Mittwoch, 21. März 2012

Öl oder Bücher?

Schon seit langem hören wir gelegentlich vom "Fluch des Öls". Was man damit ausdrücken will, ist dreierlei. Erstens will man damit auf die bekannten Konflikte unter Nationalstaaten hinweisen, die unvermeidlich bei der Verfügung über diese wertvolle Ressource entstehen. Man denke an die Machenschaften der USA in den 1950er Jahren, um den damaligen iranischen Premierminister Mosaddeq zu Fall zu bringen. Man denke an den Irak-Krieg und den Konflikt zwischen Großbritannien und Argentinien über die Falklandinseln im Südatlantik. Zweitens will man damit auf die oft bewaffneten Konflikte innerhalb eines Nationalstaates hinweisen, bei denen es um die Verteilung des Einkommens vom Ölreichtum der Nation geht – zum Beispiel in Nigeria und in Sudan, wo es zu einem regelrechten Bürgerkrieg kam.
Die dritte Bedeutung des Ausdrucks ist sehr viel anders als die ersten zwei. Man will sagen, dass Länder, die viel Öl oder andere hochwertige Ressourcen haben, in punkto wirtschaftliche Entwicklung zurück bleiben. Dieser vermutete Zusammenhang wird dadurch erklärt, dass sowohl die führende Klasse als auch das Gros der Bevölkerung dank den üppigen Einnahmen vom Rohstoffexport bequem leben können. Infolgedessen fehlt ihnen der Antrieb zur harten Arbeit für wirtschaftlichen Entwicklung. Es werden Beispiele gegeben, die, oberflächlich gesehen, überzeugen: Die ölreichen Staaten wie Saudi Arabien, Kuwait, Venezuela usw. und das diamantenreiche Botswana sind Beispiele für die These. Wirtschaftlich erfolgreiche Länder wie Japan, die asiatischen Tiger der 80er bis 90er Jahre, Israel usw. haben keinen bzw. wenig Ressourcenreichtum, von dem sie gut leben könnten. Auch die heutigen aufstrebenden Wirtschaftsgiganten China und Indien haben wenig Rohstoffe zu exportieren.
Thomas Friedman, Kolumnist der New York Times, schrieb kürzlich (NYT in SZ, 19.3.2012) über Israel: "Israel hat eine der innovativsten Wirtschaften, und seine Bevölkerung genießt einen Lebensstandard, den die meisten ölreichen Länder der Region nicht anbieten können." Er erklärt dieses Phänomen so: "Taiwan hat seine 23-Millionen-Bevölkerung miniert, ihre Talente, Energie und Intelligenz – Männer und Frauen." Das Land habe kein Öl, kein Eisenerz, keine Wälder, keine Diamanten, kein Gold, nur einige wenige Kohle- und Erdgasvorkommen. Darum hat es "die Gewohnheit und Kultur entwickelt, die Fähigkeiten des Volkes zu schleifen, die eigentlich die wertvollste und die einzige echt erneuerbare Ressource der Welt sind."
So was Ähnliches haben wir sehr viel früher auch in Deutschland gehört. Schon 1989 schrieb ein Autor namens Herman Laistner, Deutschland werde – dank der überlegenen "grauen Hirnzellen" seiner Wissenschaftler, Techniker und Ingenieure – den entscheidenden Markt erobern, nämlich den für "besonders 'intelligente' Produkte" sowie technologisch hochstehende Maschinen und Fertigungserzeugnisse. Den Markt für "Massenwaren" und "minderwertigen Ramsch" möchte er "anderen überlassen".
Solche Gedanken implizieren, als wären das Bildungs- und Ausbildungsniveau, Talent, Intelligenz, Fleiß und Fertigkeiten die einzige Quelle des wirtschaftlichen Erfolgs und Wohlstands einer Nation. Ein solches Denken führte auch dazu, dass man seit einiger Zeit von Wissensgesellschaft und "knowledge-based economy" redet.
Friedman nennt solche Sachen Ressourcen. Das ist aber falsch.
Das sind keine Ressourcen. Ressourcen sind eigentlich fruchtbarer Boden, Süßwasser und die Sonnenstrahlung, Arbeitskraft von Tieren, Energiequellen wie Holz, Kohle, Öl und Gas, Grundstoffe wie Metalle, seltene Erden und andere chemische Substanzen. Ohne diese kann ein noch so intelligentes und hoch ausgebildetes Volk nichts schaffen.
Natürliche Intelligenz und Talente sind unter den Völkern gleichmäßig verteilt, und sie sind tatsächlich erneuerbar, weil sie mit den Genen den Nachfahren weitergegeben werden. Auch Bildung und Ausbildung können überall organisiert werden, wenn genug Ressourcen da sind. Die wirklichen Ressourcen sind aber unter den Völkern sehr ungleichmäßig verteilt. Darum entstand ja die Notwendigkeit von internationalem Handel. Friedman schrieb, Taiwan müsse sogar Sand und Kies für Häuserbau von China importieren.
Zudem sind die für eine Industriegesellschaft wichtigsten der oben genannten Ressourcen, die fossilen Energiestoffe, knapp und nichterneuerbar. Auch die Metalle, erst recht die seltenen, sind schwer recyclebar. Nicholas Georgescu-Roegen nannte sie "die begrenzte Mitgift", die wir einmalig von Mutter Natur bekommen haben.
In der kapitalistischen Weltordnung sind die Völker ungleich situiert. Sie haben sich geschichtlich unterschiedlich entwickelt. Das ist auch der Grund dafür, dass das ressourcenarme Taiwan heute ein wohlhabendes Land ist, während, zum Beispiel, das ölreiche Nigeria an Armut und Chaos leidet. Wenn wir aufhören, die Völker der Welt im einzelnen zu betrachten, und sie stattdessen als eine Menschheit ansehen, dann ergibt sich ein anderes Bild. Alle Völker der Welt können nicht reich werden, weil ja die wertvollen Ressourcen knapp und nichterneuerbar sind. Sie könnten aber miteinander in Frieden leben, wenn die Jagd nach Macht und Reichtum aufhören würde.

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