigkeit der Armeen der betreffenden Staaten ist bemerkenswert. Auch in puncto Kriegsmaterial gibt es keine Überlegenheit der Gotteskrieger. Das Einzige, das einem zur Erklärung der unterschiedlichen Kampkraft der beiden Seiten einfällt, kommt aus dem Bereich der Psychologie. Die einen, die Gotteskrieger, sind hoch motivierte Kämpfer für eine Sache, der sie ihr Leben hingegeben haben. Sie kennen keine Furcht, sind jederzeit bereit, für ihre Sache zu sterben – wenn nötig, auch als Selbstmordattentäter. Die anderen sind nur einfache Leute, die in der Armee einen Job gefunden haben. Den Sold wollen sie gerne kassieren, ihr Leben riskieren wollen sie aber ungern. Auch in Afghanistan und Somalia haben wir diesen Kontrast beobachtet. Die diversen Politiker, die Clanführer bzw. Warlords und ihre Soldaten hatten die Talibans und der Al-Shabab leicht in die Flucht geschlagen. Es bedürfte einer regelrechten Invasion der Amerikaner bzw. der von den Amerikanern unterstützten Armeen der Nachbarstaaten, um die Talibans und den Al-Shabab von den Städten zu vertreiben. Aber die letzteren sind gar nicht geschlagen. Sie kämpfen weiter, jetzt als Guerilleros. Al-Shabab-Kämpfer verüben sogar Attentate tief im Feindesland, nämlich in Kenia.

Diese Zähigkeit und diese Kampfkraft kommen ganz klar hauptsächlich daher, dass diese Krieger – zumindest ihre Führer – das ihrer Ansicht nach höchst denkbare Ziel verfolgen. Sie streben nichts weniger als die Errichtung eines „Gottesstaates“ an. Alle, die ihnen bei der Verfolgung dieses Zieles im Wege stehen, sind zu vernichten. Von den Soldaten der Staatsarmeen wird dagegen nur verlangt, dass sie gegen jene kämpfen, die der jeweilige Machthaber als Feind betrachtet.

Maliki kann seinen Soldaten nicht weismachen, dass er als Staatsführer irgendein höheres Ziel verfolgt. Die irakischen Schiiten sind zudem nicht mittels eines eigenen bewaffneten Aufstands im Sinne einer Befreiungsbewegung an die Macht gekommen, sondern nur dadurch, dass sie die amerikanische Invasion hinnahmen, die Amis dem Saddam-Regime den Garaus machen ließen und dass sie im Irak eine satte Bevölkerungsmehrheit ausmachen. (Die Kurden im Norden kollaborierten zwar mit den Amerikanern, aber sie hatten doch vor 2003 viele Jahre lang für ihren kurdischen Nationalstaat gekämpft.). Es nimmt also nicht Wunder, dass nun die Ayatollahs und Imame auf den Plan treten und schiitische junge Männer dazu aufrufen, als Freiwillige in den Kampf zu ziehen, um ihre heiligen Pilgerstätten zu verteidigen.

In den zwei Jahren zuvor haben wir auch in Syrien gesehen, dass weder die professionelle Staatsarmee von Syrien in der Lage war, den bewaffneten Aufstand niederzuschlagen, noch konnten die säkularen Soldaten und Offiziere der Freien Syrischen Armee Assad von der Macht stürzen. Darum mussten schließlich einerseits die schiitischen Gotteskrieger von Hisbollah dem Assad-Regime zu Hilfe eilen, und andererseits mussten sich die sunnitischen Gotteskrieger von Al Nusra und ISIS im Kampf gegen das Assad-Regime engagieren. Beide Seiten konnten Erfolge erzielen. Die Hisbollah-Kämpfer konnten das Assad-Regime retten, und die ISIS-Kämpfer konnten weite Teile des Nordens befreien.

Über die korrupte herrschende Elite in Nigeria ist inzwischen genug bekannt. Es ist auch bekannt, dass den Soldaten an Motivation fehlt. Über den Zustand der nigerianischen Armee kann man Folgendes lesen:

“ Die Opposition in Nigeria wirft 2014 der Regierung und dem Militär totales Versagen vor. Die Armee sei in einem verrotteten Zustand. Die Moral der Soldaten sei schlecht, u.a. da sie oft wochenlang auf ihren Sold warten müssten. Die Ausrüstung des Militärs sei verwahrlost und die interne Kommunikation chaotisch. Die Disziplin der Truppen sei schwach. Bestechliche Offiziere würden mit Boko Haram kollaborieren. Im Mai 2014 wurde gegen neun Generäle wegen Waffenverkäufen an Boko Haram ermittelt. Nach einem Überfall am 13. Mai 2014 auf einen Stoßtrupp der 7. Infanteriedivision … wurde beim anschließenden Truppenbesuch des kommandierenden Generals dessen Fahrzeug von eigenen Soldaten beschossen. Die Soldaten verdächtigen ihren eigenen Kommandeur der Kollaboration mit Boko Haram.“ (Wikipedia-Deutsch)

Über den Zustand der irakischen Armee kann man Folgendes lesen:

„Jüngste Einschätzungen westlicher Beamter und Militärexperten deuten darauf, dass etwa ein Viertel der irakischen Streitkräfte ‚kampfuntauglich‘ ist; ihre Luftwaffe ist winzig klein; die Moral unter den Truppen ist niedrig und ihre Führung leidet an weit verbreiteten Korruption.‘ … ‚60 unter den 243 Kampfbataillons der Armee‘ sind unauffindbar und alle ihre Ausrüstungen sind verloren.‘ … ‚Fünf der 14 Divisionen der Armee sind kampfuntauglich – einschließlich der zwei, die in Mosul überrannt wurden. Iraks Armee ist [im Wesentlichen nur] eine Kontrollpunkt-Armee, aber … sie haben weder die Geräte noch den Willen, auch nur das in der präzisen und effektiven Weise zu machen wie die US-Soldaten, als sie dort waren.‘ …‘Irakische Soldaten ließen ihre Zukunft unberücksichtigt. Sie interessierten sich [nur] für den Sold. Aber die irakische Zivilbevölkerung war zu Tode erschreckt.“ (Rubin & Gordon 2014)

Über die ISIS-Kämpfer liest man Folgendes:

“Ein Kommandeur der irakischen Armee sagte: ‚Die ISIS-Kämpfer sind zahlenmäßig geringer, aber sie sind gut ausgebildet.‘ … ‚Sie haben die Bereitschaft zu sterben, darum sind sie furchtlos.‘ … ‚Westliche Beamten beschreiben die ISIS als ein sehr viel zäherer Feind als der, dem die US-Militärs gegenüberstanden, als sie den Al Qaeda in Irak bekämpften. … Sie scheinen auch engagiert für ihre Sache zu sein, nämlich die Kräfte der modernen Welt zu besiegen und das Territorium, das sie erobern, zu einer früheren Form des Islams zurückzuführen. … ‚Bis jetzt scheinen die Kämpfer unbeeindruckt zu sein von Verlusten im Kampf. Bis jetzt können sie ihre Gefallenen schnell durch Kämpfer aus Syrien, Saudi Arabien, Libanon, Tschetschenien und Europa ergänzen. Diese scheinen vom Erfolg im Irak angezogen zu sein.“ (ebenda)

Zwei unbekannte (wahrscheinlich amerikanische) Leser des Artikels, aus dem ich oben zitiert habe, kommentierten so: “Angesichts der Tatsache, dass sie [die irakische Armee] vom amerikanischen Militär ausgebildet wurde, finde ich es erstaunlich. Warum und wie konnten die USA dies [die Flucht etc.] geschehen lassen? Die Iraker wurden von den Besten ausgebildet, dann sollten sie auch die Besten sein. Ich verstehe das nicht.“ …Und: „Was war das für eine Ausbildung, die es verursachte, dass die irakische Armee schon beim ersten Zeichen vom Kampf schneller weglief als ein TV-Cartoon- Charakter?“ (ebenda). Dazu möchte ich sagen, diese zwei Kommentatoren haben nicht verstanden, dass Engagement und Kampfmoral nicht durch Ausbildung und Sold geimpft werden können.

 
Tiefere Ursachen des Aufstiegs der Boko Haram und der ISIS

Wenn es aber soweit gekommen ist, dass die regierende Elite von Nigeria nicht einmal den Soldaten regelmäßig ihren Sold zahlt, obwohl das Land Afrikas Wirtschaftsmacht Nummer eins ist, dann ist es kein Wunder, dass diese Armee die mit Hingabe kämpfenden Überzeugungstäter der Boko Haram nicht besiegen kann.

    Es muss hier aber auch gesagt werden, dass Korruption bei der herrschenden Elite nicht der einzige Grund dafür ist, dass die Soldaten nicht regelmäßig ihren Sold bekommen, was bei ihnen zur sinkenden Moral führt. Es gibt auch einige tiefere, nämlich materiell-ökonomische, Gründe dafür. In einem englischen Zeitungsartikel (Ahmed 2014) liest man:

„Während Korruption und älter werdende Infrastruktur eine wichtige Rolle spielen, ist das Ende des billigen Öls das eigentliche Problem. Eine Studie von zwei nigerianischen Gelehrten kam 2011 zu dem Schluss, ‚man sieht einen nahe bevorstehenden Rückgang vom Nigerias Ölreichtum, da der Scheitelpunkt von Ölförderung schon erreicht worden sein könnte oder bald erreicht sein würde.‘   ‚Nach einem leitenden Manager von Shell sind die Rückgangsraten der Ölförderung im März dieses Jahres so hoch wie 15 bis 20 Prozent.‘ “ (Ahmed 2014)

    Der Autor schreibt auch von Nigerias zunehmender Energiekrise: „In den letzten Monaten erlebte das Land eine Brennstoffkrise – zum Teil verursacht durch die Kürzung der vorherigen hohen Subventionen, die bezahlt wurde, um die Brennstoffpreise erschwinglich zu halten. Das heizte öffentlichen Zorn und Unruhen an“ (ebenda). Das ist eine pure Wirtschaftskrise. Wenn wir dazu noch an das rapide Bevölkerungswachstum denken – 159 Millionen Menschen im Jahre 2010 mit einer jährlichen Wachstumsrate von 3% (Wikipedia - Englisch) – dann verstehen wir, wie ernst die wirtschaftliche Lage in Nigeria ist.

    Das ist nicht alles. Der Autor der obigen Zitate schreibt auch:

„Seit über einem Jahrzehnt wächst die Instabilität in Nigeria ständig – und ein Grund dafür ist der Klimawandel. 2009 warnte eine Studie der britischen Behörde für internationale Entwicklung (Dfid), dass der Klimawandel in Nigeria zur Verschärfung der Ressourcenknappheit beitragen könnte – verursacht durch Ackerbodenknappheit wegen Wüstenbildung, Wassermangel und zunehmende Missernten.

    Eine Studie jüngeren Datums, eine vom … Amerikanischen Institut für Frieden (USIP), bestätigte ‚einen grundlegenden kausalen Mechanismus‘, der den Klimawandel mit der Gewalt in Nigeria in Verbindung bringt.‘ Die Studie schließt:  ‚Mangelhafte Reaktionen auf den Klimawandel verursachen Knappheit von Ressourcen wie Land und Wasser. [Solchen] Knappheiten folgen sekundäre negative Auswirkungen wie mehr Erkrankungen, Hunger und Arbeitslosigkeit. Schlechte Reaktionen darauf öffnen wiederum Konflikten Tür und Tor.“ (ebenda)

    In den 1980er Jahren war die in Nordnigeria beheimatete Sekte Maitatsine der Vorläufer der Boko Haram. Unter ihren Mitgliedern waren viele Opfer von ökologischen Katastrophen, die inmitten einer chaotischen Situation von absoluter Armut und sozialer Entwurzelung nach Nahrung, Wasser, Unterkunft und Arbeit suchten. Es wurde berichtet, dass viele Fußsoldaten der Boko Haram Menschen waren, die wegen einer schweren Dürreperiode und Nahrungsmangel in benachbarten Niger und Chad ihre Heimat verlassen mussten. Etwa 200.000 Bauern und Viehzüchter übertraten damals die Grenze und gingen nach Nigeria (vgl. ebenda).

    Was die ISIS und die mit ihr verbündeten Sunni Rebellengruppen betrifft, gründen sich ihr Aufstieg und Erfolg im Irak nicht nur auf das allgemeine Erstarken des islamischen Fundamentalismus in der ganzen islamischen Welt. Das hat auch viel mit der wirtschaftlichen und politischen Situation im Irak zu tun. Die Ölförderung in diesem zweitreichsten unter den OPEC-Ländern hat sich seit dem Anfang des neuen Regimes gut erholt. Aber außer dem Rohölexport und einigen ölverarbeitenden Industrien gibt es nicht viel, was der ständig steigenden Zahl von arbeitslosen jungen Irakern bezahlte Beschäftigung anbieten könnte. Iraks Bevölkerung – 31,23 Millionen im Jahre 2009 – wächst jährlich um 2,29 Prozent. 25 Prozent der Arbeiterschaft des Landes sind arbeitslos, 25 Prozent der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze (vgl. Wikipedia-English). Auch die von Schiiten dominierte Regierung Maliki hat nicht genug getan, um das Gefühl der Sunniten zu beschwichtigen, dass sie in der Wirtschaft wie in der Politik benachteiligt werden. Das ist auch ein Grund dafür, dass viele Sunnis, die keine Fundamentalisten sind, die von Fundamentalisten geführte ISIS unterstützen.

 Ausblick.

Ich erinnere mich an TV-Berichte aus dem Kongo, als das Land noch Zaire hieß und der Herrscher Mobutu. Die Kleptokratie des an Bodenschätzen reichen Landes zahlte den Soldaten oft keinen Sold. Diese meuterten ab und an und plünderten die Läden und die Bewohner der Hauptstadt, um so ihren Sold einzutreiben. Wir wissen, dass Zaire in den folgenden Jahren in Chaos versank. Der östliche Teil des Landes wurde bald zum Jagdgebiet von Bodenschätze-Räubern. Auch im Irak herrscht zurzeit Chaos, obwohl es ein Chaos einer anderen Art ist. Es ist wahrscheinlich, dass das Land zerfällt. Und dann entstehen auf dessen Gebiet drei Staaten, die erbittert um die reichen Ölquellen des Landes kämpfen. Die von Kirkuk sind schon heute umkämpft.

    Es ist möglich, dass irgendwann auch Nigeria vom gleichen Schicksal heimgesucht wird. So wie das irakische Volk in religiös-ethnische Gruppen geteilt ist, so auch das nigerianische (Muslime, Christen, die Ogonis etc.). Im Irak haben die Kurden schon eine weitgehende Autonomie erreicht; sie wollen nun einen richtigen Staat gründen. In Nigeria fordern die Ogonis politische und ökonomische Autonomie und Umweltschutz, alles bezogen auf Ölförderung auf ihrem Gebiet. So gibt es in Nigeria religiöse Konflikte – Muslime (Boko Haram) gegen Christen –, aber auch inter-ethnische. 1993 kam es zu einem gewaltsamen Konflikt zwischen den Ogonis und den Adonis, infolge dessen etwa 1000 Ogonis getötet wurden und etwa 30.000 flüchten mussten.

    Ich fürchte, überall, wo eine solche Konstellation besteht – verschiedene religiöse und/oder ethnische und/oder Sprachgruppen in einem an Bodenschätzen reichen übervölkerten Staat –, dort werden mehr solche Konflikte entstehen. Mir fallen sofort den Sudan und Südsudan ein.

    Klar spielen bei den Konflikten in Nigeria und im Irak auch Verteilungs- und Machtpolitik eine große Rolle. Aber das langfristige, d.h. das eigentliche, Ziel von ISIS, Boko Haram und sonstigen fundamentalistisch-islamistischen Gruppen ist die Errichtung eines „Gottesstaates“ auf der Grundlage der Scharia und ihrer besonderen Interpretation des Islams. Werden sie erfolgreich sein? Mittelfristig könnten sie siegen, zumindest in den islamischen Ländern. Denn sie kämpfen hingebungsvoll für ein Ideal. Ihre Gegner nicht. Theo van Gogh, der niederländische Filmemacher, der 2004 von einem fanatischen Islamisten ermordet wurde, weil er den Islam bekämpfte, nannte einen weiteren Grund: Im Islam werde jedem Märtyrer versprochen, dass er nach seinem Tod direkt in den Himmel aufsteigen und dort ein höchst schönes Leben führen würde. Sie würden fest daran glauben. Bei ihren Gegnern, den Andersgläubigen, gebe es kein solches Versprechen, und heutzutage glaubten sie eigentlich auch nicht so richtig an ihre jeweilige Religion.

    In Afghanistan, vor der amerikanischen Invasion von 2001, waren sie schon erfolgreich. Ihre moderateren Brüder, gewählt vom Volk, regieren heute in der Türkei. Bis vor einem Jahr regierten sie, auch vom Volk gewählt, kurz in Ägypten. Im Gaza-Streifen konnten sie ihre säkularen Gegner ganz leicht vertreiben.

    Langfristig aber werden auch sie scheitern. Denn, erstens, es gibt keinen Gott, der ihnen helfen könnte, wenn die irdischen Probleme akut würden. Diese sind schon akut und werden immer akuter. In Ägypten wurde das neulich konkret demonstriert. Die Muslim Brüder scheiterten. Und zweitens, Glaube und Scharia allein können die zunehmenden materiellen Bedürfnisse einer wachsenden Bevölkerung nicht befriedigen. Die Türkei ist ein Sonderfall. Sie war schon ein relativ entwickeltes Land, als die AKP-Partei an die Macht kam.

Das westliche Modell des demokratisch-säkularen Staates befindet sich in den islamischen Ländern, aber auch im Rest der Welt, im Rückzug, mehr oder weniger. Langfristig wird es auch scheitern. Man könnte dieses Modell wieder attraktiv machen, wenn man es von seiner gegenwärtigen Liaison mit dem Kapitalismus befreien könnte. In Verbindung mit dem Ökosozialismus könnte es wieder ein attraktives Modell werden, und ein Ziel, für das hingebungsvoll zu kämpfen es sich lohnen würde. Dieses Ziel könnte den Islamisten den Wind aus den Segeln nehmen.

 
Literatur

Ahmed, Nafeez (2014) ”Behind the rise of Boko Haram – ecological Disaster, oil crisis, spy games.” In: The Guardian. Com. 9.05.2014.

Rubin. Alissa J. & Michael R. Gordon (2014) “Iraq’s Military Seen as Unlikely to Turn the Tide”. in: The New York Times (online), 22.6 2014.

PS. In diesem Zusammenhang empfehle ich auch die folgende Lektüre: Die Macht der Religionen und die Ohnmacht der Linken,  von Saral Sarkar.

http://ak-oekopolitik.blogspot.de/2013/08/die-macht-der-religionen-und-die.html

Freitag, 16. Mai 2014

Krugmans Illusion: Wir Werden Immer Reicher, Schädigen aber die Umwelt Nicht

Vor etwa zwei Wochen las/hörte ich Berichte in deutschen Medien über den fünften IPCC-Report zum Klimawandel, vor allem über den dritten und letzten Teil davon. Inzwischen haben wir uns an die regelmäßigen Hiobsbotschaften vom IPCC gewöhnt; wir sind gegen dieses Thema fast unempfindlich geworden. Aber eine Aussage von Ottmar Edenhofer, einer der drei Ko-vorsitzenden der dritten Arbeitsgruppe, hat mich aufhorchen lassen. Er sagte: "Es würde nicht die Welt kosten, den Planeten zu retten“; die Kosten für die Begrenzung der Erderwärmung auf 2 Grad Celsius würden nur 0,06 Prozent weniger jährliches Wachstum sein, als das, was sonst möglich wäre.

    Dann, ein paar Tage später, las ich in der New York Times (17.04.2014) einen Artikel von Paul Krugman (Nobelpreisträger in Wirtschaftswissenschaften) mit dem Titel Climate Change: Salvation Gets Cheap (Klimawandel: Rettung wird billig). Bezugnehmend auf die frohe Botschaft über die Kosten für die Rettung des Planeten, die von der IPCC, schrieb Krugman, er denke, dass das drohende Problem Klimawandel gelöst sei. Er ging sogar noch weiter. Er schrieb: " ... es gibt keinen Grund, warum wir nicht reicher werden und dabei unsere negative Auswirkung auf die Umwelt reduzieren können."

    Man darf vielleicht noch die Hoffnung hegen, dass die Menschheit irgendwie, im letzten Augenblick, die Bedrohung des Klimawandels würde abwenden können. Aber ich denke, es ist unmöglich, dass wir alle reicher werden können, ohne dabei die Umwelt zu ruinieren. Das sind zwei verschiedene, wenn auch verwandte, Sachen.

Sind die erneuerbaren Energien Emissionsfrei?

Krugman bezieht sich auf eine Studie des Energieministeriums der USA – eine mit dem Titel Revolution Now – und kommentiert: "Das klingt nach Übertreibung. Aber Sie begreifen, dass das keine ist, wenn Sie erfahren, dass der Preis von Solarmodulen allein seit 2008 um mehr als 75 Prozent gefallen ist." Nehmen wir an, dass diese bestimmte Information zuverlässig ist. Aber was hat das mit der Abwendung der Gefahr des Klimawandels zu tun? In allen Fällen industrieller Produktion, gibt es Kosten, die so genannten Externalitäten (externalisierte Kosten), die nicht oder nicht ganz von den Unternehmen getragen werden, die die betreffenden Waren produzieren. Solche Kosten werden deshalb auch nicht in der Form von höheren Preisen an die Käufer weitergereicht. Atmosphärische und Meeresverschmutzung durch Schadstoffemissionen sind die besten Beispiele dafür. Solche Kosten werden entweder gar nicht, von niemandem, getragen, oder sie werden sozialisiert, d.h. von allen Mitgliedern einer Gemeinschaft getragen – eines Dorfes, eines Landes, einer Region, der Nachbargemeinschaften oder der gesamten Weltgemeinschaft. Wie es deutsche Ökologen ausdrücken, Preise sagen nicht die ganze Wahrheit über die Kosten. Sozialisierte Kosten können für die betroffenen Gemeinschaften einige unmittelbare Geldkosten zur Folge haben. Es kann aber auch sein, dass die zukünftigen Generationen eines Tages diese Kosten in irgendeiner Form würden tragen müssen – entweder als Geldkosten (z.B. für die Reparatur der Schäden) oder als Verschlechterung der Gesundheit und/oder als Umweltzerstörung verschiedener Arten.

    Wir wissen, dass wir, im Falle des Klimawandels, heute unter den negativen Auswirkungen von in der Vergangenheit in großem Ausmaß externalisierten Kosten leiden. Gemeint ist hier die Emission von Treibhausgasen in die Atmosphäre, die auch in der Gegenwart tagtäglich geschieht. Darum ist es besonders wichtig, Folgendes zu fragen: Werden nicht Treibhausgase auch von solchen Industrien emittiert, die an der Produktion oder Extraktion der Rohstoffe und Ausrüstungen beteiligt sind (Silizium, Solarmodule, Windturbine, Rotoren, Palmöl etc. etc.), die bei der Erzeugung von erneuerbaren Energien verwendet werden? Es besteht kein Zweifel, die Antwort ist: doch. Solche Industrien werden zumeist mit konventioneller Energie betrieben, die zum größten Teil durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe erzeugt werden.

    Wir wissen, dass im Stadium der direkten Umwandlung vom Sonnenschein und Wind in Strom keine Treibhausgase emittiert werden. Aber die Lieferung des so erzeugten Stroms an die Verbraucher benötigt auch Rohstoffe und Ausrüstungen. ((werden wieder Treibhausgase emittiert. Denn)) Kupferkabel, Strommaste, Transformatoren, Speicher wie Batterien etc. werden von Industrien hergestellt, die zumeist konventionelle Energie verbrauchen, die größtenteils durch Verbrennung von fossilen Brennstoffen erzeugt wird. Das heißt, auch die ieferung von erneuerbaren Energien verursacht Emission von Treibhausgasen.

    Man könnte meinen, dass alles in allem, d.h. bei der Produktion und Lieferung einer gewissen Menge Strom, Solar- und Windkraftwerke weniger Treibhausgase emittieren als Kohle- oder Ölkraftwerke vergleichbarer Größe, weil sie ja im Stadium der Umwandlung vom Sonnenschein und Wind in Strom keine fossilen Brennstoffe verbrennen. Das mag stimmen oder nicht. Ich kenne keine Vergleichszahlen zu dieser Frage. Es muss sehr schwierig sein, einigermaßen richtige Zahlen zu dieser Frage auszurechnen. Aber wir können eine Ahnung davon haben, wenn wir das Thema Energiekosten der Produktion von erneuerbaren Energien behandelt haben.

Preis versus Energiekosten von Energie, oder der EROEI

Jeder Ökonom weiß, dass der Preis einer Ware von vielen Faktoren abhängt: Angebot und Nachfrage, Produktionskosten, Steuern, Wettbewerbslage auf den verschiedenen relevanten Märkten, Gewinnerwartung der Unternehmer, ob die Branche Subventionen und andere Begünstigungen (z.B. durch Schutzzoll) von ihrem Staat erhält etc. Produktionskosten hängen vom Stand der Technik, Löhnen und Gehältern, Größenordnung der Produktion und den Preisen der benötigten Rohstoffe und Zwischenerzeugnisse (z.B. Energie), die wiederum von allen diesen Faktoren abhängen.

    Aber wenn wir über die Produktion von Energie sprechen, dann müssen wir noch eine andere Sache in Betracht ziehen. Abends wollen wir Licht, für das wir Energie verbrauchen (in Form von Strom oder einer Flamme auf einer Öllampe). Licht und Energie sind zwei verschiedene Dinge. Wir mögen bereit sein, jede Menge Energie zu verbrauchen, um Licht in gewünschter Menge und Intensität zu bekommen. Aber wenn wir Energie mit Energieverbrauch produzieren wollen, dann wäre es nicht sinnvoll, wenn wir, sagen wir, 9 Einheiten Energie mit Verbrauch von10 Einheiten Energie produzieren.

    Wir müssen auch zwischen verschiedenen Energieformen unterscheiden. In Wärme- und Kernkraftwerken wird elektrische Energie durch Umwandlung von Wärmeenergie produziert, die wir durch Verbrennung von Kohle, Öl oder Gas, oder durch Spaltung von Atomkernen produzieren. (Wir produzieren elektrische Energie auch durch die Nutzung der Energie des fallenden Wassers.) Da wir unbedingt elektrische Energie brauchen – für Hunderte Arten von Arbeit, z. B. für Arbeit mit einem Computer –, mögen wir bereit sein, jede Menge an Wärmeenergie (oder Energie des fallenden Wassers) zu verbrauchen, um die gewünschte Menge an elektrischer Energie zu bekommen. Nachdem elektrische Energie erzeugt ist, wird sie an Millionen von Betrieben, Haushalten usw. geliefert, wo sie für verschiedene Arten von Arbeit verwendet wird.

    Jetzt kommt der für unser heutiges Thema sehr relevante Punkt. Fabriken, die Photovoltaik-Module, Windturbine, Rotoren usw. herstellen, verbrauchen Strom. Selbst wenn sie für bestimmte Schritte im Produktionsprozess etwas Wärmeenergie brauchen, benutzen sie in der Regel Strom, um die Wärme zu erzeugen. Da Photovoltaik-Anlagen, Windkraftanlagen usw. elektrische Energie erzeugen, also die gleiche Form von Energie, die die Fabriken verbrauchen, um diese Anlagen herzustellen, machen solche Anlagen nur Sinn, wenn sie in ihrer gesamten Lebensdauer von ca. 15 bis 20 Jahren mehr Energie erzeugen als die Menge, die verbraucht wird, um sie herzustellen – mit anderen Worten, wenn ihre Energiebilanz positiv ist. Heutzutage gebraucht man auch den Kürzel-Begriff EROEI (energy return on energy invested), um das Verhältnis der erzeugten Energie zu der investierten Energie anzugeben.

    Es gibt viel Ungewissheit über die Energiebilanz (EROEI) sowohl von Photovoltaik- als auch von Windturbinentechnologie zur Erzeugung von Strom. Es gibt Leute (mich eingeschlossen), die bezweifeln, dass die Energiebilanz von Photovoltaik-Technologie überhaupt positiv ist. Was die Windenergietechnologie betrifft, denken diese Leute, dass ihre Energiebilanz zwar positiv ist (2 - ?/1), dass sie aber nicht positiv genug ist, um erfolgreich mit Wärmekrafttechnologie konkurrieren zu können.

    Diese Ungewissheiten und Zweifel halten an, weil es sehr schwierig, vielleicht sogar unmöglich, ist, den genauen EROEI dieser Technologien auszurechnen. Zu viele Aspekte der Studien, die bisher gemacht worden sind, um zu den derzeit bekannten unterschiedlichen Ergebnissen zu kommen, beruhten (beruhen mussten) auf Annahmen und Mutmaßungen. Ich lese Berichte über solche Studien seit etwa Anfang der 1990er Jahre. Ich fand, dass im Jahre 1991 einige Forscher behaupteten, dass in europäischen Klimas die Energierücklaufzeit (energy pay-back time = EPBT ) der Photovoltaik-Technologie – die Zeit, die ein Photovoltaik-Modul braucht, die Menge Energie zu ernten, die in seine Herstellung investiert wurde, – 1,2 bis 2,1 Jahren war. Diese Zahlen waren im Großen und Ganzen vergleichbar mit denen der großen Wärme-und Kernkraftwerke; d.h. die Photovoltaik-Technologie war angeblich schon 1991 wettbewerbsfähig. Aber im Jahre 1995 – nach vier Jahren weiterer Forschung und Entwicklung – rechnete ein anderer Forscher aus, dass diese Zahl (d.h. die EPBT der Photovoltaik-Technologie in europäischen Klimas) 9 Jahre war. Ähnlich, während eine Studie 1984 feststellte, dass der EROEI der Photovoltaik-Technologie 1,7/1 bis 10/1 betrug (offensichtlich in verschiedenen Klimazonen), rechnete 1996 eine andere Studie aus, dass er 0,41/1 (d.h. negativ) betrug. Die jüngsten Zahlen, die ich habe, sind aus einem Artikel (April 2014) von Ted Trainer, der auch seit langem diese Frage studiert. Er schreibt vorsichtig: "... mehrere neuerliche Studien haben herausgefunden, dass, wenn alle relevanten Faktoren berücksichtigt werden, das Verhältnis von mit einem Photovoltaik-Modul in seiner gesamten Lebensdauer erzeugter Energiemenge zu der Energiemenge, die nötig ist, es herzustellen, ist nicht 10/1, wie allgemein angenommen wird, oder 60/1, wie einige Verfechter dieser Technologie behauptet haben, sondern wahrscheinlich zwischen 4/1 und 2,4/1" (die EROEI- und EPBT-Zahlen sind von Sarkar 1999: Kapitel 4; Heinberg 2003: 152f; Trainer 2014).

    Diese Ergebnisse sind nicht nur deswegen ungenau, weil sie zu großem Teil auf Vermutungen und vielen Annahmen beruhen mussten, sondern wohl auch deswegen, weil die Forscher nicht die gleiche Methodologie verwendeten. Auch die Zeit und der Ort der Studien unterschieden sich (die Zeit ist relevant für die technologische Entwicklung und der Ort für die Menge und Intensität des Sonnenscheins). In einer solchen Situation, denke ich, ist es zulässig, Logik und gesunden Menschenverstand zurate zu ziehen, um ein annähernd richtiges Bild von den Aussichten und Versprechungen der erneuerbaren Energien zu erhalten. Dann kann man nicht umhin, ein paar Fragen zu stellen:

    Wenn Solarstromanlagen seit 2008 so billig geworden sind, warum bestehen Energieunternehmen in aller Welt immer noch darauf, neue auf Kohle- und Ölverfeuerung basierende Wärmekraftwerke zu bauen? Und warum suchen Ölgesellschaften immer noch nach Öl, zu enormen Kosten, tief unter dem Meeresboden im Atlantik oder dem Nordpolarmeer? Warum will die japanische Regierung die Atomkraftwerke, die im Gefolge der Fukushima-Katastrophe abgeschaltet worden waren, wieder in Betrieb nehmen? Warum hat Indien, das sehr reich an Sonnenschein und Wind ist und das eine lange Küste besitzt, noch nicht entschieden, Abschied von konventionellen Strom-Technologien zu nehmen, die auf Kohle und Uran basieren? Warum zahlt es immer noch jedes Jahr eine enorme Summe für Ölimporte? Die Entscheidungsträger all dieser Unternehmen und Regierungen können doch gut rechnen!

    Und warum müssen Erzeuger von Ökostrom in Deutschland immer noch die Garantie fordern und gewährt bekommen, dass ihnen jede produzierte Menge Strom abgekauft wird, und das zu garantierten Preisen, die sehr viel höher liegen als die Preise für konventionell erzeugten Strom? Das ist eindeutig Subventionierung. Offenbar können sich erneuerbare Energietechnologien im Wettbewerb mit den konventionellen nicht durchsetzen.

    Hier sind ein paar Worte über Subventionen notwendig. Auch andere Industrien erhalten Subvention dieser oder jener Art. In Deutschland z.B. erhält der Steinkohlebergbau den so genannten „Kohlepfennig“. Aber es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen der Preissubvention, die die erneuerbaren Energietechnologien erhalten, und den Kohlepfennig. Wenn die letztere Subvention nicht mehr bezahlt wird, wird der Steinkohlebergbau in Deutschland nicht mehr existieren, weil die deutsche Steinkohle aus Kostengründen nicht mehr wettbewerbsfähig ist. Aber der Steinkohlebergbau an sich wird weiterleben – in anderen Ländern. Aber die erneuerbaren Energietechnologien würden vielleicht gar nicht existieren können, nirgendwo, wenn die Preissubvention ausfällt, weil eben ihr EROEI negativ oder zu wenig positiv ist. Es gibt auch andere Arten von Subventionen, deren Zweck es ist, den Preis einer Ware aus politischen Gründen niedrig zu halten. In Indien wird z.B. Benzin subventioniert. Wenn die Subvention entfällt, wird der Benzinpreis steigen, und es wird politische Unruhen geben, aber die Benzinindustrie wird nicht aufhören zu existieren. Denn sowohl Erdölförderung als auch Benzinproduktion sehr hohe EROEI-zahlen aufweisen.  

Die Aussichten für erneuerbare Energien

Aber werden sie in Zukunft in der Lage sein, die konventionellen Energietechnologien auszustechen? Oder können sie in nächster Zukunft diese überflüssig machen und den gesamten Energiebedarf der Industriegesellschaften decken, wie manche Optimisten hoffen? Ich denke, die Aussichten für erneuerbare Energien sind negativ. Wir wissen, dass leicht zugängliche und leicht ausbeutbare Rohstoffquellen, insbesondere solche von konventionellen fossilen Brennstoffen, allmählich erschöpft werden und dass neue Funde die verbrauchten Mengen nicht kompensieren können (wir hören ja von peak oil). Die geografischen und geologischen Bedingungen, unter denen die neuen Quellen erschlossen und ausgebeutet werden, verschlechtern sich zunehmend. Wir können solche Bedingungen nicht ändern. Denken wir an Erdölförderung aus dem Boden unter dem Arktischen Ozean! Folglich muss mehr und mehr Energie investiert werden, um Rohstoffe zu extrahieren: Kohle, Öl, Gas, Uran, Metallerze, Sand und Steine, seltene Erden etc. Das heißt, ihre energetischen Produktionskosten (die teilweise auch in ihren finanziellen Produktionskosten reflektiert werden) steigen stetig an. Nun werden alle Ausrüstungsgegenstände aller erneuerbaren Energietechnologien – Solar- und Windkraftanlagen, Biokraftstofffabriken usw. – genau mit solchen Rohstoffen gebaut. Das heißt, die Energie-Investition (EI) in den Bau solcher Kraftwerke steigt kontinuierlich an. Aber der durchschnittliche Energiegehalt vom Sonnenschein und die Tatsache, dass die Sonne nicht in der Nacht scheint, sind kosmologische Konstanten. Klimaforscher sagen voraus (und wir merken es schon), dass mit dem Klimawandel die Windgeschwindigkeit bei Stürmen stark zunehmen wird. Aber das wird Windkraftanlagen wenig nützen. Denn bei starkem Wind müssen deren Generatoren ausgeschaltet werden. Bei solchem Stand der Dinge kann künftig der EROEI der erneuerbaren Energietechnologien nicht steigen. Er wird eher zurückgehen, trotz kleineren technologischen Verbesserungen, die schon möglich sind. Wunder geschehen nicht.

    Aber eine Frage bleibt noch: Wie kommt es, dass Preise von Solarmodulen stark gefallen sind? Wie oben gesagt, Preise von Waren hängen von mehreren Faktoren ab. Im Falle von Solarmodulen ist es bekannt, dass die Hauptursache für deren Preisverfall ist, dass die chinesischen Hersteller in großem Stil auf den Weltmarkt getreten sind. Sie haben keinen technologischen Durchbruch geschafft. Aber ihre Löhne sind sehr viel niedriger als die in Europa und Amerika; sie haben weniger Umwelt- und andere Auflagen; und ihr Staat gewährt ihnen Subventionen und andere kommerzielle Begünstigungen. Und obendrein bieten sie ihre Produkte zu Dumping-Preisen an. Die fünf oder sechs deutschen Hersteller, die vor kurzem in Konkurs gegangen sind, und die, die vom Konkurs bedroht sind, geben diese Gründe für ihre Misere an. Sie beschwerten sich bei der EU-Kommission und forderten sie auf, Beschränkungen über chinesische Ausfuhren der Ware nach Europa zu verhängen. Der Fall endete mit einem Kompromiss. Aber das half den deutschen Herstellern nicht, die bereits bankrott waren. Eine weitere Erklärung für den Preisrückgang ist die Vergrößerung des Produktionsumfangs, die durch die Fördermaßnahmen des Staates in den reichen Ländern ermöglicht wurde.

    Ich denke, der Disput wird in den nächsten zehn Jahren entschieden sein – durch konkrete Fakten vor Ort. "Inzwischen räumen auch EE [erneuerbare Energie]-Befürworter ein", stellt ein grüner Wissenschaftler fest, "dass mit einer dauerhaft rentablen Solarstromerzeugung nördlich des Mittelmeers nicht zu rechnen ist" (Wiesenthal 2013:29).

Der Unterschied zwischen "machbar " und "lebensfähig"

"Aber", Enthusiasten von erneuerbaren Energien fragen mich, "warum schließen Sie ganz aus, dass es Industriegesellschaften eines Tages gelingen wird, nicht-erneuerbare Energien hundertprozentig durch erneuerbare zu ersetzen?" Im Prinzip könnte das natürlich auch irgendwann möglich werden. Die Zukunft ist im Prinzip immer ungewiss. Aber wir müssen schon heute beginnen zu handeln, um vorhersehbare Katastrophen in nicht allzu ferner Zukunft zu verhindern. Das bedeutet, wir müssen auf der Grundlage von weniger als 100prozentig sicherem Wissen handeln. Um effektiv handeln zu können, müssen wir dann zumindest wissen, oder versuchen, aus bekannten Tatsachen zu schließen, was wahrscheinlich ist und was nicht. Ich halte es nicht für wahrscheinlich, dass selbst die besten Erneuerbare-Energie-Technologien der Zukunft es schaffen werden, eines Tages den gesamten Energiebedarf der Industriegesellschaften zu decken.

    Wenn wir mit Licht von Öllampen zufrieden sein könnten und alle Arbeiten mit manueller und tierischer Arbeitskraft plus Wärmeenergie von Holzfeuer verrichten könnten, dann bräuchten wir keine fossilen oder nuklearen Energiequellen. Aber das wäre keine industrielle Wirtschaft, die ohne Strom und ohne flüssige oder gasförmige Energie nicht funktionieren kann. Alle diese letzteren Formen von Energie von Sonnenschein oder Wind zu bekommen, ist zwar machbar, Aber die betreffenden Energietechnologien sind nicht lebensfähig. Ein Naturgesetz, nämlich das Entropiegesetz, steht dem Vorhaben im Wege, eine nachhaltige industrielle Wirtschaft zu schaffen. Ich erkläre.

    Die Energie der Sonne erreicht uns in einem Hochentropie-Zustand, d.h. in hoch zerstreuter Form. Das ist ausreichend für die Landwirtschaft und Pflanzenwachstum, von dem wir Holz für Feuer bekommen. Aber für Stromerzeugung müssen wir eine große Menge an hoch zerstreutem Sonnenschein konzentrieren – mit Hilfe von Photovoltaik-Modulen oder Aluminium-Spiegeln. Die Produktion dieser Geräte, der so genannten Kollektoren, erfordert aber den Verbrauch einer großen Menge an konzentrierter, d.h. niedrig-entropischer Energie, die wir vor allem von in der Natur zu findenden fossilen Brennstoffen erhalten. Das heißt, zur Stromerzeugung können wir diese Technologien nur solange anwenden, wie ausreichende Mengen an leicht extrahierbaren fossilen Brennstoffen (oder Uran) verfügbar sind. Darum nannte Nicholas Georgescu-Roegen (1978) Solarstromtechnologien Parasiten. Mehr oder weniger ähnlich verhält es sich auch mit der Windenergie. Ohne den Wirt (fossile und nukleare Energien) sind Parasiten (Solar- und Windenergien) nicht lebensfähig. Die letzteren wären nur lebensfähig, wenn die zweite Generation der Kraftwerke, d.h. alle benötigten Ausrüstungen von A bis Z – Sonnenkollektoren, Aluminiumspiegel, Windturbinen, Fabriken, Straßen, Fahrzeuge, etc. etc. etc. – ohne den Verbrauch von konventionellen Energien, d.h. nur mit Solar-oder Windenergie gebaut/hergestellt werden könnten. Das wäre nicht möglich, wenn der EROEI (erzeugte netto Energie) von Solar-und Windenergietechnologien so niedrig bliebe, wie er heute ist. Wenn wir davon ausgehen, dass, wie Ted Trainer schreibt, der EROEI von Sonnenkollektoren 2/1 ist, dann würde, nachdem wir diese Energie für unser tägliches Leben und die anderen üblichen Aktivitäten verbraucht haben, kein Überschuss bleiben für die nötige Investition in die Produktion der zweiten Generation von Solar- und Windkraftwerken. Trainer schreibt: "In der Literatur findet man Schätzungen, die besagen, dass für eine Energietechnologie das Verhältnis [der EROEI] mindestens 7/1 sein muss, wenn sie lebensfähig sein soll." Es ist sehr unwahrscheinlich, dass das in Zukunft der Fall sein wird, weil, wie ich oben schon ausgeführt habe, der Trend in die entgegengesetzte Richtung zeigt.

    Dieses Problem kann auch dann nicht gelöst werden, wenn wir versuchen, die enormen Mengen an hoch intensivem Sonnenschein in den Wüsten der Erde zu nutzen. Ein solches Projekt, das Desertec-Projekt von einigen der größten europäischen Konzernen, liegt heute auf seinem Sterbebett.

Schluss

Betrachten wir das Ergebnis von Jahren der Förderung erneuerbarer Energietechnologien in Deutschland durch hohe Preissubventionen, die von allen Privatverbrauchern, arm und reich, und Unternehmen (außer einigen) finanziert werden. Heute ist der Strompreis so hoch, dass Zehntausende von armen Deutschen ihre Stromrechnung nicht regelmäßig bezahlen können. Ihre Stromversorgung vom Netz wird oft abgestellt. Obwohl auch andere Faktoren – z.B. hohe Kohlepreise auf dem Weltmarkt – zu dieser Misere beitragen, gibt es einen Konsens darüber, dass die hohen Preissubventionen für die erneuerbaren Energien die Hauptschuld daran tragen. Die gegenwärtige Bundesregierung will also die Förderung dieser Branche beschneiden, was die letztere in Panik versetzt hat. Wir sehen also, dass auch die berühmte Energiewende des reichen Deutschlands ins Stocken gerät. Und die Regierung wird von Pseudo-Grünen und Pseudo-Umweltschützern dafür kritisiert, dass sie diese bremst.

    Krugman meint, wir können alle reicher werden, während wir die negativen Auswirkungen unseres Wirtschaftens auf die Umwelt reduzieren. Dies ist auch das Mantra vieler Pseudo- Grünen und Pseudo- Umweltschützer in der ganzen Welt, die Illusionen von grünem Wachstum, nachhaltigem Wachstum, grünem New Deal etc. propagieren. Edenhofer, der IPCC-Mann, geht in der Mitte einer Stagnationskrise naiv davon aus, dass die Weltwirtschaft regelmäßig in einer jährlichen Rate von zwei Prozent wachsen wird (Süddeutsche Zeitung,14.04.2014). Aber Krugman, der Starökonom, der seit Jahren beharrlich für eine wachstumsfördernde Wirtschaftspolitik eintritt, hätte es eigentlich besser wissen müssen. Er argumentiert: "Wenn andere Sachen gleich bleiben, bedeutet mehr Wachstum tendenziell mehr Umweltverschmutzung. Was verwandelte China zum größten Verursacher von Treibhausgasemission? Explosives Wirtschaftswachstum. Aber andere Sachen müssen nicht gleich bleiben. Es gibt kein unabänderliches Eins-zu-eins-Verhältnis zwischen Wirtschaftswachstum und Umweltverschmutzung.“ Das ist richtig. Aber andere Sachen können auch schlimmer werden als zuvor, sodass die Umwelt auch zerstört werden kann, ohne dass die Wirtschaft wächst. Selbst bei null Prozent Wachstum setzt eine industrielle Wirtschaft ihr umweltzerstörerisches Werk fort.

    Die Umwelt ist viel mehr als das Klima, das nach Krugman einfach dadurch gerettet werden kann, dass wir konventionelle Energien durch erneuerbare ersetzen. Und die Umweltkrise ist eine viel größere Angelegenheit als die Klimakrise. Sie umfasst neben der Erderwärmung Luft- und Wasserverschmutzung, Verschmutzung der Ozeane, Flüsse und Seen; sie umfasst die Abholzung der Wälder und den Rückgang der Artenvielfalt; sie umfasst auch den schlechten Zustand des Agrarbodens, der Quelle unserer Nahrungsmittel. Krugman scheint nicht zu wissen, dass es, wenn wir alle reicher werden sollten, nicht genügen würde, mehr Solar- und Windkraftanlagen aufzustellen. Das würde erfordern, dass wir mehr und mehr Güter produzieren, mehr und mehr fossile Brennstoffe und Erze extrahieren, dass wir mehr und mehr bauen: Fabriken, Straßen, Häuser, Stadien, Autos, Flugzeuge, Staudämme und so weiter. Das wird der Umwelt den Todesstoß versetzen. Vierzig Jahre lang haben die Chinesen wie verrückt produziert und gebaut. Jetzt können sie ihre Luft nicht atmen; jetzt haben sie Angst vor ihren Lebensmitteln.

    Meine einzige Hoffnung ist, dass das Projekt – nämlich wir werden alle reicher – gar nicht mehr möglich ist. Denn nicht nur hat die Ölförderung ihren Höchstpunkt erreicht, sondern auch die anderen Ressourcen werden rapide erschöpft. Vor kurzem sah ich einen Dokumentarfilm, der zeigt, dass die banalste aller Ressourcen, Sand, inzwischen so knapp geworden ist, dass es gestohlen wird. Für große Bauprojekte wird sogar das auf Meeresboden liegende Sand ausgebaggert, was dazu führt, dass die nahe gelegenen Strände absacken und unter der Wasseroberfläche verschwinden. Eigentlich sollten wir jetzt weltweit darüber diskutieren, wie wir uns auf einen sparsamen Lebensstil vorbereiten können. Ich bin der festen Überzeugung, dass das nur in einer Weltgesellschaft möglich ist, in der die immer knapper werdenden Ressourcen egalitär verteilt werden.

    Vielleicht müssten wir uns auf viel schlimmere Dinge vorbereiten. In letzter Zeit führte eine Gruppe von amerikanischen Wissenschaftlern ein Forschungsprojekt durch, dessen Ziel es war, die Bedingungen zu ermitteln, unter denen vergangene Zivilisationen kollabierten. Das Projekt wurde zum großen Teil von der NASA finanziert, der Organisation, deren Zweck es war, Menschen auf den Mond zu setzen. Die Wissenschaftler kamen zu dem Schluss, dass es starke Hinweise darauf gibt, dass sich unsere gegenwärtige Zivilisation auf dem Weg zum Kollaps befindet (Ahmed 2014).

Literatur
Ahmed, Nafeez (Dr.) (2014) "
Nasa-Funded Study: Industrial Civilisation Headed For 'Irreversible Collapse'?".  www.the guardian.com/environment/earth-insight (14.03.2014).

Georgescu-Roegen, Nicholas (1978) "Technology Assessment: The Case of the Direct Use of Solar Energy“, in Atlantic Economic Journal. Dezember.

 Heinberg, Richard ( 2003) The Party Is Over. Forest Row: Clairview.

Sarkar, Saral (1999) Eco-Socialism or Eco-Capitalism? – A Critical Analysis of Humanity’s Fundamental Choices. London: Zed Books.

Trainer, Ted (2014) Relax! Solar Energy Can Save Us, Krugman Says So. http://www.forhumanliberation.blogspot.de/2014/05/1405-relax-solar-energy-can-save-us.html

Wiesenthal, Helmut (2013) ''Der Solarstrom – Lackmustest grüner Energiepolitik", in Böll Thema – Es grünt, Berlin, Nr. 1.