Sonntag, 17. April 2011

Atomstrom abschalten --
Und wie soll es dann weitergehen?

Ein paar Tage nach dem GAU im AKW-Fukushima gab es in Köln eine erste Anti-Atomkraft-Demo, deren Hauptslogan lautete "alle AKWs abschalten, sofort und weltweit". Als ich ihn hörte, fiel mir ein, dass die Franzosen 80% ihres Stroms von AKWs bekommen. Es fiel mir auch ein, dass in Indien, meiner Heimat, schon 20 AKWs im Betrieb sind und dass die Regierung denkt, sie müsse noch mehr davon bauen, um die etwa 50 Prozent der Bürger, die ohne Strom leben, Zugang zum Stromnetz zu ermöglichen. Was würde geschehen, wenn die genannte Forderung der Kölner Demonstranten akzeptiert und alle AKWs weltweit und sofort abgeschaltet würden?
In Frankreich würden die Lichter zweifelsohne ausgehen. In Indien wird das keinen großen Schock auslosen. Die Hälfte der Inder leben ja sowieso ohne Strom, und die anderen sind es gewohnt, mit häufigen Stromausfällen zu leben. In Frankreich würde aber noch viel Schlimmeres geschehen. Die unzähligen Betriebe, die ihren Strom aus AKWs beziehen, würden den Laden dichtmachen. Millionen Menschen würden ihre Arbeit und Einkommen verlieren. Indien wird die Sache nicht so hart treffen. Da kommt ja der größte Teil des Stroms von Klima-killenden Kohlekraftwerken.
Na gut, nicht alle Atomkraftgegner sind so superradikal wie die genannten Kölner. Die meisten fordern einen möglichst schnellen, aber allmählichen Ausstieg, damit ein möglichst schmerzloser Übergang zur atomstromfreien Energieversorgung möglich wäre. Ich höre, in Deutschland, wo der Anteil des Atomstroms an der gesamten Stromverbrauch nur 23% beträgt, würde das keine allzu großen Schwierigkeiten bereiten. Zudem gibt es hier etwas Überkapazität. Aber sofort oder allmählich, so die Forderung der Wirtschaft, Ersatz für den fehlenden Atomstrom müsse bereitgestellt werden, und der darf nicht zu teuer sein. Ist das möglich? Hier beginnen die Probleme.
Kein Atomstromgegner schlägt Bau von mehr Kohle-, Öl- oder Gaskraftwerken vor. Übergang zum Zeitalter der erneuerbaren Energien sei der Königsweg. Diese seien nicht nur unerschöpflich, sondern stünden in technischer Hinsicht schon zur Verfügung. Sie würden den Ausstieg aus der Atomkraft ermöglichen sowie die Erderwärmung stoppen. Man dürfe nicht warten, bis die fossilen Energieträger zur Neige gehen. Man könne den Übergang schon jetzt beginnen. Selbst Scheikh Jamani, Ölminister Saudi Arabiens in den 1970er Jahren, sagte einmal: "Die Steinzeit ging nicht zu Ende, weil Steine knapp geworden waren. Und das Ölzeitalter wird zu Ende gehen, bevor die Ölquellen erschöpft sind." Was den Übergang noch attraktiver mache, sei die Tatsache, dass "die Sonne uns keine Rechnung schickt" (Franz Alt), und, wie der selige Hermann Scheer, schrieb: "Unvorstellbare Zeiträume sind es also, in denen die Sonne Menschen, Tieren und Pflanzen ihre Energie spenden wird. Und das in derart verschwenderischer Weise, dass sie die üppigsten Energiebedürfnisse sogar einer sich noch drastisch vermehrenden Menschen-, Tier- und Pflanzenwelt befriedigen könnte: Jährlich liefert die Sonne 15.000mal mehr Energie, als die Weltbevölkerung kommerziell verbraucht … ."
Meine Zweifel an solchen Hoffnungen habe ich ausführlich in meinen zwei Büchern dargelegt: Die nachhaltige Gesellschaft (2001) und Die Krisen des Kapitalismus (2009). Und ich befinde mich auch in wissenschaftlich berühmter (allerdings einer kleinen) Gesellschaft. James Lovelock, namhafter Chemiker und Vater der Gaia-Theorie, verlor seine Hoffnung auf erneuerbare Energien (er hatte es selbst mit Windkraft versucht). Der selige Wirtschaftswissenschaftler und Mathematiker Nicholas Georgescu-Roegen machte eine Untersuchung über den Solarstrom und kam zum Schluss: Solarstrom ist zwar machbar, nicht aber lebensfähig. Er schrieb, zur Zeit des Schreibens brauchten Solarstrom-Technologien mehr Energie zur Gewinnung und Herstellung aller dazu nötigen Materialien, Apparaturen und Industrien, als sie in ihrer gesamten Lebensdauer produzierten. Kurz, sie hätten eine negative Energiebilanz, seien also nicht lebensfähig. Der Grund dafür sah er in der geringen Energiedichte der Sonnenstrahlung, einer kosmologischen Konstanz. Georgescu-Roegen schrieb das 1978 und wiederholte seine These 1986 und 1992. Diese These ist von Solarstrom-Enthusiasten verworfen worden. Das ist eine alte Geschichte. Aber auch vor kurzem las ich in einem Leitartikel in der SZ: "Die Hoffnung, die Welt könnte schnell mit alternativen Energien versorgt werden und zur Stromgewinnung mal eben die Sonne anzapfen, ist naiv. … eine Formel zur schnellen und schmerzfreien globalen Energiewende gibt es nicht" (Karl-Heinz Büschemann, SZ, 19.3.2011). Mit oder ohne Energiewende, der Schmerz wird auf lange Sicht sehr groß sein, nämlich, das Ende unserer geliebten Industriezivilisation.
Die Kontroverse ist noch nicht entschieden. Einerseits geht die technologische Forschung und Entwicklung weiter; die Hoffnung stirbt ja zuletzt. Andererseits brauchen alle erneuerbaren Energien in Stromform – außer Wasserkraft – immer noch Subventionen in vielfältiger Form, um rentabel zu sein, sogar die Windkraft, die anscheinend eine leicht positive Energiebilanz aufweist. Diese Subventionen kommen von den Erträgen der Gesamtwirtschaft, die ja größtenteils mit fossiler und atomarer Energie getrieben wird. Die erneuerbaren sind also immer noch Parasiten der konventionellen Energien.
Die Kontroverse wird wohl in den nächsten zehn Jahren entschieden sein. Die gegenwärtige Lage aber macht mich sehr skeptisch. Indien ist ein sehr sonnen- und windreiches Land. Trotzdem sehen die Inder ihre Energiezukunft eher in Atomkraft und der Suche nach fossilen Energieträgern. Warum wohl? Ein anderer Grund für meine Skepsis ist das Ausbleiben einer überzeugenden Speichertechnik. Wenn sporadisch fließende erneuerbare Energien z.B. in Form flüssigen Wasserstoffs gespeichert werden sollen, dann gehen gut 90% der ursprünglichen Energieernte im Verwandlungsprozess verloren.
Vor dem Hintergrund der drohenden Verschärfung der Klimakrise und angesichts seiner Enttäuschung mit erneuerbaren Energien plädierte Lovelock für den Bau von mehr AKWs – mit der Begründung, dass wir den nächsten Generationen den Genuss eines Lebensstandards nicht verhindern dürfen, den wir noch genießen. Er hielt die Restrisiken für tragbar. Aber offensichtlich fiel ihm nicht ein, dass auch Uran eine nichterneuerbare Ressource ist.
Für diejenigen von uns, die die oben genannten Fakten und Zweifel nicht ignorieren wollen, ist es ratsam, uns allmählich auf eine andere, karge, Zivilisation vorzubereiten. Von Saudi Arabien kommt ein sehr sinnreicher Spruch: "Mein Großvater ritt ein Kamel; mein Vater fuhr ein Auto, ich fliege ein Privatjet; mein Sohn wird ein Kamel reiten."
Den Weg zu einer solchen neuen Zivilisation könnten wir am besten beschreiten, wenn wir vorher eine egalitäre Gesellschaft geschaffen hätten.

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