Dienstag, 28. Juni 2011

Momentaufnahme in der langen Krise

Von der jüngsten weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise hat sich die Welt immer noch nicht erholt. Deutschland ist ein Ausnahmefall. Dreieinhalb Jahre Krise; das ist außergewöhnlich lang. Zwar dauerte die Große Depression der 1930er Jahre ein ganzes Jahrzehnt, bis der Zweite Weltkrieg sie beendete. In den folgenden dreißig Jahren aber – dank hauptsächlich dem Kriegskeynesianismus, der eine neue große Depression verhinderte – meinten alle Ökonomen, sie hätten genug über die Geheimnisse und Prinzipien der kapitalistischen Wirtschaftsdynamik gelernt, um sagen zu dürfen, dass es keine große Krise mehr geben würde.
Die gegenwärtige Krise aber will nicht enden. Die Staatsverschuldungskrise hat die Banken- und Finanzkrise von 2008–2009 abgelöst. Griechenland steht vor dem Bankrott. Wenn es pleite geht, gehen wahrscheinlich auch Irland, Island, Portugal und Spanien pleite. In Großbritannien, Italien, den USA usw. ist die Erholung sehr schwach. In den USA ist die offizielle Arbeitslosigkeit immer noch höher als 9%. Zudem droht da wieder eine Dot-com-Blase zu entstehen. Die US-Bundesregierung kann im August dieses Jahres zahlungsunfähig werden, wenn nicht die gesetzliche Schuldenobergrenze nach oben verschoben wird. In vielen großen Privatbanken – seit kurzem selbst in der Europäischen Zentralbank – schlummern große Mengen von wertlosen Wertpapieren.
Man kennt solche Fakten. Doch was ist die Erklärung für eine solche Faktenlage? Warum ist es so schwierig, Griechenland mit noch ein paar hundert Milliarden Euro Kredit aus der Krise zu helfen. Warum tut sich der US-Kongress so schwer, die Schuldenobergrenze des Bundes nach oben zu verschieben? Warum denken die Regierenden in den oben genannten Problemländern, rabiate Sparmaßnahmen durchsetzen zu müssen, um die Schuldenlast in den Griff zu bekommen, wodurch sie ja garantiert die Erholung verhindern? Warum tut das auch die spanische Regierung, trotz der offiziellen Arbeitslosigkeitsrate von 21%? Warum schweigen momentan alle Keynesianer, wo doch 2008–2009 gerade weltweite große keynesianische Konjunkturprogramme eine neue große Depression abwenden konnten?
Hier hilft ein Blick auf Asien. Die zwei großen Wirtschaftsmächte, China und Indien, die ja stolz darauf waren, dass die schwere Krise von 2008–2009 ihnen nichts anhaben konnten, leiden jetzt an hoher Inflation, die mit ihren hohen Wachstumsraten von jährlich 8 bis 10 Prozent zusammenhängt. In beiden Ländern verursacht die Inflation Rückgang des Realeinkommens, d.h. der Kaufkraft, der Bevölkerungsmehrheit. Die Regierenden fürchten große Unruhen. In Indien gab es schon Massendemonstrationen. Darum versuchen die Regierenden der beiden Länder das Wirtschaftswachstum zu bremsen, um die Inflation zu kontrollieren. Sogar die Europäische Zentralbank hat schon signalisiert, dass sie zum selben Zweck bald den Leitzinssatz erhöhen würde.
Den Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Inflation müssen wir verstehen. Solange in der Welt riesige Mengen von leicht zugänglichen und kostengünstig abbaubaren bzw. extrahierbaren Ressourcen vorhanden waren, konnte Wirtschaftswachstum problemlos vorangetrieben werden. In einer solchen Lage hing Inflation in der Regel mit übermäßigen Lohnforderungen der Arbeiterklasse zusammen. Heutzutage ist das aber kein maßgeblicher Faktor. Wie wir wissen, sinkt seit etlichen Jahren überall das Realeinkommen der abhängig arbeitenden Menschen. Heute sind der maßgebliche Grund für Inflation die seit schon einigen Jahren steigenden Preise der vom Volk und der Wirtschaft benötigten Gütern und Ressourcen: Lebensmittelpreise, Energiepreise, Preise von Industriemetallen, Preise von Kunstdüngern etc. Sogar Preise vom Metallschrott steigen. Heutzutage werden in Deutschland sogar stillgelegte Bahngleise, Stromkabel, Regenwasserrohre gestohlen. Diese Lage lässt sich mit einem Begriff zusammenfassen: die Grenzen des Wachstums, die schon sehr spürbar geworden sind. Wenn in einer solchen Lage der Staat versucht, mittels Schuldenmachen die Konjunktur anzukurbeln oder die Routine-Staatsaufgaben zu finanzieren, dann ergibt sich nur Inflation.
Dabei ist auch inzwischen, was den Wohlstand betrifft, die Aussagekraft des Bruttoinlandprodukts (BIP) als ziemlich gering erkannt worden. Es gibt schon mehrere, sogar hoch offizielle, Versuche, neue, überzeugendere Kriterien für die Messung des Wohlstands zu erarbeiten. Es wird gefordert, dass durch Naturzerstörung erzielte Erträge sowie defensive und kompensatorische Ausgaben als Kosten und nicht mehr als Einkommen gebucht werden.
Vor diesem Hintergrund muss man die zahlreichen Protest-Demos in vielen Ländern als bloße Abwehrkämpfe verstehen. So versteht man auch die zerstörerische Wut der jungen Leute in London und Athen besser. Wenn aber die Grenzen des Wachstums erreicht sind, wenn aber trotzdem eine Minderheit des Volkes versucht, immer mehr von dem Nationaleinkommen an sich zu reißen, dann kann sie das nur auf Kosten der Mehrheit tun. Die "Empörten", wie sich heutzutage die jungen Protestierenden in Europa nennen, verstehen leider diese Zusammenhänge nicht. Sie verstehen nicht, dass die Menschheit als Ganzes nicht länger "über ihre Verhältnisse", mit anderen Worten, über die Tragfähigkeit der Erde, leben kann. Ein Volk könnte das, aber nur wenn es andere Völker ausbeutet. In Indien mag die genannte Minderheit 200 Millionen stark sein, in China vielleicht 300–400 Millionen. Aber verglichen zu der Gesamtbevölkerung des jeweiligen Landes sind sie immer noch eine Minderheit.
Wenn man da auch bedenkt, dass in Indien und China kein nennenswerter Sozialstaat existiert, dass der Staat gegen die Proteste der Armen mit brutaler, oft tödlicher, Gewalt vorgeht, dann versteht man auch die gewaltsamen Kämpfe der Ausgebeuteten und Unterdrückten in diesen Ländern. In Indien schwelt seit Jahren ein bewaffneter Kampf der von den Maoisten geführten Ureinwohner gegen den Staat und Industrie- und Bergbaukonzerne. In China gibt es seit Jahren regelmäßig gewaltsame Unruhen auf dem Land. Neulich explodierten dort Autobomben vor Regierungsgebäuden, und einmal eine Benzinbombe in einer Bank.
Oft sind die Auslöser der Proteste, die Polizeibrutalität nach sich ziehen, Enteignung von Acker- oder Weideland zugunsten von Straßen- oder Industrie- oder Bergbauprojekten. Die Betroffenen sind nicht bereit, ihr Land herzugeben, selbst wenn ihnen dafür eine Entschädigung angeboten wird. Von ihrem Land können sie leben, sagen sie, nicht aber von einer einmaligen Entschädigungszahlung.
Die allgemeine Erklärung für die heutige missliche Lage in der Welt ist: die Erde kann uns nicht mehr soviel geben, wie wir von ihr haben wollen.

Freitag, 10. Juni 2011

Elefanten versus Menschen

Ich möchte heute den Lesern dieses Blogs den folgenden Text von Denis D. Gray empfehlen . Er sollte zusammen mit meinem schon erschienen Blog-Text "Pachamama und Deep Ecology" gelesen werden. Der Zusammenhang, denke ich, braucht nicht extra erklärt zu werden.

Einige essen Chili

Am Fuße des Himalaya kämpfen Bauern gegen Elefanten, deren ursprünglicher Lebensraum beinahe völlig verschwunden ist.
Wenn im indischen Dorf Jia Gabharu die Reisernte bevorsteht, bezieht eine Gruppe junger Männer jeden Abend bei Sonnenuntergang Posten und hält Ausschau nach Elefanten. Sie kommen von den Ausläufern des Himalayas. Ein fünf Kilometer langer Elektrozaun soll die grauen Riesen von den Feldern fernhalten. Außerdem sind mit Speeren, Fackeln, Gewehren und Gift bewaffnete Patrouillen unterwegs. Der Kampf zwischen Menschen und Elefanten tobt im Unionsstaat Assam seit Jahren. Tierschützer fürchten, dass die Dickhäuter ihn bald endgültig verloren haben.
Immer weniger Wald und Grasland haben die Elefanten in Assam zur Verfügung. Ihr Lebensraum schrumpft in insgesamt 13 asiatischen Staaten. In Indien und Sri Lanka, wo der Konflikt schon lange eskaliert ist, kommen jedes Jahr mehr als 250 Menschen und mehr als 400 Elefanten ums Leben. Auch aus Indonesien, Malaysia und Thailand werden regelmäßig Todesfälle auf beiden Seiten vermeldet. Zum Vergleich: Haie töten im Jahr weniger als ein Dutzend Schwimmer.
Die Dickhäuter sterben an Elektrozäunen. Sie werden mit Gewehren und vergifteten Pfeilen erschossen. Oder sie trinken Reiswein, der für sie mit Gift versetzt wurde - aus Notwehr. In der Ortschaft Galighat im Osten Assams tötete ein Elefantenbulle kürzlich binnen eines Monats fünf Menschen. Sechs Häuser wurden zerstört und Dutzende Bananenstauden abgefressen. "Wir haben die Regierung um Hilfe gebeten, aber nichts ist passiert. Wir haben alle nur möglichen Vorkehrungen getroffen. Wir haben gebetet. Aber nichts funktioniert", sagt der Dorfbewohner Mohammed Abul Ali. "Wir können nicht gemeinsam existieren."
Umweltschützer stimmen dem im Prinzip zu. Trotz mehrerer Schutzprojekte steht es schlecht um die friedliche Koexistenz. Elefanten sind mittlerweile aus 95 Prozent ihres einstigen Lebensraums verschwunden, der sich vom Mittelmeer bis zum Gelben Fluss in Nordchina erstreckte. Während in Thailand Anfang des 20. Jahrhunderts noch rund 100000 Elefanten lebten, sind es heute weniger als 6000. Die Ursachen des dramatischen Rückgangs der Populationen seien jedem Dorfbewohner geläufig, sagt Bhupendra Nath Talukdar vom "Assam Forest Department": Mit der Rodung der Wälder verlören Elefanten ihre sicheren Rückzugsorte und fänden nichts mehr zu fressen. Das treibe sie in die Dörfer, wo sie "ganz leicht besiegt" würden, wie Talukdar meit. "Es war ihr Land, und jetzt haben wir es besetzt."
So leicht ist der Kampf gegen die Tiere allerdings nicht. Sie zu töten, ist in Asien offiziell verboten, und Schutzmaßnahmen auszutüfteln eine große Herausforderung. Elefanten sind schlau und lernen schnell. Sie fallen kaum zweimal auf denselben Trick herein. Der Ranger Gopal Deka aus Jia Gabharu berichtet, dass ein Tier den um das Dorf herum errichteten Elektrozaun erst ausgiebig betrachtet und dann einfach mit dem Ast eines Bananenbaums niedergedrückt habe.
An traditionelle Abschreckungsmittel wie Feuerwerk, Trommeln oder Fackeln haben sich viele Herden schnell gewöhnt. Und manche entwickelten Appetit auf lange verschmähte Pflanzen wie Zitrusfrüchte, die bis dato in "Pufferzonen" angebaut wurden. In Bhutan wurden Elefanten beobachtet, die Orangen fraßen. In Sri Lanka ließen sich einige Chilis schmecken. Die feurigen Schoten gelten bis heute dennoch als bestes Mittel zur Verteidigung. Sie werden weiterhin als Paste, mit Schmierfett und Tabak gemischt, auf Zäune aufgetragen.
Die Elefanten werden auf der Futtersuche auch listiger. Ein Bulle habe gelernt, Tore zu öffnen und sich in Küchen und Lagerräumen zu bedienen, ohne Schäden anzurichten, berichtet ein Mitarbeiter des "Assam Haathi Projekts". Ein Quartett männlicher Tiere habe sich auf das Umstellen von Häusern verlegt: zwei vorn, einer an der Rückseite, damit die Bewohner nicht flüchten und Verstärkung holen. Der vierte bediene sich an den Vorräten. Die Beute werde später redlich geteilt.
Gewalttätige Elefanten seien in der Regel Außenseiter, betont Dinesh Choudhury, dessen Familie seit Generationen mit den Dickhäutern arbeitet: von der Herde ausgestoßene junge Bullen beispielsweise, alte Tiere mit schmerzhaften Verletzungen oder Bullen im Hormonrausch. Ganze Herden fallen nur selten in Ortschaften ein.
Früher zogen die Tiere ohne Probleme an menschlichen Siedlungen vorbei. In den vergangenen Jahrzehnten wurden mehr als 65 Prozent der Wälder am Fuß des Himalayas gerodet. Auch das Grasland ist verschwunden. Deshalb müssen die Elefanten heute durch Ortschaften und Plantagen wandern. Ihre Korridore sind von Straßen, Bahngleisen und Dämmen durchzogen. Sie geraten zwangsläufig mit den Menschen in Konflikt.
Ernstzunehmende Lösungsansätze gibt es nicht, sagt Hiten Kumar Baishya vom WWF. "Politiker haben kein Interesse an Wildtieren. Sie sind ihnen nur lästig. Wildtiere wählen nicht." Es gebe deshalb wohl keine Chance, auch nur ein Prozent der zerstörten Wälder wieder aufzuforsten. "Wir können nicht einmal das schützen, was wir haben."
Dinesh Choudhury ist ähnlich pessimistisch. "Das Schicksal der Assam-Elefanten? Wir werden nur ihre Gräber sehen, sonst nichts."
Denis D. Gray/AP, Junge Welt 26.05.2011

Freitag, 27. Mai 2011

Kongress "Jenseits des Wachstums!?" --
Eindrücke und Gedanken

Unterwegs zum von Attac-Deutschland organisierten Kongress "Jenseits des Wachstums!?" in Berlin, wo ich an einer Podiumsdiskussion teilnahm, las ich einen Bericht in der SZ (20.5.11) über Protestaktionen in Spanien, die stark den Aktionen der ägyptischen Demokratiebewegung ähnelten. Der Kongress war schon seit etwa einem Jahr in Vorbereitung. Der Anlass dafür war die globale, vielseitige Finanz- und Wirtschaftskrise und die große Ökologiekrise mit der Klimakrise als der Spitze des Eisbergs. Aber auch die großen, teils gewalttätigen, Proteste in Athen und London wirkten als ein Hintergrund. Die Protestaktionen in Spanien, besonders die in Madrid, kamen jetzt dazu.
Der Untertitel des Kongresses lautete "Ökologische Gerechtigkeit, Soziale Rechte, Gutes Leben". Ich bekam nicht den Eindruck, dass sich die Kongressteilnehmer, inklusive der Organisatoren und der Referenten, des Widerspruchspotentials zwischen den im Titel und Untertitel benutzten Begriffen bewusst waren. Denn es stellt sich die Frage, ob die sozialen Rechte, die bis vor dem Ausbruch der gegenwärtigen Krise in Westeuropa gültig waren, und das heutige westeuropäische Verständnis eines guten Lebens ohne weiteres mit dem Prinzip der ökologischer Gerechtigkeit vereinbar sind? Die Frage wurde aber auf dem Kongress gar nicht gestellt.
Der SZ-Reporter schreibt aus Madrid: es sind "gut bis exzellent ausgebildete Kinder des Bürgertums, 20-, 30-jährige Männer und Frauen…, die die Perspektivlosigkeit, die beruflichen Warteschleifen namens Praktika, die schlecht bezahlten Jobs, die unsicheren Renten" usw. beklagten. Er berichtet: "Viele der jungen Leute mit Hochschuldiplom fühlen sich mit ihren 600-Euro-Jobs längst als Sklaven. … Fast jeder zweite junge Spanier ist ohne Job." Eine solche Lage stellt die totale Negation des Traums eines guten Lebens dar, den die jungen Spanier in Madrid, aber auch junge Griechen, Briten und Deutsche, hegen.
Auf dem Kongress aber erzählte uns Frau Martinez aus Ecuador, dass dort sowohl die Regierung als auch die Mehrheit des Volkes ein im Regenwaldgebiet neu entdecktes Ölfeld nicht ausbeuten wollen –. um den Regenwald zu schützen und zur Begrenzung des CO2-Ausstoßes beizutragen. Wenn aber dieses Ölreichtum unausgebeutet einfach tief im Boden liegen bleibt, frustriert das natürlich viele exzellent ausgebildete, aber arbeitslose, junge Ecuadorianer. Die Idee der Regierung, dass der reiche Westen im Namen der ökologischen Gerechtigkeit Ecuador für diesen Verzicht finanziell kompensieren soll, war von Anfang an illusorisch. Würde der Westen diese Forderung (und andere ähnliche) erfüllen, hätte er noch weniger Mittel für die Erfüllung der Träume der Jugend in Madrid, Athen und London.
Die Formulierung "jenseits des Wachstums" ist ziemlich vage. Es klingt, als bestünde ein Konsens darüber, dass es Grenzen des Wachstums gibt und dass diese schon erreicht oder gar überschritten sind. So einfach war es aber auf dem Kongress nicht. Auf den Veranstaltungen, bei denen ich anwesend war, wurde häufig die Meinung vertreten, dass es möglich sei, dank weiterem, umweltfreundlichem technologischem Fortschritt diese Grenzen nach oben zu verschieben. Oder man sagte, während einige Branchen schrumpfen müssten, müssten andere wachsen. Zur Begründung wurde zum einen die Überzeugung geäußert, dass durch Effizienzsteigerung Wirtschaftswachstum vom Ressourcenverbrauch entkoppelt werden könne, so dass während die Wirtschaft weiterhin wachse, der absolute Ressourcenverbrauch sinke. Zum anderen ging man fest davon aus, dass in drei bis vier Jahrzehnten der gesamte Energiebedarf Deutschlands, gar der Welt, durch erneuerbare Energien gedeckt werden würde.
Um solche illusorischen Glaubensbekenntnisse zu hören, hätte man nicht zu diesem Kongress fahren müssen. Man hört und liest so was fast jeden zweiten Tag – besonders von Parteien, aber auch von großen Umweltverbänden. Der Haupttitel des Kongresses aber ließ einen denken, dass man da nach einer neuen, einer anderen Wirtschaftsform oder -richtung suchen will, weil weiteres Wirtschaftswachstum unmöglich geworden ist – nicht zuletzt wegen seiner hohen ökologischen Kosten –, weil gar eine Schrumpfung absolut notwendig geworden ist. Diese letzte Meinung wurde zwar auch von zwei Referenten geäußert. Aber ich bekam nicht den Eindruck, dass sie ernst genommen wurde.
Der Kongress litt an einer Schwäche: nämlich, er wurde von etablierten partei- und gewerkschaftsnahen Stiftungen gesponsert. Deren Vertreter sowie Vertreter von großen, etablierten Umweltorganisationen mussten halt die Positionen ihrer Partei bzw. Organisation vertreten. Diese glauben bekanntlich immer noch fest an die Möglichkeit eines nachhaltigen Wachstums. Ralf Füchs von der Grün-nahen Heinrich-Böll-Stiftung meinte sogar, es würde bis 2050 möglich sein, dass die 9 Milliarden Menschen, die dann in der Welt leben würden, etwa den gleichen, aber bis dahin nachhaltigen, Wohlstand genießen würden wie die Westler. Ich halte eine solche Hoffnung für lächerlich und auch gefährlich.
Bei solchen hoch optimistischen Zukunftsszenarien erübrigt sich natürlich die Frage, ob eine Überwindung des Kapitalismus notwendig ist. Zwei Referenten, die für eine Schrumpfung der hoch entwickelten Wirtschaften plädierten, bzw. sie für unvermeidlich hielten, meinten, für einen solchen Prozess sei eine Art Sozialismus notwendig. Viele thematisierten die Frage gar nicht, viele wichen ihr aus. Einige andere redeten einer "solidarischen Ökonomie" das Wort, wobei unklar bleibt, ob eine solche Ökonomie nur ein Sektor innerhalb einer kapitalistischen Volkswirtschaft sein soll oder mehr.
Der Madrider SZ-Reporter zitiert aus einem Plakat: "Wenn ihr uns nicht träumen lässt, bringen wir euch um den Schlaf." Aber die herrschende Klasse und ihre Parteien brauchen keine Angst zu haben. Denn "die Empörten", wie sich die Demonstranten dort nennen, sind nur empört, sie sind keine Systemveränderer. Auf einem anderen Plakat steht: "Wir sind keine Systemfeinde – das System ist uns gegenüber feindlich." So ist es, leider.

Montag, 23. Mai 2011

Pachamama und "Deep Ecology"

Politische Entwicklungen in Bolivien habe ich schon in zwei meiner Blog-Texte thematisiert. Das Land ist zurzeit nicht nur für die Linken interessant – d.h. nicht nur wegen der Bemühungen der derzeitigen Führung, dort einen "Sozialismus des 21. Jahrhunderts" aufzubauen – sondern auch für Umweltschützer, weil seine mehrheitlich indianische Führung ein ziemlich ungewöhnliches Verständnis der Ökologieproblematik zu haben scheint.
Evo Morales und seine Genossen haben den alten Pachamama-Kult der Hochland-Indianer wieder belebt und zu einem Politikum entwickelt. Es gibt in Bolivien seit einiger Zeit ein "Gesetz der Mutter Erde". Für die Aymara und Quetschua ist die Mutter Erde eine, "Pachamama" genannte, Göttin, der das Leben entspringt. In dem Gesetz, das auch ein Teil der Verfassung ist, werden Mensch und Natur gleichgestellt. Nach Morales "sind die Rechte der Mutter Erde sogar wichtiger als die Menschenrechte" (zit. nach Peter Burghardt, SZ., 27.04.2011). Dieses Gesetz und diese Worte von Morales haben zunächst wohl nur einen symbolischen Wert. Sie symbolisieren die Absicht seiner Partei "Bewegung zum Sozialismus", einem ökologischen Sozialismus Bahn zu brechen.
Auch andere Leute und Parteien hatten sehr viel früher als Morales und seine Genossen den Begriff ökologischen Sozialismus (oder Ökosozialismus) auf ihre Fahne geschrieben. Ich erinnere mich dabei an einen 1982 in Bielefeld von diversen Linken, Grünen und Ökos abgehaltenen Kongress über das Thema Umwelt und Arbeit. Ich erinnere mich an einen Kongress der SPD in den 1980er Jahren und an mehrere in Deutschland veröffentlichte Bücher über dieses Thema. Doch da war nichts ernst gemeint. Was sie alle meinten, war nur etwas mehr Umweltschutz im gegebenen Rahmen einer hoch entwickelten Industriegesellschaft: Wachstum sollte nachhaltiges Wachstum sein. Für richtige Linke sollte diese Industriegesellschaft und diese Art von Wachstum eine sozialistische Prägung haben. Um die Idee den von Arbeitslosigkeit bedrohten Menschen schmackhaft zu machen, wurde immer wieder behauptet, Umweltschutz würde Tausende von neuen Arbeitsplätzen schaffen. Das war alles. Keine Rede von der Gleichstellung von Mensch und Natur, von gleichen Rechten für beide.
Wenn aber die bolivianische Führung die oben zitierte Aussage von Morales ernst meint, wenn sie die sich selbst gestellte Aufgabe ernst nimmt, die Natur vor der Zivilisation zu schützen, dann müsste sie darauf drängen, dass sich die Menschheit von weiten Teilen der zurzeit von ihr fast total besetzten Erde zurückzieht, sie wieder zur Wildnis werden lässt, große Areale von Wäldern, Savannen, Flüssen, Sumpfgebieten usw. so lässt, wie sie momentan sind, ihre eigene Zahl erheblich reduziert und, im Allgemeinen, alle Arten von Wirtschaftswachstum stoppt. Sie müsste der Menschheit knallhart sagen, dass die Erde nicht allein für Menschen da ist, dass auch die anderen Arten – Pflanzen und Tiere, sogar Insekten – Kinder der Pachamama sind, dass auch sie ein Recht auf genügenden Lebensraum haben.
Eigentlich ist dieser letzte Gedanke in den Zielformulierungen Artenschutz und Erhalt der Biodiversität enthalten. Doch wie schlecht es zurzeit mit diesen Zielen bestellt ist, brauche ich meinen Lesern nicht zu erzählen. Schuld daran sind, allgemein gesagt, die wachsende Population unserer eigenen Spezies und unsere wachsenden Wirtschaften. Diese zwei Faktoren sind es, die es notwendig machen, dass wir Menschen immer größere Teile der Erdoberfläche für uns erobern. Zwar läuft dieser Prozess seit dem Neolithikum, seit Beginn der Industriellen Revolution aber hat er sich sehr beschleunigt. Schon in den 1960er Jahren drehte ein Naturfreund einen Film, dem er den Titel gab "No Room for Wild Animals" (kein Raum für wilde Tiere).
Aber gerade die Linken – zumindest die große Mehrzahl von ihnen, die ja mit der bolivianischen Führung sympathisieren – wollen nichts von all dem hören. Den Begriff Wirtschaftswachstum haben sie nur durch taktisch kluge und wohl klingende Begriffe ersetzt: nachhaltiges Wachstum, qualitatives Wachstum, selektives Wachstum, grünes New Deal usw. Und Leute, die die Anzahl von Menschen auf der Erde für zu hoch halten, werden von ihnen pauschal als Rechte beschimpft. Vor etwa drei Monaten hatte ich mit einem alten linken Freund ein Gespräch über dieses Thema. Er meinte, die Weltbevölkerung werde bis 2050 bei 9 Milliarden peaken (d.h. aufhören, weiter zu wachsen), und diese Anzahl von Menschen könnten problemlos ernährt/versorgt werden. Die Frage, wie viel Lebensraum dann noch für andere Arten übrig bliebe, konnte ich nicht stellen. Der Freund musste gleich gehen. Keine Zeit für politisch unkorrekte Fragen.
Eigentlich sind Rechte der Natur und nichtmenschlichen Lebens keine Erfindung der bolivianischen Führung. Auf der Grundlage der jahrzehntelangen Naturschutzbewegung in Europa und den USA formulierten in den 1980er Jahren Denker wie Arne Naess, Bill Devall und George Sessions eine philosophische Position, die sie Deep Ecology (Tiefenökologie) nannten. Das erste und wichtigste der acht Grundprinzipien ihrer "Tiefenökologie-Plattform" lautet: "Das Wohlbefinden und Blühen des menschlichen und nichtmenschlichen Lebens auf der Erde haben einen Wert aus sich selbst heraus (intrinsischen, inhärenten Wert). Diese Werte sind unabhängig von der Nützlichkeit der nichtmenschlichen Welt für menschliche Zwecke."
Die Tiefenökologen unterscheiden zwischen ihrer Position und der der großen Mehrheit der Umweltschützer, die sagen, der Mensch brauche Umweltschutz, der auch wirtschaftlich nützlich sei, weil dadurch viele Arbeitsplätze bei der Umweltschutztechnologie geschaffen werden könnte. Diese Haltung nennen sie shallow ecology (seichte Ökologie).
Morales und seine Genossen wussten wohl kaum etwas von deep ecology. Diese Ökophilosophie ist sogar in den intellektuellen Kreisen Deutschlands relativ unbekannt. Es ist ein großes Verdienst der Bolivianer, dass sie ihre Kombination von Tiefenökologie und Sozialismus (ihre Version des Ökosozialismus) in unser Bewusstsein gerückt haben. Ich wünsche ihnen auch in der Praxis viel Erfolg und den Mut, den vielen Widerständen zu trotzen.

Sonntag, 17. April 2011

Atomstrom abschalten --
Und wie soll es dann weitergehen?

Ein paar Tage nach dem GAU im AKW-Fukushima gab es in Köln eine erste Anti-Atomkraft-Demo, deren Hauptslogan lautete "alle AKWs abschalten, sofort und weltweit". Als ich ihn hörte, fiel mir ein, dass die Franzosen 80% ihres Stroms von AKWs bekommen. Es fiel mir auch ein, dass in Indien, meiner Heimat, schon 20 AKWs im Betrieb sind und dass die Regierung denkt, sie müsse noch mehr davon bauen, um die etwa 50 Prozent der Bürger, die ohne Strom leben, Zugang zum Stromnetz zu ermöglichen. Was würde geschehen, wenn die genannte Forderung der Kölner Demonstranten akzeptiert und alle AKWs weltweit und sofort abgeschaltet würden?
In Frankreich würden die Lichter zweifelsohne ausgehen. In Indien wird das keinen großen Schock auslosen. Die Hälfte der Inder leben ja sowieso ohne Strom, und die anderen sind es gewohnt, mit häufigen Stromausfällen zu leben. In Frankreich würde aber noch viel Schlimmeres geschehen. Die unzähligen Betriebe, die ihren Strom aus AKWs beziehen, würden den Laden dichtmachen. Millionen Menschen würden ihre Arbeit und Einkommen verlieren. Indien wird die Sache nicht so hart treffen. Da kommt ja der größte Teil des Stroms von Klima-killenden Kohlekraftwerken.
Na gut, nicht alle Atomkraftgegner sind so superradikal wie die genannten Kölner. Die meisten fordern einen möglichst schnellen, aber allmählichen Ausstieg, damit ein möglichst schmerzloser Übergang zur atomstromfreien Energieversorgung möglich wäre. Ich höre, in Deutschland, wo der Anteil des Atomstroms an der gesamten Stromverbrauch nur 23% beträgt, würde das keine allzu großen Schwierigkeiten bereiten. Zudem gibt es hier etwas Überkapazität. Aber sofort oder allmählich, so die Forderung der Wirtschaft, Ersatz für den fehlenden Atomstrom müsse bereitgestellt werden, und der darf nicht zu teuer sein. Ist das möglich? Hier beginnen die Probleme.
Kein Atomstromgegner schlägt Bau von mehr Kohle-, Öl- oder Gaskraftwerken vor. Übergang zum Zeitalter der erneuerbaren Energien sei der Königsweg. Diese seien nicht nur unerschöpflich, sondern stünden in technischer Hinsicht schon zur Verfügung. Sie würden den Ausstieg aus der Atomkraft ermöglichen sowie die Erderwärmung stoppen. Man dürfe nicht warten, bis die fossilen Energieträger zur Neige gehen. Man könne den Übergang schon jetzt beginnen. Selbst Scheikh Jamani, Ölminister Saudi Arabiens in den 1970er Jahren, sagte einmal: "Die Steinzeit ging nicht zu Ende, weil Steine knapp geworden waren. Und das Ölzeitalter wird zu Ende gehen, bevor die Ölquellen erschöpft sind." Was den Übergang noch attraktiver mache, sei die Tatsache, dass "die Sonne uns keine Rechnung schickt" (Franz Alt), und, wie der selige Hermann Scheer, schrieb: "Unvorstellbare Zeiträume sind es also, in denen die Sonne Menschen, Tieren und Pflanzen ihre Energie spenden wird. Und das in derart verschwenderischer Weise, dass sie die üppigsten Energiebedürfnisse sogar einer sich noch drastisch vermehrenden Menschen-, Tier- und Pflanzenwelt befriedigen könnte: Jährlich liefert die Sonne 15.000mal mehr Energie, als die Weltbevölkerung kommerziell verbraucht … ."
Meine Zweifel an solchen Hoffnungen habe ich ausführlich in meinen zwei Büchern dargelegt: Die nachhaltige Gesellschaft (2001) und Die Krisen des Kapitalismus (2009). Und ich befinde mich auch in wissenschaftlich berühmter (allerdings einer kleinen) Gesellschaft. James Lovelock, namhafter Chemiker und Vater der Gaia-Theorie, verlor seine Hoffnung auf erneuerbare Energien (er hatte es selbst mit Windkraft versucht). Der selige Wirtschaftswissenschaftler und Mathematiker Nicholas Georgescu-Roegen machte eine Untersuchung über den Solarstrom und kam zum Schluss: Solarstrom ist zwar machbar, nicht aber lebensfähig. Er schrieb, zur Zeit des Schreibens brauchten Solarstrom-Technologien mehr Energie zur Gewinnung und Herstellung aller dazu nötigen Materialien, Apparaturen und Industrien, als sie in ihrer gesamten Lebensdauer produzierten. Kurz, sie hätten eine negative Energiebilanz, seien also nicht lebensfähig. Der Grund dafür sah er in der geringen Energiedichte der Sonnenstrahlung, einer kosmologischen Konstanz. Georgescu-Roegen schrieb das 1978 und wiederholte seine These 1986 und 1992. Diese These ist von Solarstrom-Enthusiasten verworfen worden. Das ist eine alte Geschichte. Aber auch vor kurzem las ich in einem Leitartikel in der SZ: "Die Hoffnung, die Welt könnte schnell mit alternativen Energien versorgt werden und zur Stromgewinnung mal eben die Sonne anzapfen, ist naiv. … eine Formel zur schnellen und schmerzfreien globalen Energiewende gibt es nicht" (Karl-Heinz Büschemann, SZ, 19.3.2011). Mit oder ohne Energiewende, der Schmerz wird auf lange Sicht sehr groß sein, nämlich, das Ende unserer geliebten Industriezivilisation.
Die Kontroverse ist noch nicht entschieden. Einerseits geht die technologische Forschung und Entwicklung weiter; die Hoffnung stirbt ja zuletzt. Andererseits brauchen alle erneuerbaren Energien in Stromform – außer Wasserkraft – immer noch Subventionen in vielfältiger Form, um rentabel zu sein, sogar die Windkraft, die anscheinend eine leicht positive Energiebilanz aufweist. Diese Subventionen kommen von den Erträgen der Gesamtwirtschaft, die ja größtenteils mit fossiler und atomarer Energie getrieben wird. Die erneuerbaren sind also immer noch Parasiten der konventionellen Energien.
Die Kontroverse wird wohl in den nächsten zehn Jahren entschieden sein. Die gegenwärtige Lage aber macht mich sehr skeptisch. Indien ist ein sehr sonnen- und windreiches Land. Trotzdem sehen die Inder ihre Energiezukunft eher in Atomkraft und der Suche nach fossilen Energieträgern. Warum wohl? Ein anderer Grund für meine Skepsis ist das Ausbleiben einer überzeugenden Speichertechnik. Wenn sporadisch fließende erneuerbare Energien z.B. in Form flüssigen Wasserstoffs gespeichert werden sollen, dann gehen gut 90% der ursprünglichen Energieernte im Verwandlungsprozess verloren.
Vor dem Hintergrund der drohenden Verschärfung der Klimakrise und angesichts seiner Enttäuschung mit erneuerbaren Energien plädierte Lovelock für den Bau von mehr AKWs – mit der Begründung, dass wir den nächsten Generationen den Genuss eines Lebensstandards nicht verhindern dürfen, den wir noch genießen. Er hielt die Restrisiken für tragbar. Aber offensichtlich fiel ihm nicht ein, dass auch Uran eine nichterneuerbare Ressource ist.
Für diejenigen von uns, die die oben genannten Fakten und Zweifel nicht ignorieren wollen, ist es ratsam, uns allmählich auf eine andere, karge, Zivilisation vorzubereiten. Von Saudi Arabien kommt ein sehr sinnreicher Spruch: "Mein Großvater ritt ein Kamel; mein Vater fuhr ein Auto, ich fliege ein Privatjet; mein Sohn wird ein Kamel reiten."
Den Weg zu einer solchen neuen Zivilisation könnten wir am besten beschreiten, wenn wir vorher eine egalitäre Gesellschaft geschaffen hätten.

Freitag, 8. April 2011

Was Pachamama sagt --
Oder die bolivianische Konzeption des Sozialismus

Seitdem Hugo Chavez und Evo Morales ihr Vorhaben angekündigt haben, in ihrem jeweiligen Land eine sozialistische Gesellschaftsordnung – "Sozialismus des 21. Jahrhunderts" genannt – aufzubauen, schauen alle Linken der Welt interessiert auf ihre Politik. Ich auch.
Die Politik von Chavez finde ich weniger interessant. Die üppigen Einnahmen aus Ölverkauf zugunsten der unteren Schichten zu verteilen, kann nur so lange gut gehen, wie die Ölvorkommen nicht erschöpft sind. Die sind aber erschöpflich. Das ist Petrosozialismus, der zweifellos absterben würde, wenn das Öl nicht mehr so reichlich fließt wie zur Zeit.
Glücklicherweise ist die bolivianische Konzeption des Sozialismus, trotz des gleichen Namens, sehr viel anders. Sie könnte auch Ökosozialismus genannt werden. Bolivien hat auch Öl und Gas, nicht aber soviel, dass auf deren Basis, durch Umverteilung der Exporteinnahmen von oben nach unten, eine kurzlebige sozialistische Gesellschaft aufgebaut werden könnte. Und das Land hat sehr viel Lithiumvorkommen. Es liegt unter den ausgedehnten Salzwüsten. Große Mengen von Lithium, das ein wichtiger Grundstoff für allerlei Batterien ist, können gewonnen und vermarktet werden, wenn die Autofahrer der Welt massenweise auf Elektroautos umsteigen. Aber, wenn der Strom für Hunderte von Millionen E-Autos von Kohlekraftwerken kommen soll, wäre das kein Gewinn für Pachamama, das bolivianische Wort für Mutter Erde. Und es sieht nicht so aus, dass erneuerbare Energien bald die konventionellen Energien ersetzen könnten.
Vielleicht haben die Indio-Führer Boliviens das verstanden. Der Außenminister des Landes, David Choquehuanca, sagte einer Gruppe von deutschen Journalisten: "Wir wollen nicht besser, sondern gut leben". Dieses Prinzip – gutes Leben statt Jagd nach Wohlstand – öffnet die Möglichkeit für einen neu konzipierten Sozialismus, nämlich Ökosozialismus. Choquehuanca sagte weiter: "Seit mehr als 500 Jahren … haben wir aufgehört, gut zu leben. Nun aber haben wir wieder zu uns gefunden, … wir sind wieder Menschen geworden, die nur den Gesetzen der Natur unterworfen sind."
Ich hoffe, die Führer von Bolivien haben verstanden, was uns die Gesetze der Natur bei diesen Fragen aufnötigen. Die große Mehrheit der Ökonomen der Welt, inklusive der deutschen, haben das nicht verstanden. Sie träumen immer noch vom Segen des exponentiellen Wachstums. Ich hoffe, dass die bolivianische Führung verstanden hat, dass auf einer begrenzten Erde unbegrenztes Wirtschaftswachstum nicht möglich ist, dass Pachamama unmöglich 9 Milliarden Menschen tragen kann, ohne viele andere Arten aus ihrem Schoß zu vertreiben, dass eine wachsende industrielle Ökonomie unvermeidlich die Mutter Erde vergiftet.
Aber das gemeine Volk von Bolivien hat diese Gesetze der Natur offensichtlich noch nicht ganz verstanden. Darum gab es gewalttätige Proteste gegen die Entscheidung der Regierung, Benzinpreise nicht mehr durch untragbare Subventionen niedrig zu halten. Darum musste Evo Morales einen Besuch seiner Heimatstadt abbrechen. Die dortigen Bergarbeiter hatten ihn nämlich aus Protest gegen die Verteuerung wichtiger Lebensmittel ausgebuht. Dabei sehen die Bergarbeiter von z. B. Potosi mit eigenen Augen, dass die Minen, in denen einst riesige Mengen von Silber und Zinn gewonnen werden konnten, fast erschöpft sind.
Dass der Begriff "gutes Leben" abgekoppelt werden muss von mehr Konsum, ist wirklich schwer zu vermitteln. Glücklicherweise bemüht sich die bolivianische Führung darum. Eine deutsche Journalistin berichtet, dass ein Provinzgouverneur sich selbst das Gehalt gekürzt hat: er nimmt 12.000 statt 20.000 Bolivianos. Mehr brauche er nicht, sagte er. Er wolle das gute Leben für seine Leute, Gerechtigkeit nach 500 Jahren Rassisnus. Das ist eine sehr verschiedenartige Konzeption vom Sozialismus des 21. Jahrhunderts, eine sehr überzeugende.

Freitag, 11. März 2011

Der gewaltlose Aufstand der Ägypter --
Der halb rezipierte Gandhi

In den Tagen des friedlichen Aufstands in Tunesien und Ägypten las ich zwei Zeitungsartikel über Gene Sharp – einen alten, scheuen, US-amerikanischen Professor –, dessen praxisorientierte Schriften über gewaltlose Revolution seit Jahrzehnten weltweit Kämpfer für Freiheit und Demokratie inspiriert haben sollen. Zwei Texte sind besonders erwähnt worden: "From Dictatorship to Democracy" und "198 Methods of Nonviolent Action." Die Strategen der serbischen Bewegung Otpor, die erfolgreich gegen Milosevic kämpfte, sowie die der ägyptischen Jugendbewegung April 6, die zum Erfolg der Ägypter gegen das Mubarak-Regime maßgeblich beitrug, hatten diese Texte gelesen und die Ratschläge von Sharp beherzigt.
Was mich anregt, diesen Text zu schreiben, sind zwei Bezugnahmen auf Gandhi. An einer Stelle sagt Sharp, er sei sehr beeindruckt gewesen von der Disziplin, Furchtlosigkeit und Gewaltlosigkeit der Ägypter. Und dann fügt er hinzu: "Das ist direkt von Gandhi". An einer anderen Stelle schreibt der Autor eines der Artikel: "Auf der Grundlage seiner Studien über Revolutionäre wie Gandhi kommt Sharp zum Schluss, dass Förderung von Freiheit Strategie und Planung erfordert "
Klar, wer über gewaltlose Revolution schreiben will, muss mit Gandhi beginnen, und mit der von ihm geführten Bewegung für die Befreiung Indiens von der Kolonialherrschaft der Briten. Doch ich bin sehr unzufrieden damit, dass im gesamten Westen Gandhi nur für seine Gewaltlosigkeit verehrt wird. Das ist nämlich der halbe Gandhi.
Sharp hat über Strategie und Methoden der gewaltlosen Revolution bzw. Aktion geschrieben. Für Gandhi aber war Gewaltlosigkeit nicht bloß eine Methode oder Teil einer Strategie. Sie war für ihn auch Ideologie, ein wichtiger Aspekt seiner Gesamtvision für das befreite Indien. Die Unabhängigkeit war nur die wichtigste Voraussetzung für deren Verwirklichung. Ein Journalist fragte Sharp: "Sie haben Freiheitsbewegungen … untersucht. Ideologische Fragen spielten keine Rolle?" Sharp antwortete: "Nein. Ich wollte wissen, was die russische Revolution, ein chinesischer Bauernaufstand oder der Kampf um die indische Unabhängigkeit gemeinsam haben, welche Methoden sich für welchen Zweck eignen." Das klingt so, als sei ihm der Zweck egal. Dem ist aber nicht ganz so. Sharp hat auch einen Zweck oder ein Ziel, nämlich Förderung von Freiheit von despotischer Herrschaft und Demokratie. Mehr will er nicht.
Gandhi wurde kurz nach der Erreichung seines unmittelbaren Ziels, der Unabhängigkeit Indiens, ermordet, bekam also keine Zeit, für die Verwirklichung seiner Gesamtvision zu arbeiten. Und seine Jünger und Anhänger, die danach Indien regierten, kümmerten sich nicht um seine Vision. In Indien herrscht seit 1947 Freiheit, Demokratie, Parteienvielfalt etc., und Wahlen finden dort sehr regelmäßig statt. Aber es herrscht dort auch Ausbeutung, Unterdrückung, Korruption, Wirtschaftskriminalität, und sogar moderne Sklaverei. Das Gleiche ist der Fall in Bangladesh seit seiner Befreiung im Jahre 1971. Und ich fürchte, das wird auch in Tunesien und Ägypten der Fall sein.
Gandhis Gesamtvision (sollen wir sagen Ideologie?) könnte man heute eine Welt von ökologischen und nachhaltigen Gesellschaften nennen. Eine solche Welt wird gewaltfrei sein, denn da wird keine Gesellschaft Kriege brauchen. Er war der allererste Ökodenker der modernen Welt. Er begriff intuitiv, dass es Grenzen des Wachstums gibt. Er schrieb schon 1928: "Der Wirtschaftsimperialismus eines einzigen winzigen Inselkönigreichs hält heute die Welt in Ketten. Wenn eine ganze Nation von 300 Millionen eine ähnliche wirtschaftliche Ausbeutung praktizieren würde, würde sie die Welt kahl fressen wie ein Heuschreckenschwarm." Und 1940 schrieb er: "Nehru will Industrialisierung, weil er denkt, dass sie, wenn sie vergesellschaftet ist, frei von den Übeln des Kapitalismus wäre. Meine eigene Ansicht ist, dass die Übel dem Industrialismus inhärent sind. Man kann ihn vergesellschaften, soviel wie man will, die Übel kann man nicht ausrotten." In Ägypten aber sind nun die Erwartungen gewaltig gestiegen. Eine schlichte Dorffrau sagte: "Wir werden leben wie in Japan."
Gandhi äußerte sich auch ganz klar über den idealen politischen Rahmen für das Wirtschaften "in der gewaltlosen Ordnung der Zukunft". In einer solchen Ordnung, schrieb er 1947, " würde das Land dem Staat gehören, denn heißt es nicht 'alles Land gehört Gott'?". Als ihm 1924 jemand sagte, dass auch seine geliebte Nähmaschine in Fabriken hergestellt werden müsse, schrieb er: "Ich bin Sozialist genug zu sagen, dass solche Fabriken verstaatlicht werden sollten … . Sie sollten nicht für Profit [betrieben werden], sondern zum Wohle der Menschheit."
Das Gandhi-Bild des Westens muss vervollständigt werden.