Freitag, 7. Oktober 2011

Ein Lichtblick in Amerika

Die beste Nachricht der letzten drei Wochen kam aus dem Herzen der Bestie, nämlich aus der Wall Street. Meine Leser haben sicher mitbekommen, dass da seit etwa drei Wochen ein paar tausend meist junge Amerikaner gegen einiges protestieren und demonstrieren, was ihr Leben schwieriger gemacht bzw. ruiniert hat. Ähnliche Protestdemos haben inzwischen auch in ein paar Dutzend anderen großen und mittleren Städten der USA stattgefunden – in Los Angeles, Chicago, Boston usw. Sogar in der Hauptstadt Washington D.C., hauptsächlich eine Beamten- und Angestelltenstadt, werden solche Demos vorbereitet.
Wogegen bzw. wofür wird da protestiert und demonstriert? Fernsehberichte sowie Berichte im Internet und den Printmedien haben diesbezüglich Folgendes zu sagen:
Vorbereitungen zur Demo in Wall Street hatten schon im Juli begonnen. Am 13.07. wurde ein Aufruf zur Aktion (Call to Action: Occupy Wall Street) im Internet veröffentlicht. Der Anfang war also schon organisiert. (Der nachfolgende Verlauf des Protests ergab sich eher aus der Dynamik der Sache.) Dennoch herrscht Unklarheit über das Ziel und die Forderungen der Demonstranten, was einen nicht wundern kann, da selbst die Demonstranten sich als "eine führerlose Widerstandbewegung" beschreiben. In den Berichten heißt es, sie bilden die Demos in Ägypten, Spanien und Israel nach. In Ägypten hatten die Demonstranten eine klare Forderung: Abgang von Mubarak und ein erhabenes Ziel: Etablierung eines demokratischen Systems. In Spanien und Israel aber ging es nicht weiter als Protest gegen die eigene ökonomische Misere. Immerhin sind ihre amerikanischen Nachahmer einen Schritt weiter gegangen. Sie demonstrieren zwar auch gegen ihre eigene ökonomische Misere. Aber sie reden klar vom Klassenkonflikt, etwa in dem Zitat: "Eine Sache haben wir gemein: Wir sind die 99%, die die Gier und Korruption der 1% nicht hinnehmen werden. 1% der Menschen haben 99% des Geldes". Und es wurde auch unter anderem die Forderung geäußert, die Reichen höher zu besteuern. Einige forderten die Zerschlagung der Finanzkonzerne, sogar den Sturz des Finanz-industriellen Komplexes. Soweit sind nicht einmal die sehr militanten unter den Tahrirplatz-Besetzern gegangen. Was die ägyptische Wirtschaft angeht, geißeln sie bestenfalls die Korruption.
Aber es gibt da auch viel Kritik, die sehr vage und harmlos ist. Ein Plakat sagte: "Nieder mit der Weltbank", als ob die Weltbank etwas mit dieser Krise zu tun hätte. Ein anderes sagte: "Die Banken sind hier, um uns zu bestehlen." Ein weiteres sagte: "Das Geldsystem funktioniert nicht [mehr]." Ein Mann sagte, die Demonstranten wollen "die Gier der Konzerne stoppen", sie fordern "von Corporate America Verantwortlichkeit für die Finanzkrise und die zunehmende wirtschaftliche Ungleichheit". Als ob Gier, Finanzkrisen und steigende wirtschaftliche Ungleichheit nicht fundamentale Bestandteile des kapitalistischen Systems wären.
Nicht, dass das Thema Kapitalismus vermieden wird. Ein artikulierter Linker sagte: "Es geht nicht um eine einzelne Krise, … sondern um ein verkommenes System". Eine junge Frau sagte, die Demonstranten sind vereint in ihrem Wunsch nach "einer gleicheren (more equal) Ökonomie". Sie fügte aber gleich hinzu, dass sie nicht gegen den Kapitalismus per se sei. Ein Mann sagte klar, er sei ein Anti-Kapitalist. Auf einem Plakat stand "der Kapitalismus funktioniert nicht [mehr]." Einer schrie. "Amerika braucht eine Revolution". Offen bleibt aber die Frage: was dann, wenn der Kapitalismus nicht mehr funktioniert? Was, wenn das verkommene System kollabiert? Soll die Revolution nur so eine sein wie die in Tunesien und Ägypten?
Die meist jungen Leute empören sich also, wozu sie der 93jährige Stéphane Hessel aufgerufen hat. Aber Empörung ist doch nur der Anfang. Muss nicht danach eindeutig gesagt werden: der Kapitalismus ist von Übel, er muss abgeschafft werden? Und muss nicht dann über eine zukünftige Gesellschaft nachgedacht werden, die die kapitalistische ersetzen soll? Ist die Zeit nicht schon längst reif dafür?
Zwar sind die "Empörten" in Spanien und Israel auch nur empört über ihre schlechte ökonomische Lage. Aber in Europa gibt es sehr viele, die nicht nur sagen, dass sie Antikapitalisten sind. Sie sagen auch, dass sie Sozialisten sind. Viele von ihnen bezeichnen sich als Ökosozialisten, was beinhaltet, dass sie auch gegen den Industrialismus sind.
Vor einigen Wochen, also vor der Demo in Wall Street am 17.09., las ich die Antwort eines Amerikaners auf die Frage, warum es in Amerika keinen großen Protest gibt – zum Beispiel Protest der obdachlos gewordenen – wie in Athen. Die Antwort lautete: jeder Amerikaner denkt, er kann auch ein Millionär werden. Michael Moore, der kritische Filmemacher, nennt das eine Liebesaffäre mit dem Kapitalismus. In einem Fernsehbericht hörte ich einen Obdachlosen sagen, er hoffe, seine Zeltwohnung in einem Wald bald zugunsten einer richtigen auflösen zu können, sobald die Krise vorbei sei. Aber wird die Krise einmal vorbei sein?
Die gebildete, ägyptische Mittelklassejugend, die weiter auf dem Tahrirplatz demonstriert, hofft, dass sie nach der Demokratisierung ihres Landes eine Blütezeit erleben würde, ohne von Reich und Arm sprechen zu müssen. Diese Hoffnung hat die amerikanische Jugend wohl nicht mehr. Aber sie hat anscheinend doch die Illusion, dass die Verhältnisse im Kapitalismus etwas menschlicher, etwas gerechter werden könnten, wenn nur die Wall-Street-Mafia besiegt wären. Darum sagen sie nicht, der Kapitalismus muss abgeschafft werden. Noch nicht. Es ist ja nicht so, als wären alle die 99% der Amerikaner Habenichtse. Die meisten sind Studenten, Kinder der Mittelschicht. Es gibt also noch keinen Grund, die Wall-Street-Besetzung zu zelebrieren.
Trotzdem ist die Besetzung ein politisches Erwachen von Amerika, vielleicht sogar der Beginn eines Umbruchs, mindestens aber ein Lichtblick.

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