Freitag, 29. Juli 2011

Gedankenlöcher im Energiediskurs

Vor ein paar Tagen (26.07.2011) sah ich bei BBC eine Sendung über das Thema Atomkraft. Es war eine Sendung der Reihe "Hard-Talk", in der dem eingeladenen Gast immer harte, kritische Fragen gestellt werden.
Bei der betreffenden Sendung waren zwei Gäste eingeladen: ein Herr Ritch, Vorsitzender des internationalen Verbands der Atomindustrie, und Sven Giegold, grünes Mitglied des Europa-Parlaments.
Ich will hier nicht von den bei dem Talk geäußerten altbekannten Fakten, Behauptungen, Argumenten und Gegenargumenten bezüglich der Risiken und Gefahren der Atomkraft berichten, sondern beschränke mich auf die kritischen Fragen des Interviewers, die den Talk-Gästen Probleme machten.
Herr Ritch gab zu, dass die Atomindustrie nach Fukushima ein Legitimations- und Imageproblem hat. Aber seine Antwort auf die Frage, warum also sein Verband gegen die Mehrheitsmeinung an der Atomkraft festhält, war gar nicht, dass keine Industrie sich auflösen will. Er berief sich vielmehr auf das Prinzip Demokratie. Er sagte, das einzige Land, in dem die Mehrheit der Bürger eindeutig gegen die Atomkraft eingestellt sei, sei Deutschland. Er verwies auf den Fakt, dass die Regierungen der Länder, in denen Atomstrom produziert wird – mit der Ausnahme von Deutschland und Italien – gar nicht daran denken, Abschied von der Atomkraft zu nehmen. Einige wollen sogar neue AKWs bauen.
Der Interviewer sah einen Unterschied zwischen Regierungsentscheidung und Meinung der Mehrheit der Bürger. Aber Herr Ritch ließ diese Unterscheidung nicht gelten, Er hielt dagegen, dass in den meisten betreffenden Ländern Regierungen demokratisch gewählt werden. Was ist also demokratisch legitimiert? Genügt es, wenn die Regierung, die eine Entscheidung trifft, vor zwei-drei Jahren demokratisch gewählt worden ist?
Es kann sein (wer weiß?), dass, wenn ein Volksentscheid über die Frage "Atomkraft Ja oder Nein?" abgehalten würde, auch in anderen Ländern die Mehrheit gegen die Atomkraft stimmen würde. Eine solche Meinungsäußerung würde aber auf der Hoffnung beruhen, dass erneuerbare Energien in einigen Jahren die gesamte Menge des gegenwärtig verbrauchten Atomstroms würden ersetzen können. Denn wohl niemand fände die Idee gut, die abgeschalteten AKWs durch Kraftwerke zu ersetzen, die Kohle, Öl oder Gas verbrennen.
Ein Volksentscheid über die Atomkraft müsste also logischerweise irgendwie mit einem Volksentscheid über die genannte Hoffnung auf erneuerbare Energien gekoppelt werden. Wie kann man aber einen Volksentscheid über eine Zukunftsmusik abhalten?
Erwartungsgemäß meinte Herr Ritch, dass unweigerlich neue Kohlekraftwerke gebaut werden müssten, wenn alle AKWs über kurz oder lang abgeschaltet werden sollten. Der Interviewer fragte Giegold, wie denn die Grünen das Loch füllen würden, wenn in Deutschland bis 2022 alle AKWs abgeschaltet sein werden. Ich will hier Giegolds Standard-Antwort, die ja in Deutschland reichlich bekannt ist, nicht wiederholen. Nur eine Bemerkung ist hier notwendig. Giegold (wie meistens auch andere Grüne, zumindest wenn sie öffentlich reden) unterschied nicht zwischen Energie und Strom. Strom ist zwar Energie, aber nicht alle Energie ist Strom. Wenn man meint, dass bis 2050 der gesamte Energiebedarf Deutschlands 100prozentig mit erneuerbaren Energien gedeckt werden kann, dann ist meist nicht klar, ob man nur den Strombedarf meint, oder auch den gesamten Bedarf an gespeicherter flüssiger und gasförmiger Energie (also Ersatz für Benzin, Diesel, Gas und Heizöl).
Diese Frage ist wichtig, denn man muss, wenn man mit Solar- und Windelektrizität Kraftfahrzeuge fahren will, die Elektrizität vorher entweder in Flüssigwasserstoff umwandeln oder in großen Batterien speichern. In beiden Prozessen geht eine Menge der aufwendig geernteten Energie verloren. Das ist ein Naturgesetz. Und es wäre auch ein kommerzieller Unsinn, wenn man zuerst mit großem Aufwand Strom produzieren würde, um ihn dann nur als Wärme zum Gebäude-Heizen verbrauchen würde. Was Biodiesel und Bioethanol betrifft, setzt dieser Idee der Bedarf an fruchtbarem Boden eine Grenze.
Giegold sagte, es gebe schon jetzt in Deutschland mehrere Kommunen, die ihren gesamten Energiebedarf 100prozentig mit erneuerbaren Energien decken. Der Interviewer versäumte es, ihn zu fragen, ob die Bürger dieser Kommunen mit Flüssigwasserstoff bzw. Strom Auto fahren oder mit gewöhnlichem Benzin und Diesel bzw. 100prozentig mit Rapsdiesel oder Ethanol aus Mais.
Offensichtlich war der Interviewer nicht davon überzeugt, was Giegold behauptete. Er fragte ihn, wie er erklären könne, dass der berühmte Wissenschaftler James Lovelock, Vater der Gaia-Theorie und Sympathisant der Grünen, und George Monbiot, namhafter Publizist und Grün-Sympathisant, ihre ursprüngliche Hoffnung auf erneuerbare Energien verloren haben und an die Grünen appellieren, ihren Widerstand gegen die Atomkraft aufzugeben, da ja die globale Erwärmung doch die größere Gefahr sei. Giegold antwortete nur, er lade Monbiot nach Deutschland ein; dieser könne dann selbst sehen, dass es stimmt, was er sage.
Vor etwa zwei Jahren habe ich auch ein Hard-Talk mit Lovelock gesehen, bei dem er seine Befürwortung der Atomkraft begründete. Da er die oben genannte Hoffnung der Protagonisten der erneuerbaren Energien nicht mehr teilte und da für ihn die Abwendung von Klimakatastrophen die oberste Priorität hatte, meinte er die Atomkraft hinnehmen zu müssen. Er sagte, wir könnten unseren Enkelkindern den guten Lebensstandard nicht verweigern, den wir uns selbst gönnen. Das ist die Crux bei der Sache: der Lebensstandard. Wir können den Kuchen nicht essen, und ihn auch intakt behalten.

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