Freitag, 11. März 2011

Der gewaltlose Aufstand der Ägypter --
Der halb rezipierte Gandhi

In den Tagen des friedlichen Aufstands in Tunesien und Ägypten las ich zwei Zeitungsartikel über Gene Sharp – einen alten, scheuen, US-amerikanischen Professor –, dessen praxisorientierte Schriften über gewaltlose Revolution seit Jahrzehnten weltweit Kämpfer für Freiheit und Demokratie inspiriert haben sollen. Zwei Texte sind besonders erwähnt worden: "From Dictatorship to Democracy" und "198 Methods of Nonviolent Action." Die Strategen der serbischen Bewegung Otpor, die erfolgreich gegen Milosevic kämpfte, sowie die der ägyptischen Jugendbewegung April 6, die zum Erfolg der Ägypter gegen das Mubarak-Regime maßgeblich beitrug, hatten diese Texte gelesen und die Ratschläge von Sharp beherzigt.
Was mich anregt, diesen Text zu schreiben, sind zwei Bezugnahmen auf Gandhi. An einer Stelle sagt Sharp, er sei sehr beeindruckt gewesen von der Disziplin, Furchtlosigkeit und Gewaltlosigkeit der Ägypter. Und dann fügt er hinzu: "Das ist direkt von Gandhi". An einer anderen Stelle schreibt der Autor eines der Artikel: "Auf der Grundlage seiner Studien über Revolutionäre wie Gandhi kommt Sharp zum Schluss, dass Förderung von Freiheit Strategie und Planung erfordert "
Klar, wer über gewaltlose Revolution schreiben will, muss mit Gandhi beginnen, und mit der von ihm geführten Bewegung für die Befreiung Indiens von der Kolonialherrschaft der Briten. Doch ich bin sehr unzufrieden damit, dass im gesamten Westen Gandhi nur für seine Gewaltlosigkeit verehrt wird. Das ist nämlich der halbe Gandhi.
Sharp hat über Strategie und Methoden der gewaltlosen Revolution bzw. Aktion geschrieben. Für Gandhi aber war Gewaltlosigkeit nicht bloß eine Methode oder Teil einer Strategie. Sie war für ihn auch Ideologie, ein wichtiger Aspekt seiner Gesamtvision für das befreite Indien. Die Unabhängigkeit war nur die wichtigste Voraussetzung für deren Verwirklichung. Ein Journalist fragte Sharp: "Sie haben Freiheitsbewegungen … untersucht. Ideologische Fragen spielten keine Rolle?" Sharp antwortete: "Nein. Ich wollte wissen, was die russische Revolution, ein chinesischer Bauernaufstand oder der Kampf um die indische Unabhängigkeit gemeinsam haben, welche Methoden sich für welchen Zweck eignen." Das klingt so, als sei ihm der Zweck egal. Dem ist aber nicht ganz so. Sharp hat auch einen Zweck oder ein Ziel, nämlich Förderung von Freiheit von despotischer Herrschaft und Demokratie. Mehr will er nicht.
Gandhi wurde kurz nach der Erreichung seines unmittelbaren Ziels, der Unabhängigkeit Indiens, ermordet, bekam also keine Zeit, für die Verwirklichung seiner Gesamtvision zu arbeiten. Und seine Jünger und Anhänger, die danach Indien regierten, kümmerten sich nicht um seine Vision. In Indien herrscht seit 1947 Freiheit, Demokratie, Parteienvielfalt etc., und Wahlen finden dort sehr regelmäßig statt. Aber es herrscht dort auch Ausbeutung, Unterdrückung, Korruption, Wirtschaftskriminalität, und sogar moderne Sklaverei. Das Gleiche ist der Fall in Bangladesh seit seiner Befreiung im Jahre 1971. Und ich fürchte, das wird auch in Tunesien und Ägypten der Fall sein.
Gandhis Gesamtvision (sollen wir sagen Ideologie?) könnte man heute eine Welt von ökologischen und nachhaltigen Gesellschaften nennen. Eine solche Welt wird gewaltfrei sein, denn da wird keine Gesellschaft Kriege brauchen. Er war der allererste Ökodenker der modernen Welt. Er begriff intuitiv, dass es Grenzen des Wachstums gibt. Er schrieb schon 1928: "Der Wirtschaftsimperialismus eines einzigen winzigen Inselkönigreichs hält heute die Welt in Ketten. Wenn eine ganze Nation von 300 Millionen eine ähnliche wirtschaftliche Ausbeutung praktizieren würde, würde sie die Welt kahl fressen wie ein Heuschreckenschwarm." Und 1940 schrieb er: "Nehru will Industrialisierung, weil er denkt, dass sie, wenn sie vergesellschaftet ist, frei von den Übeln des Kapitalismus wäre. Meine eigene Ansicht ist, dass die Übel dem Industrialismus inhärent sind. Man kann ihn vergesellschaften, soviel wie man will, die Übel kann man nicht ausrotten." In Ägypten aber sind nun die Erwartungen gewaltig gestiegen. Eine schlichte Dorffrau sagte: "Wir werden leben wie in Japan."
Gandhi äußerte sich auch ganz klar über den idealen politischen Rahmen für das Wirtschaften "in der gewaltlosen Ordnung der Zukunft". In einer solchen Ordnung, schrieb er 1947, " würde das Land dem Staat gehören, denn heißt es nicht 'alles Land gehört Gott'?". Als ihm 1924 jemand sagte, dass auch seine geliebte Nähmaschine in Fabriken hergestellt werden müsse, schrieb er: "Ich bin Sozialist genug zu sagen, dass solche Fabriken verstaatlicht werden sollten … . Sie sollten nicht für Profit [betrieben werden], sondern zum Wohle der Menschheit."
Das Gandhi-Bild des Westens muss vervollständigt werden.

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